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Video-Filmkritik : An der Schlachtplatte der Kinogeschichte

Bild: F.A.Z., Universum

Rache ist Blutwurst: Quentin Tarantinos Western „The Hateful Eight“ badet im Reich der Affekte, des Horrors und Splatters. Diesmal hat der Regisseur den Bogen überspannt.

          Siebzig Millimeter Ultra Panavision! Eine Ansage durchs Format, die bedeuten soll: großes Kino. Zumindest die Erinnerung daran. Ein Werk, das nicht aufs Smartphone passt. Von einem Filmemacher, der sich seine Visionen nicht schmälern lässt, einem, der mit einer Handvoll anderer, in Liebe zu ihren Erinnerungen ein bisschen wahnsinnig gewordener Kollegen eine Firma, nämlich Kodak, dazu bringt, Rollfilm in dieser Breite (und in einer Länge von 600 Metern für ausführliche, ungeschnittene Szenen) herzustellen, und eine andere, nämlich Panavision, in ihren Kellern graben zu lassen, um die entsprechenden Objektive zutage zu fördern. Was für ein Aufwand! Und dann gibt es kaum mehr Kinos, in denen noch die entsprechenden Projektoren stehen. Manchmal ist, wenn die Projektoren da sind (wie in den Filmmuseen), die Leinwand zu klein. Was für ein Schlamassel!

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und wozu das alles? Für „The Hateful Eight“, Quentin Tarantinos achten Film, wie der Vorspann vermerkt. Einen Western, für den nicht die gloriose Geschichte des Hollywood-Genres Vorbild und Weidefläche war, sondern der Spaghetti-Western der Sechziger. Und dort nicht etwa eine Serie wie „Django“, sondern ein Solitär, nämlich Sergio Corbuccis „Leichen pflastern seinen Weg“, der im Schnee spielt und im Original „Il grande silenzio“ hieß, was Tarantino offenbar zum Anlass genommen hat, in seinem Schneewestern für ununterbrochenes Gequassel zu sorgen. Dies ist sein, das darf verraten werden, in Bild und Ton geschwätzigster Film.

          Nach dem Krieg hat der Major umgesattelt

          „The Hateful Eight“ hat eine längere Vorgeschichte, ausgerechnet im Netz, wo vor zwei Jahren das Drehbuch illegalerweise die Runde machte, woraufhin Tarantino sagte: „Diesen Film drehe ich nicht mehr“, sich beleidigt zurückzog, vorübergehend. Er überlegte sich die Sache dann doch, und jetzt ist der Film da, in diesem wahnsinnigen Format (er läuft aber auch im üblichen, in den meisten Kinos), und dort, wo er in voller Größe und Breite projiziert wird, gibt es, wie früher, eine Ouvertüre und eine Pause nach dem dritten Kapitel.

          Am Anfang ist Schnee. Viel Schnee über weiter Landschaft, eine dicke Schicht auf einem Kruzifix, an dem bald eine Kutsche vorbeifahren wird. Jenseits des Kruzifixes sitzt, wie wir kurz darauf sehen werden, Samuel L. Jackson in der Rolle des Majors Marquis Warren, des ehemaligen Majors, muss man sagen, aber die blaugelbe Unionsuniform trägt er noch, auch wenn er nach dem Krieg auf Kopfgeldjäger umgesattelt hat. Er sitzt auf zwei steifgefrorenen Leichen.

          Wenn der Kopfgeldjäger feuchte Augen bekommt

          In der Kutsche sitzt Kurt Russel in der Rolle von John Ruth, seinerseits ebenfalls Kopfgeldjäger. Er bewacht mit gezogener Pistole Jennifer Jason Leigh in der Rolle von Daisy Domergue, der er bereits ein blaues Auge geschlagen hat, bevor der Film losging. Die beiden Kopfgeldjäger palavern ein bisschen, angesichts der Lage, dass die Kutsche sich vor einem gewaltigen Schneesturm in Sicherheit bringen muss, vielleicht ein bisschen zu lange; doch dann nimmt Major Marquis Warren ebenfalls in dieser Kutsche Platz. Seine zwei Toten, für die er Lösegeld kassieren will, kommen aufs Dach.

          John Ruth hingegen liefert seine Geldbringer lebend ein, um sie dann hängen zu sehen. Deshalb heißt er auch „The Hangman“. Und obwohl er Daisy bald den Ellenbogen ins Gesicht rammt, so dass ihr das Blut aus der gebrochenen Nase über Gesicht und Hals tropft, streckt er ihr doch auch galant die Hand entgegen, wenn sie schließlich aus der Kutsche steigen. Aber bis es dazu kommt, dauert es eine ganze Weile. Tarantino lässt sich Zeit. So viel Zeit, dass das alles etwas umständlich wirkt, dass die Dialoge ihren Witz verlieren, dass sich der Eindruck einstellt, wir würden hingehalten - woraufhin aber? Auf das Blutbad, auf das dies alles notwendig hinausläuft?

          Männer im Schnee: Samuel L. Jackson als Marquis Warren und Kurt Russell als John Ruth.
          Männer im Schnee: Samuel L. Jackson als Marquis Warren und Kurt Russell als John Ruth. : Bild: dpa

          Der Weg in der Kutsche ist jedenfalls lang. Und Ruth und Warren reden weiterhin viel. Über die Kopfgeldjagd. Über den Bürgerkrieg, der erst seit ein paar Jahren vorbei ist. Ein Brief von Präsident Lincoln, den Major Marquis Warren nahe seinem Herzen trägt, wird herausgeholt, glattgestrichen, vorgelesen. John Ruth hatte darum gebeten, er bekommt immer feuchte Augen, wenn er den Wortlaut hört, was offenbar schon häufiger der Fall war. Dann treffen sie einen Mann, der behauptet, der nächste Sheriff von Red Rock zu sein, Chris Mannix heißt, für die Südstaaten gekämpft hat und von Walton Goggins gespielt wird. Auch er will mit in der Kutsche fahren, auch er will aus dem Schnee raus, auch mit ihm muss lange diskutiert werden, bevor er einsteigen kann. Mit ihm bekommen die Dialoge eine rassistische Würze, die Luft wird dicker.

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