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Video-Filmkritik : Auge in Auge: Romantiker und Desperados

Bild: Prokino

John Maclean schickt Michael Fassbender mit Hut in die Prärie. „Slow West“ zeigt alles, was man von einem Western erwartet. Und überrascht dennoch durch Aktualität und die schöne Essenz des Betrügens.

          Es gab einmal eine Zeit, da hieß es, der Western sei tot. Dann war er aber doch wieder da, bis er wieder totgesagt wurde, und so ging das eine Weile hin und her, bis vor einigen Jahren das Serienfernsehen mit „Deadwood“ das Genre ganz selbstverständlich adaptierte und die Fragen nach Leben oder Tod obsolet wurden.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Erzählung „Der Gast“ von Albert Camus als Western zu verfilmen war bereits eine originelle Idee, die an die tiefgründigen Möglichkeiten erinnerte, mit schweigsamen Männern in grandiosen Landschaften eine komplexe Geschichte von Schuld, Verantwortung, Schicksal, Recht und Freiheit zu erzählen. Jetzt kommt „Slow West“ in unsere Kinos, das Langfilmdebüt des Musikers (The Beta Band) John Maclean und eine tatsächlich ziemlich langsame Angelegenheit von erstaunlich kurzer Laufzeit (84 Minuten), in denen dennoch alles geschieht, was wir von einem Western erwarten dürfen. Was vielleicht zeigt, dass es darauf gar nicht so sehr ankommt.

          Die Gier kommt erst spät ins Spiel

          Als der Film beim Festival in Sundance Premiere hatte, packten ihn Kritiker ins Fach des „psychedelischen Western“ (in dem allerdings nur einige wenige andere liegen, „Dead Man“ von Jim Jarmusch etwa). Tatsächlich wird aus „Slow West“ in der Erinnerung ein beständiges Auf- und Abblenden von seltsamen Szenen, in denen Personal, Szenerie und Aktionen bekannt sind – Kopfgeldjäger, die einander belauern, Indianer, die massakriert werden, Gejagte, die nicht wissen, dass sie bereits entdeckt sind, Lagerfeuer, an denen getrunken und erzählt wird, Schießereien und das einsame Haus in weiter Prärie. Und der Showdown natürlich, der hier ziemlich lange dauert und ein verblüffendes Ende findet.

          Spiel mit den Tod vom Lied: Michael Fassbender (links) und Jay Cavendish.
          Spiel mit den Tod vom Lied: Michael Fassbender (links) und Jay Cavendish. : Bild: Prokino

          Trotz dieser Standardelemente sieht das alles nur von fern vertraut aus, wie jene Schießerei in einer Handelsstation zum Beispiel, in der zwei hungrige Siedler die Angreifer sind, deren Kinder draußen stehen und vergeblich darauf warten, dass ihre Eltern wieder herauskommen. Und ganz ungewohnt ist die Motivlage des Films, in deren Zentrum die reine Liebe steht, die einen jungen unschuldigen Mann aus dem fernen Schottland in den Westen treibt, von dem er gar nicht glauben kann, wie wild er ist. Das klassische Westernmotiv der Gier kommt erst später ins Spiel. Dann allerdings in seiner reinsten Form: der Kopfgeldjagd. Zwischendurch sehen wir Bilder von einem Wald in dickem Nebel, der sich auf den Anzügen der Männer und auf den Pferden festsetzt, ein fernes Zitat aus dem Sergio-Leone-Film „The Good, the Bad and the Ugly“, in dem es der Staub war, der die Farbe der Uniformen eines Soldatentrupps unkenntlich machte. Hier ist der Nebel die Asche eines gebrandschatzten Indianerdorfs, die sich auf die Reiter senkt.

          Das Kopfgeld, hinter dem alle her sind

          Es geht um Folgendes: Kodi Smit-McPhee spielt Jay Cavendish, den jungen Schotten aus adligen Verhältnissen, der mit einem Pfadfinderhandbuch über den amerikanischen Westen in der Satteltasche durch diesen Westen reitet, weil er Rose sucht, die Frau, die er liebt und die mit ihrem Vater aus der heimischen Gegend verschwunden ist, weil die beiden wegen Mordes gesucht werden. Das erschließt sich aus den Rückblenden, die dem Fluss der Bilder ein paar strukturierende Pfeiler einhauen. Es ist ein Wunder, dass Jay offenbar schon viele Tage jenseits der Zivilisation überlebt hat, als er Silas Selleck begegnet, einem Kopfgeldjäger, der, nachdem er ihm zum ersten Mal das Leben gerettet hat, ihm seinen bezahlten Schutz anbietet und von nun an sein Begleiter ist. Michael Fassbender gibt diesen Silas als Ikone des Cool, nahezu sprachlos, von pragmatischer Fürsorge, die von wahrer Zuneigung schwer zu unterscheiden ist.

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          Silas sorgt weiterhin dafür, dass Jay am Leben bleibt. Und Jay führt Silas und eine Handvoll weiterer Kopfgeldjäger, die ebenfalls die Fahndungsplakate gesehen haben, zu Rose und ihrem Vater. Jay weiß offenbar gar nicht, dass auf die beiden das hohe Kopfgeld ausgesetzt ist, hinter dem alle her sind, und wie es aussieht, wissen auch Rose und ihr Vater das nicht.

          Mit ungebremster Gewalt

          Lange Zeit bleibt unentschieden, ob Fassbenders Silas ein gefallener Engel ist oder ein aufsteigender Teufel, was auch für Payne, einen anderen Kopfgeldjäger, gilt, den sie unterwegs treffen. Ben Mendelsohn spielt ihn mit deutlicher Lust am aufsteigend Teuflischen und immenser Energie, die in diesem langsamen Film ein paar energetische Bomben legen.

          „Bald wird das alles lange her sein“ – hat jemals ein Betrüger, der vermeintlich das indianische Erbe retten will, schöner gesagt, worum es im Western geht? Um diese kurze Zeit der Gesetzlosigkeit, diesen Augenblick in der Geschichte, in dem sich das romantische Gefühl eines bedingungslosen Neuanfangs mit ungebremster Gewalt Auge in Auge gegenüberstanden? Diesen Augenblick verlangsamt dieser erstaunliche Film auf die Dauer seiner Spielzeit. Dann ist er vorbei, und das alles tatsächlich lange her.

          Quelle: F.A.Z.

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