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Video-Filmkritik Und eine Feder knallt auf das Parkett: „The Artist“

 ·  Michel Hazanavicius hat eine meisterliche Hommage an den klassischen Stummfilm gedreht. „The Artist“ bringt uns eine vergangene Kunstform noch einmal ganz nah.

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© F.A.Z., Delphi Video-Filmkritik: „The Artist“

Jean Dujardin, der Hauptdarsteller von „The Artist“, war neulich in einer amerikanischen Talkshow zu Gast. Als ihn der Moderator auf sein Vorbild Robert DeNiro ansprach, antwortete er mit einer stummen DeNiro-Parodie. Anschließend - „ein kleines Geschenk“ - parodierte er ein Kamel. Und dann DeNiro, der ein Kamel nachmacht. Dies alles, versteht sich, mit dem größten Respekt und zum kreischenden Vergnügen des Publikums.

So muss man sich die Art vorstellen, wie sich „The Artist“ dem Stummfilmkino nähert: mit Verehrung - und mit einem Augenzwinkern. Das eine wäre bloß museal, das andere nur ein Spaß; beides zusammen ist unwiderstehlich. Es gibt Filme, nach denen die Welt in ein anderes Licht, in kräftigere Farben getaucht ist; dieser gehört dazu. Und das, obwohl - nein, gerade weil - er schwarzweiß ist.

Der Mann bleibt stumm

Es beginnt mit einer Szene aus einem Agentenfilm. Der Held wird mit Elektroschocks gefoltert, sein Quälgeist (oder besser: ein eingeblendeter Zwischentitel) fordert: „Sprich!“, doch der Mann bleibt stumm. Dann ist der Film aus, wir sind in einem prächtigen Kinosaal, in dem George Valentin (Jean Dujardin), der Stargast der Premiere, mit seinem Hund Slapstick-Späße macht - aber nach wie vor hört man nur die Musik, die die Bilder begleitet, nicht den Applaus des Publikums, das Kläffen des Hundes, die Schritte auf der Bühne. In diesen zwei Minuten spult „The Artist“ die Kinogeschichte um achtzig Jahre zurück. Zuerst sehen wir nur einem Stummfilm zu. Dann, als sich der Vorhang schließt, sitzen wir mitten darin.

Seit den Anfängen des Tons im Kino gibt es unter Filmleuten eine Sehnsucht nach der Rückkehr ins Reich der schweigenden Bilder. Billy Wilder hat ihr mit „Sunset Boulevard“ eins seiner Meisterwerke gewidmet, Chaplin huldigte ihr im „Großen Diktator“, und auch bei Hitchcock, der noch mit Stummfilmen angefangen hat, blitzt sie immer wieder auf - man denke nur an die „stumme“ Mordszene in „Psycho“. Viele unvergessliche Bilder bei Kubrick (das tanzende Raumschiff!), Tarkowski, Kurosawa sind geräuschlos, nur mit Musik unterlegt; und auch Martin Scorseses neuer Film „Hugo Cabret“, eine Hommage an den Kinopionier Georges Méliès, spielt mit dem Reiz des Stummfilms (und seiner Überhöhung in 3D).
Leute forderten ihr Geld zurück

Aber alle diese Filme sprechen von etwas Unwiederbringlichem. Kein Regievirtuose bringt es mehr zurück. Und genau darin, dass er diese Wahrheit bestreitet, liegt der Knalleffekt von „The Artist“. Man mag sich kaum vorstellen, was passiert ist, als Michel Hazanavicius, der Regisseur, sein Projekt zum ersten Mal einem Produzenten vorgestellt hat: Lasst uns einen Stummfilm drehen! Dazu noch einen, der vom Untergang des Stummfilms handelt!

In Amerika und England soll es Leute gegeben haben, die nach den ersten Minuten des Films an die Kinokasse gelaufen sind, um ihr Eintrittsgeld zurückzufordern. Sie haben sich ihren Fortschrittsglauben bewahrt - und damit gerade das verpasst, was das Kino seinen Zuschauern trotz aller technischen Feinheiten immer seltener gewährt: Verzauberung und Entfesselung, Rührung und Entzücken, den Glanz und die Tiefe der Illusion. In „The Artist“ ist das alles wieder da.

