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Video-Filmkritik: „Wind River“ : Das allerschwächste Glied in der amerikanischen Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Eine Tote im Schnee und die Gewalt der Verhältnisse: Taylor Sheridans Film „Wind River“ schickt Elizabeth Olsen als FBI-Agentin in die Wildnis von Wyoming – aus Las Vegas und höchst unpassend angezogen.

          „Die Antwort ist irgendwo da draußen.“ Für den Wildhüter Cory Lambert, der in dem Reservat Wind River im amerikanischen Bundesstaat Wyoming nach dem Rechten sieht, ist die Antwort immer irgendwo da draußen, in den Gegenden, wo man nur mit dem Motorschlitten hinkommt und wo Raubtiere leben, die so hungrig werden, dass sie nahe an die Gebäude der wenigen Bewohner kommen. Lambert ist einem Puma auf der Spur, als er eine schreckliche Entdeckung macht. Eine junge Frau liegt im Schnee, mit Blutspuren und erfrorenen Fingern und vor allem einem Detail: Sie war barfuß.

          Die Obduktion bestätigt die schlimmsten Befürchtungen. Natalie, die Tochter einer Familie vom Stamm der Arapahoes, wurde vergewaltigt und starb eines gewaltsamen Todes. Der Forensiker nimmt es allerdings ganz genau: Natalie starb an inneren Blutungen, weil bei den eisigen Temperaturen die Gefäße in ihrer Lunge platzten. Warum läuft eine Frau fern von allen schützenden Gebäuden barfuß durch den Schnee? Sie muss von einer überwältigenden Panik getrieben worden sein.

          Für die zuständigen Behörden in Wind River ist die Sache eine Nummer zu groß, aber für die Institutionen außerhalb des Reservats ist sie anscheinend eher eine Nummer zu klein. Das FBI schickt eine einzelne Agentin – und die kommt aus Las Vegas und ist höchst unpassend angezogen. Jane Banner (Elizabeth Olsen) muss zuerst winterfest gemacht werden. Dann sieht sie sich nahezu allein einer Situation gegenüber, in der sie als Frau aus einer zivilisierten Gegend nicht die besten Voraussetzungen mitbringt. Außer ein paar Siedlungen gibt es in Wind River nur noch ein Camp, in dem nach Öl gebohrt wird. Der Rest ist das „irgendwo da draußen“: Schluchten, Hänge, Felder, über denen gerade ein Schneesturm aufzieht.

          Gewohnheitsgemäß ohne Hilfe

          Cory Lambert muss ihr helfen. Und er bringt als erprobter Spurenleser nicht nur die nötigen Befähigungen mit, er hat auch ein Motiv, sich für den Fall zu interessieren. Seine Tochter Emily starb einen ähnlichen Tod wie Natalie, in ihrem Fall waren die Indizien noch unklarer – sie könnte einem Raubtier zum Opfer gefallen sein, ob dieses Raubtier ein Mensch war oder nicht, das ergibt eine Spannung, auf die Taylor Sheridan in seinem Film „Wind River“ zunächst abzielt: Der Mensch ist dem Menschen eine blutrünstige Großkatze.

          Allerdings ist die implizite Gesellschaftstheorie von Sheridan doch ein wenig komplexer. Denn er interessiert sich für das Reservat Wind River vor allem als einen Fall, in dem sich Konstellationen der gegenwärtigen amerikanischen Politik spiegeln. Die Vernachlässigung der Ureinwohner („I am used to no help“, sagt der lokale Polizeichef) ist ein Symptom für eine symbolische Entwurzelung, für eine Abkehr von dem Bezugssystem der Pioniergeneration, die mühsam lernen musste, dass man sich das Land und die Natur teilen muss.

          Populismus trifft auf Populismus

          Taylor Sheridan, den man als Schauspieler aus der Serie „Sons of Anarchy“ kennt, hat vor „Wind River“ auch Drehbücher geschrieben. Und vor allem mit „Hell or High Water“ (2017 ein Oscar-Kandidat) gab er zu erkennen, dass ihm daran gelegen ist, heutige Formen des Westerns zu finden – der Schauspieler Gil Birmingham, der dort neben Jeff Bridges als „Native American“ eine markante Rolle hatte, ist auch in „Wind River“ vertreten. Der populistische Antikapitalismus von „Hell or High Water“ (wo Banken überfallen werden und die Beute dann umverteilt wird) taucht hier in einer Nebenbemerkung auf, in der Cory über die Milliardäre lästert, die in Jackson Hole die Millionäre verdrängen. Unberührte Natur ist eine der letzten Ressourcen, die noch zur Disposition stehen. Und die Bewohner von Wind River haben davon so viel, dass sie sich in Ruhe mit dem Pumas in der Gegend beschäftigen könnten und mit der Wetterfestigung ihrer Häuser.

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          Irgendwo da draußen liegt aber auch ein Camp, in dem nach Öl gesucht wird. Deutlich bezieht sich Sheridan damit auf eine Konfliktlinie in der amerikanischen Politik, in der zwischen Naturschutz und Energieautarkie ideologisch heftig aufgeladene Streitigkeiten ausgefochten werden. In „Wind River“ trifft ein linker, integrativer Populismus auf einen Populismus der profithungrigen weißen Männer, wie ihn Donald Trump vertritt, der auch bereits Naturschutzbestimmungen aus der Zeit von Barack Obama zurückgenommen hat. Von der sukzessiven „Ökologisierung“ des Westerns ist also auch „Wind River“ geprägt, wobei dieses Erbe ja uralt ist: Cory Lambert ist als Wildhüter auch ein Wildtöter, die Figur lässt sich bis zu James Fenimore Cooper zurückverfolgen.

          Die schwächsten Glieder in der Erzählung

          Die Aufklärung des Verbrechens steht in „Wind River“ von Beginn an in einem Zusammenhang einer grundlegenderen Trauerarbeit. Mit dem Tode der beiden jungen Frauen macht die Gemeinschaft im Reservat eine Verlusterfahrung, die das ganze Leben überschattet, die aber tiefer zu liegen scheint. Cory musste sogar einmal zu einem „grief seminar“ nach Casper fahren, er hat von dort eine Weisheit mitgebracht, die Taylor Sheridan dann am Ende seines Films mit indigenem Wissen zusammenzuführen versucht: Der Tod gehört zum Leben wie die zweite Haut, die sich der Vater von Natalie ins Gesicht malt. Es ist eine Kriegsbemalung gegen die Melancholie.

          Nicht immer findet Taylor Sheridan dabei die Balance zwischen spannender Erzählung und symbolischer Bedeutung. „Wind River“ kämpft ein bisschen mit seinen Ausgangsbedingungen: Für einen Thriller sind die Möglichkeiten in der dünnbesiedelten Gegend doch stark beschränkt, die Lösung des Falls zeichnet sich sehr bald ab, und tatsächlich macht Natalies Schicksal schließlich nur ein Kapitel in einer Erzählung aus, die in den weiblichen „native Americans“ das allerschwächste Glied in der amerikanischen Gesellschaft sucht. Natalie und Emily sind aber im Grunde auch die schwächsten Glieder in einer Erzählung, die ein bisschen zu viel will, um wenigstens dem Schicksal der beiden Frauen wirklich gerecht zu werden.

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