Woher wissen wir eigentlich, wie die fünfziger, die sechziger, die siebziger Jahre ausgesehen haben? Aus Fotoalben? Aus dem Fernsehen? Nein. In Fotoalben finden wir nur, was das Auge der Familienkamera gesehen hat, Eltern, Kinder, Onkel und Tanten, Geburtstage, Schlittenfahrten, Burgen im Sand.
Geschichte im Guido-Knopp-Format
Und der Bildschirm zeigt immer das, was auch damals in den Nachrichten gemeldet wurde, Ungarn-Aufstand, Mauerbau, Mondlandung, die Beatles und die Stones: Material für künftige Jahrestage. Und wenn das Fernsehen, in einer beliebten Abwandlung des Guido-Knopp-Formats, doch einmal Privatgeschichte erzählen will, puzzelt es bloß Hunderte von Albenfotos zu einem Wimmelbild vom Sommer neununddreißig, den Swinging Sixties oder dem Kalten Krieg zusammen. Ein Überblick entsteht so vielleicht, ein Einblick nicht.
Es muss etwas dazwischen geben, eine Form, von der Vergangenheit zu reden, ohne sich ins bloß Private oder gediegen Historische zu verziehen. Und hier kommt das Kino ins Spiel. Um die Geschichten, die es erzählt, glaubhaft zu machen, muss es aus beiden Quellen schöpfen, den Fotoalben und den Fernsehbildern.
Glaubhafte filmische Fiktion
Und wenn ein Film seine Sache gut macht, fügt er beides zu einem Dritten zusammen, das sich gleichberechtigt neben der historischen Wirklichkeit behauptet. Wir können heute kaum noch über den Vietnam-Krieg reden, ohne an Coppolas „Apocalypse Now“ zu denken, und Michael Hanekes „Weißes Band“ hat, obwohl erst vor wenigen Jahren entstanden, inzwischen fast den Rang eines Dokuments über das Landleben in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Man weiß, dass diese Filme Fiktion sind, aber man wird das Gefühl nicht los, dass alles ganz genau so ausgesehen hat.
Oskar Roehlers Film „Quellen des Lebens“ beginnt mit der Rückkehr eines deutschen Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft. Der Mann, er heißt Erich Freytag, ist dreckig, abgerissen, er stinkt, und er hat fast keine Zähne mehr. Er sieht nicht aus wie einer jener Kriegsheimkehrer, die in den zeitgenössischen Wochenschauen oder auch in Sönke Wortmanns „Wunder von Bern“ zu sehen sind. Und er wird auch nicht mit offenen Armen empfangen.
Ebenso frech wie erfrischend
Weil seine Frau, die neben den zwei ehelichen Kindern noch ein drittes, uneheliches, hat, mit ihrer Schwägerin zusammenlebt, muss er sich auf einer Holzbank im Hof einquartieren, wo ihn sein ältester Sohn mit Brötchen und Kaffee versorgt. Anderntags schreibt er einen Brief an seine Frau: Falls sie bis zum Abend ihre Geliebte, seine Schwester, nicht rauswerfe, werde er fortgehen und nie wiederkommen. Die Frau entscheidet sich, und Erich zieht wieder zu Hause ein.
Dreißig Jahre später spendet derselbe Mann, der immer noch von Jürgen Vogel gespielt wird, seiner todkranken Frau eine Niere. Er stirbt fast an der Operation, aber die Frau erholt sich. Und auch das sieht nicht im Geringsten so aus, wie wir es aus Fernsehserien oder anderen deutschen Filmen kennen, es wirkt weder heroisch noch sentimental, sondern auf rührende Weise selbstverständlich. Und das sind nur zwei von zahllosen Szenen, in denen Oskar Roehler die offiziöse Bildgeschichte der Bundesrepublik auf ebenso freche wie erfrischende Weise widerruft.
Basierend auf dem Familienroman
Oskar Roehler, 1959 geboren, ist der Sohn der Schriftstellerin Gisela Elsner und des Lektors Klaus Roehler. Er wuchs bei seinen Großeltern in Niederfranken und bei seinem Vater in Berlin und Darmstadt auf, und vor drei Jahren schrieb er über seine Jugend und die Geschichte seiner Familie einen Fünfhundert-Seiten-Roman, „Herkunft“, den er jetzt als „Quellen des Lebens“ verfilmt hat.
Das Buch wurde von einigen Kritikern gelobt, von anderen als literarisch anspruchslos abgetan. In der Tat hat Roehler nicht den Ehrgeiz, den vielen unlesbaren deutschen Gegenwartsromanen einen weiteren hinzuzufügen. Er schreibt klar, drastisch, präzise und mit der Hingabe an alle seine Figuren, die einen echten Erzähler von einem Kunstklimmzügler unterscheidet. Und das gilt auch für seinen Film.
Eine persönliche Literaturverfilmung
Wenn es etwas gibt, das „Quellen des Lebens“ trotz allem als Literaturverfilmung kennzeichnet, dann ist es der Umstand, dass der Held - er heißt Robert - in dem Augenblick, als die Handlung einsetzt, noch nicht auf der Welt ist. Auch das ist ein Kinoklischee, aber Roehler verwandelt es in ein Mittel der Erkenntnis, indem er über die erste der knapp drei Kinostunden, die sein Film dauert, einfach die Geschichte von Roberts Vater erzählt.
Wir sehen also, wie dieser Klaus Freytag (Moritz Bleibtreu) als Sohn des Gartenzwergfabrikanten Erich und angehender Dichter im Fränkischen aufwächst, wie er die zwei Seiten - die schwitzende und die versnobte - des deutschen Nachkriegsspießertums kennenlernt und seine große Liebe (Lavinia Wilson) trifft und wie diese Liebe ihn als Autor, Mann und Vater in die Knie zwingt.
Eine Kindheit ohne Zuhause
Und wir sehen zugleich, wie der Sohn, der in schmutzigen Windeln greinend über den Teppich robbt, als erwachsener Sohn auf diesen Vater zurückblickt. Denn ebendarin liegt die große Wahrhaftigkeit von Roehlers Film: Er tut nie so, als wäre es tatsächlich genauso gewesen, wie er es zeigt. Er lässt keinen Zweifel daran, dass der Motor seiner Geschichte die Erinnerung ist, das Gefühlsbild einer Kindheit, das durch die Kamera scharf gestellt wird.
Deshalb kann er es sich leisten, vom Berlin der sechziger Jahre ohne die üblichen Krawallbilder und von einem Rimini-Urlaub wie von einem Höllentrip zu erzählen. Und deshalb kann er die alte Engtanzschnulze „I’d Love You to Want Me“ von Lobo auf der Leinwand abnudeln, bis sie einen tief in die eigene Jugend zurückreißt, in die Zeit, als das Kino gegen alle Schmerzen des Lebens geholfen hat, sogar gegen die der Liebe.
Im deutschen Film gilt Oskar Roehler als Außenseiter, weil er sein eigenes Ich auf eine Weise in seine Arbeit einbringt, die vielen anderen zu riskant ist. Zweimal, in „Elementarteilchen“ und zuletzt in „Jud Süß“, hat er es mit fremden Stoffen versucht und sich dabei verhoben. Jetzt, mit „Quellen des Lebens“, ist er wieder ganz bei sich selbst. Und das ist ein Glück, für das Kino und für uns.