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Filmkritik: „Ready Player One“ : Der Weg aus dem Schein führt tiefer hinein

Alle sehen durch ihre Datenbrillen alles, nur einander nicht – bis auf Samantha (Olivia Cooke, in der Mitte), die als Einzige den erschütternden Durchblick hat. Bild: Warner Bros/Jaap Buitendijk

Steven Spielberg hat ein Buch verfilmt, das behauptet, die Zukunft sei ein Spiel, das ernster ist als heute das Leben. Was ist dabei herausgekommen?

          Wer den Rennwagenrückwärtsgang findet, gewinnt einen Schlüssel zur Macht. Wer korrekt und kreativ zu „Stayin’ Alive“ von den Bee Gees auf schwebenden Farbflächen tanzen kann, gewinnt das Herz einer digital maskierten Person, deren wirkliches Aussehen, Neigungen und Biologie unerkennbar sind. Wer nichts gewinnen will, sondern nur Vergnügen sucht, erhält an diesem Ort, der von fast überallher erreichbar, nämlich virtuell ist und OASIS heißt, unerschöpfliche Gelegenheiten dazu: Eine Ski-Schussfahrt die Pyramiden hinunter, eine Klettertour mit Batman, Surfen im ewigen Blau. Dazu gibt’s die freie Wahl, wie viele Beine man möchte, auch Schuppen, vielleicht Kiemen, und das Geschlecht kann man sich aussuchen. Zukunft? Gegenwart?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Während in unserer Gegenwartswirklichkeit unter Losungen wie „Inklusion“ und „Integration“ der Zerfall des Sozialen aufgehalten werden soll, laden Kunst und Spielecomputer mittels Illusion und Immersion zu immer längeren Tauchfahrten in gemachte Geborgenheiten ein. Zwischen dreitägigen Netflix-Binge-Watching-Sitzungen einerseits und struktureller Arbeitslosigkeit andererseits wächst die Bereitschaft zum Ein- und Abtauchen. Manchmal endet der Tauchgang im Ertrinken, dann helfen Psychiatrie und betreutes Wohnen.

          Ein seelisch stabiler Dauergast des Rechnerkonstruktes OASIS ist der Teenager Wade, den der Schauspieler Tye Sheridan in Steven Spielbergs neuem Science-Fiction-Film „Ready Player One“ mit Träumeraugen durch die Datenbrille gucken lässt. Wades Online-Avatar Parzival, mit windgezaustem weißem Haar und wechselnden Kostümen aus dem Fundus der Popkultur des späten zwanzigsten Jahrhunderts, ist Wades bevorzugtes Ich, weil der reale Junge nach dem Verlust seiner Eltern bei Verwandten in einem Riesenslum für abgestürzte Kleinbürger aus unzähligen teils nebeneinandergeschütteten, teils übereinandergestapelten Wohnmobilen hausen muss und sich dort nur so lange aufhält wie unbedingt nötig. Parzivals bester Freund in der OASIS ist ein Koloss aus Pixelerz namens Aech , seine große Liebe ebendort eine lila Elfe namens Art3mis.

          Jeder Ton blinkt, jedes Bild singt

          Das große gemeinsame Abenteuer dieses Trios kommt in Gang, als der Demiurg der OASIS, James Halliday, das Zeitliche segnet und sein Erbe inklusive Kontrolle über die OASIS ins Spiel wirft. Er hat ein Osterei in seiner geräumigen Schöpfung versteckt; wer’s findet, kriegt alles. So beginnt der Krieg zwischen freischaffenden „Gunters“ (ein Kofferwort für „egg hunters“) und „Sixers“ (ihre Online-Codes beginnen alle mit der Ziffer 6). Diese Sixers sind Mietlinge der Firma IOI (Innovative Online Industries), die eine feindliche Übernahme der OASIS plant, um die Werbehemmungen zu sprengen, die Halliday dem Spiel auferlegt hat.

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