Tänzerinnenbeine und ein frisches Gesicht

Vor dem Kino, in dem sein Film „A Russian Affair“ Premiere hatte - der nächste wird „A German Affair“ heißen -, fällt dem Stummfilmstar George Valentin ein weiblicher Fan vor die Füße: Peppy Miller, ein Fräulein mit Tänzerinnenbeinen und frischem Gesicht, das von den Pressefotografen sogleich abgelichtet wird. Im Filmstudio „Kinograph“, wo Peppy (Bérénice Bejo) sich als Statistin bewirbt, trifft er sie wieder und verschafft ihr eine kleine Rolle; sie bedankt sich mit einem Solo in seiner Garderobe, bei dem sie dem Frack ihres Idols heimlich jene Gefühle offenbart, die sie seinem verheirateten Träger nicht zu gestehen vermag. Und in Valentins Garderobe spielt auch jene Szene, die zum ersten Mal den Abgrund aufreißt, über dem diese Geschichte tanzt.

Denn auf einmal gehen dem in seiner stummen Welt eingeschlossenen George die Ohren über. Er hört das Glas auf seinem Schminktisch klirren. Er hört seinen Hund bellen. Er hört das Rauschen des Windes. Schritte klackern über das Pflaster, dazu Frauenstimmen. Eine Feder fällt mit dumpfem Knall zu Boden. George aber kann sich nicht wehren gegen den Lärm, er öffnet den Mund, um zu schreien, doch es kommt kein Laut. Da endlich wacht er schweißgebadet auf: Er liegt im Bett, es war nur ein Albtraum.

Aufstieg des einen, Niedergang des anderen

Mit der Traumsequenz, die ein filmisches Kunststück ganz eigener Art ist (Verbeugungen vor Murnau und Buñuel eingeschlossen), nimmt der Film die Kurve zum Melodram. Von nun an, es ist 1929, läuft die Uhr gegen das Stummfilmkino; und während der verstockte George sein gesamtes Geld in ein geräuschfreies Regieprojekt steckt und Schiffbruch erleidet, wird die skrupellos plappernde Peppy zum neuen Stern von Hollywood (dessen Schriftzug hier historisch korrekt „Hollywoodland“ lautet).

Der Aufstieg des einen und der Niedergang des anderen Stars bringen die beiden dennoch immer wieder zusammen, bis der lebensmüde Beau sich als Rekonvaleszent in Peppys Villa wiederfindet - die Originalaufnahmen entstanden auf dem Anwesen von Mary Pickford in Los Angeles -, wo auch sein Fahrer und sein zwangsversteigertes Mobiliar ein zweites Zuhause gefunden haben. Die Szene, in der George seine unter weißen Tüchern verborgenen Tische und Gemälde entdeckt, ist der zweite unsterbliche Augenblick in „The Artist“, denn sie erzählt durch den Schleier des Geschehens hindurch eine wahre Geschichte des Stummfilms: wie seine Formen und Gestalten in den Fundus des Tonkinos übergingen; und wie das Leben in ihnen unter der musealen Decke allmählich erlosch.

Liebeserklärung an das klassische Hollywood

Peppy und George aber bekommen ihr Happy End. Der Ausschnitt aus Bernard Herrmanns Filmmusik zu Hitchcocks „Vertigo“, der sie dorthin begleitet, ist in diesem Reigen der offenen und versteckten Zitate womöglich einen Tick zu lang (Kim Novak, Hitchcocks Hauptdarstellerin, hat sich im Branchenblatt „Variety“ über die „Vergewaltigung“ durch Hazanavicius beschwert), doch zum Schluss stimmt dann wieder alles. Bevor die Helden einander in die Arme fallen, macht der Geist der Zwischentitel einen letzten, zugleich seinen besten Witz (“Peng!“); und auf den Befehl des Bösewichts vom Anfang - „Sprich!“ - gibt jetzt Jean Dujardins Stimme die erlösende Antwort: „With pleasure“. Er sagt es mit französischem Akzent.

Vielleicht muss man wirklich ein 1967 geborener, als Gagschreiber und Fernsehregisseur erprobter Franzose sein, um eine derart hinreißende Liebeserklärung an das klassische Hollywood hinzukriegen. Inzwischen hat „The Artist“, nach dem Darstellerpreis in Cannes, auch noch drei Golden Globes gewonnen und gilt als Favorit für die Oscars. Für Michel Hazanavicius, der sich in seiner Heimat mit den James-Bond-Persiflagen der „OSS 117“-Serie einen Namen gemacht hat, öffnen sich damit in Amerika alle Türen. Aber einen Boom von Stummfilm-Hommagen wird „The Artist“ nicht auslösen. Er bleibt ein Solitär. Das stumme Bild ist die Kindheit des Kinos, und über die Komödienklassiker des Vorabendprogramm strahlt es weit in unsere Kindheit hinein. Aber es kehrt nicht zurück. Nur manchmal, wie in diesem Film, kommen wir ihm ganz nah.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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