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Filmkritik „Bridge of Spies“ : Spielbergs neueste Geschichtsdoppelstunde

Bild: F.A.Z., Fox Deutschland

Geiseltausch auf der Glienicker Brücke: Steven Spielberg erinnert im Film „Bridge of Spies“ mit Tom Hanks an die stillste Seite des Ost-West-Welt-Dramas.

          Ein kleiner feuchter Fleck unter der Nase von Tom Hanks gehört zu den stärksten Sinnbildern, die dem Regisseur Steven Spielberg je eingefallen sind: Dieser Schnupfen ist der Kalte Krieg.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dramatische Rekonstruktionen der fraglichen Zeit etwa fürs Fernsehen werden ja neuerdings damit beworben, mehr Action habe der Ost-West-Konflikt selten ausgespuckt. Spielberg passieren solche Dummheiten nicht; er weiß, dass jeder Versuch, unsere Erinnerung mit Schusswechseln zu beleben und mit Verfolgungsjagden zu beschleunigen, ein Missverständnis dieses speziellen Gegenstands wäre. Denn anders als der gegenwärtige „War on Terror“, der nicht nur im Fernsehen von extrem beweglichen Partisanenverbänden handelt, auf die man schlecht zielen kann, war der Konflikt zwischen der sozialistischen und der bürgerlichen Staatenwelt eben kein Tempowettstreit, sondern eine weltweite grippale Bewegungseinschränkung mit Ideenfieber, wirtschaftlichen Gelenkschmerzen und verschleimten Kommunikationskanälen. Zum Heulen und Husten, das Ganze - und dann nimmt eine ostdeutsche Jugendgang dem armen Tom Hanks als Wegzoll auch noch den Wintermantel weg! Der inzwischen ziemlich gesetzte Schauspieler gibt in Spielbergs neuester Geschichtsdoppelstunde den Versicherungsanwalt James B. Donovan, dem während der in den Vereinigten Staaten ätzend antikommunistischen Spätfünfziger die undankbare Aufgabe zufällt, einen sowjetischen Spion vor der Todesstrafe zu bewahren.

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          Zur Strafe dafür, dass ihm das tatsächlich gelingt, muss er seinen Schützling anschließend als Verhandlungsmasse im geplanten Tausch gegen gleich zwei westliche Geiseln der Kommunisten verschachern – erstens einen abgeschossenen U2-Aufklärungspiloten und zweitens einen amerikanischen Wirtschaftsstudenten, den in Ost-Berlin am 13. August 1961 die bewaffneten Kräfte der DDR aufgegriffen haben, während Arbeiterkampfgruppen die Bereitstellungsräume an der Grenze zu den Westzonen sicherten und damit anfingen, die Mauer zu bauen. Donovan, wie Spielberg ihn von den fürs Drehbuch verantwortlichen Brüdern Ethan und Joel Coen samt dem Fernsehprofi Matt Charman hat entwerfen lassen, glaubt an die amerikanische Verfassung, an due process, an pacta sunt servanda und überhaupt an alles, wofür der Westen seinerzeit zu stehen beanspruchte – weshalb ihm die Antikommunisten seine Fenster kaputtschießen und die Kommunisten ihn durch die Kälte scheuchen.

          Ein Winken aus frühesten Kinotagen

          Diese Kälte ist der eigentliche Stoff des Films. Spielberg malt sie mit dem durch hohe Fenster fallenden oder auf nassem Asphalt klebenden Knochenlicht, das bei ihm seit „Minority Report“ (2002) für dreierlei steht: erstens die moralische Unbedingtheit des Helden (am schönsten sah das 2012 in „Lincoln“ aus); zweitens die absolute Klarsicht auf Ursachen und Folgen moralischer Entscheidungen und schließlich drittens die Erinnerung daran, dass auch der Farbfilm den Gegensatz von Licht und Schatten, der aus dem Schwarzweißraum frühester Kinotage herüberwinkt, respektieren muss, wenn er seine medialen Stärken voll ausspielen will.

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