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Video-Filmkritik : Emphatischer kann man über Dichtkunst kaum erzählen

Bild: dpa

Paterson liest „Paterson“ in Paterson: Jim Jarmuschs neuer Film ist ein leises Meisterwerk, das die sonstige laute Kinokonkurrenz stumm machen sollte vor Neid.

          Alle Wege in Paterson führen wieder nach Paterson. Der Bus weist als Zielort Paterson aus, der Busfahrer heißt mit Vornamen Paterson, und sein Lieblingsbuch ist „Paterson“, das große epische Gedicht, das William Carlos Williams über dreißig Jahre hinweg verfasst hat. In Jim Jarmuschs Spielfilm „Paterson“ erscheint die gleichnamige Mittelstadt im Bundesstaat New Jersey als in sich eingeigelter Ort, und das Leben von Paterson, dem jungen Mann, ist mindestens so hermetisch wie sein Wohnort Paterson. Natürlich ist der Film auch dortselbst gedreht worden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Stadt und Mann sind gleichsam die Titelhelden, beide untrennbar verbunden, denn die Stadt verschafft durch ihre Gegenwart dem Mann sein Auskommen, das ihm wiederum ermöglicht, seiner Leidenschaft, der Dichtkunst, zu frönen. Stets führt er ein Notizbuch mit sich, das außer ihm niemand lesen darf, und darin notiert er Verse: im Keller seines schlichten Eigenheims, im Bus vor Beginn der Tagesschicht oder nach der Arbeit am Wasserfall, der größten Attraktion der Stadt. Seine Frau Laura ermutigt den Gatten, mit seiner Lyrik doch an die Öffentlichkeit zu gehen, doch der will aus seinem Schneckenhaus gar nicht heraus. Und Lauras Urteil ist das einer Träumerin, die für sich selbst ständig neue Lebensziele entwickelt und eine Faszination für Schwarzweißkontraste hat. Sie prägen das ganze Interieur des gemeinsamen Hausstandes. Angesichts der Begeisterung dieser Frau, die keine Zwischentöne kennt, ist Paterson erfreut, aber auch angemessen zurückhaltend.

          Ein Saboteur der häuslichen Ordnung

          Der Schauspieler Adam Driver, der im jüngsten „Star Wars“-Film einen ungeachtet der Schematisierung fulminant verführerischen Schurken spielte, verleiht nun seinem Paterson eine geradezu gespenstische Ruhe. Selbst in dessen Gedichten brodeln keine Leidenschaften auf, und wenn ihn die streng chronologisch auf acht Tage verteilte Handlung jeweils frühmorgens im Bett zeigt, passiert auch dort nichts, was über zärtliche Rituale vor dem Aufstehen hinausginge. Der ganze Tag ist getaktet, immer wieder lässt Jarmusch auf der höchst subtil gestalteten Tonspur des Films leise tickende Uhren anklingen. Frühstück, Arbeitszeit, Heimkehr, kurzes Gespräch mit Laura, Abendspaziergang mit der Bulldogge Marvin, dabei Einkehr in einer Nachbarschaftskneipe, abermalige Ankunft zu Hause, Nachtruhe - so sieht das Werktagsprogramm von Paterson aus. Und dazwischen wird gedichtet. Gelesen übrigens vor dem Einschlafen, aber das sieht man nur an den wechselnden Büchern auf Patersons Nachttisch. Dieser Film braucht aufmerksame Zuschauer.

          Laura dagegen sitzt den ganzen Tag zu Hause, und ihre Darstellerin Golshifteh Farahani, deren fremdländische Abstammung und somit auch Einsamkeit in der uramerikanischen Stadt Paterson von Jarmusch wieder durch die Tonspur zum untergründigen Thema gemacht wird, macht aus dieser Figur eine überschäumende Optimistin, wobei sich die Lebensfreude ganz auf ihren Mann konzentriert. Und auf Marvin, der bei dem Paar als Kinderersatz fungiert, aber nur von Laura geschätzt wird. In einer hinreißenden Szene entlarvt Jarmusch denn auch die Bulldogge als Saboteur der häuslichen Ordnung, und damit ist schon vorausgewiesen auf eine spätere Tat des Hundes, die das ganze Lebensmodell seines Herrchens in Frage stellen wird. Doch einen Dichter wie Paterson in einer Stadt wie Paterson, die ein Gedicht wie „Paterson“ hervorgebracht hat, bringt so leicht nicht einmal das aus der Ruhe.

          Heimat und Befremdung durch die Kunst

          In der langen Reihe von Jarmusch-Filmen knüpft dieser in der Genauigkeit der Beobachtung eines städtischen Mikrokosmos am ehesten an „Ghost Dog“ von 1999 an, aber auch der noch zehn Jahre ältere „Mystery Train“ hat hier Pate gestanden. Vor allem durch die Wiederkehr des damaligen Hauptdarstellers Masatoshi Nagase, der jetzt in „Paterson“ wieder als japanischer Tourist einen Inspirationsort amerikanischer Kultur besucht - diesmal nicht als junger fernöstlicher Elvis-Aficionado, sondern als ein gestandener Dichter, der auf den Spuren von William Carlos Williams wandelt. Und der dem Busfahrer Paterson, den er am Wasserfall trifft, die Augen dafür öffnet, dass es aus dieser Stadt doch ein Entkommen geben kann. Denn er erzählt von einem anderen berühmten Dichter, der sogar in Paterson geboren wurde und dann im nahen New York weltberühmt geworden ist: Allen Ginsberg.

          Die Literatur hat in Jarmuschs filmischem Universum nie dieselbe große Rolle gespielt wie die Musik, doch mit „Paterson“ holt sie nun mächtig auf. Emphatischer kann man über Dichtkunst kaum erzählen, als Jarmusch es hier tut. Dabei erfolgt es vollkommen unaufgeregt, durch die schiere Evidenz der Freude an der Verskunst, die auch ein kleines Mädchen pflegt, mit dem sich Paterson unterhält - einem der zahlreichen Zwillinge, die diesen Film bevölkern, seit Laura ihrem Mann von einem nächtlichen Traum erzählt, in dem sie Zwillingsnachwuchs bekommen haben. Die zahllosen Sehnsuchtssignale, die der Film setzt, kulminieren in der Begegnung mit dem Japaner, der Paterson beim Abschied ein Geschenk macht, das dessen Leben wieder einen Anstoß gibt - und gerade damit einen neuen Grund, in Paterson zu bleiben. So wunderbar über Heimat und Befremdung durch die Kunst haben sonst in den letzten zwanzig Jahren nur Wayne Wang mit „Smoke“ und Wong Kar-Wai mit „My Blueberry Nights“ erzählt, beides nicht zufällig asiatische Regisseure in Amerika. Mit Jim Jarmusch ist ihnen nun derjenige unter den amerikanischen Kollegen gefolgt, der schon immer eine Art Zen-Haltung beim Filmemachen kultiviert hat. „Paterson“ ist ein leises Meisterwerk, das die sonstige laute Kinokonkurrenz stumm machen sollte vor Neid.

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