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Veröffentlicht: 08.03.2017, 14:01 Uhr

Video-Filmkritik: „Moonlight“ Ein Traumlicht für eine neue Welt

Die Geschichte eines Kindes, das anders ist: „Moonlight“ von Barry Jenkins, ein Film voller Sehnen und Schönheit, kommt nach seinem Oscargewinn als bester Film endlich in die deutschen Kinos.

von
© DCM Filmdistribution, F.A.Z. Verena Lueken über den Oscargewinner „Moonlight“

Kinder sind oft grausam untereinander. Sie riechen förmlich, wenn eines von ihnen anders ist als die Mehrzahl, schwächer vielleicht, was möglicherweise nur bedeutet: weniger kriegerisch. Sie nehmen seine Spur auf. Jagen es, stellen es, verprügeln es. Gewalt, das ist die eine Erfahrung, die das gejagte Kind macht. Einsamkeit die andere.

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Das einsame Kind, das anders ist, heißt in Barry Jenkins’ Film „Moonlight“ in verschiedenen Phasen seines Lebens unterschiedlich. Der Name, den seine Mutter ihm gab, ist Chiron. Als Kind wird Chiron von denen, die ihn jagen, und auch von seiner Mutter „Little“ genannt. Als Teenager ist er Chiron. Als Erwachsener heißt er Black. Die verschiedenen Namen bedeuten auch: Er verändert sich. Er ist ein anderer in jedem der Lebensabschnitte. Seine Erfahrungen als Kind machen ihn zu einem schweigsamen, traurigen Teenager. Seine Erfahrungen als Teenager zu einem gestählten, aber immer noch traurigen Mann, der sich durchsetzt, gepanzert, aber nur gegen physische Angriffe.

Zum Spielen, aber auch zum Jagen

Es geht aber nicht ums Durchsetzen in „Moonlight“. Es geht um die Sehnsucht, die mit dem zarten Kinderkörper bis in den aufgepumpten Leib des erwachsenen Mannes gewachsen ist. Die Sehnsucht nach einem anderen Mann. Kevin heißt er, ein Freund als Kind, ein Junge, mit dem ein Augenblick der Intimität möglich war als Teenager, ein Freund wieder als Mann. Herbeigesehnt wurde er als Liebhaber. Das ist der eine Teil der Geschichte - jener Teil, der dafür verantwortlich ist, dass „Moonlight“ immer wieder als Coming-of-Age-Story eines schwarzen schwulen Teenagers beschrieben wird.

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Der andere Teil aber besteht aus Licht, Farben, aus Bewegung und Miami. Damit ist nicht das Miami der Stuck- und Art-déco-Paläste gemeint, sondern das Miami der Sozialbausiedlungen für Schwarze, der projects am Rand der Stadt, der Siedlungen, in denen leere Wohnungen als Drogenquartiere benutzt werden und Kinder mit zusammengeballten Zeitungsseiten Fußball spielen. Liberty City heißt die Gegend sarkastischerweise, in der „Moonlight“ am Originalschauplatz und mit Kindern und Jugendlichen aus der Gegend und ihrer Highschool gedreht wurde. Weiße leben hier nicht. Drogen gehören zum Alltag. Zwischen den niedrigen klapprigen Häusern liegen weite unbebaute Flächen. Offenes Land, zum Spielen, aber auch zum Jagen.

Wer er sein will, entscheidet er allein

Es ist die Gegend, in der Tarell Alvin McCraney und Barry Jenkins aufgewachsen sind. Sie kannten einander nicht, bevor die Produzentin Adele Romanski sie zusammenbrachte. Adele Romanski hatte ein nie veröffentlichtes Theaterstück von Tarell Alvin McCraney entdeckt: „In Moonlight All Black Boys Look Blue“ heißt es und wurde zum Ausgangspunkt des Drehbuchs, in dem Barry Jenkins seine Erfahrungen und Erinnerungen an Liberty City mit denen von Tarell Alvin McCraney verband. Dazu gehörte bei beiden die drogensüchtige Mutter.

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Auch Chirons Mutter ist drogenabhängig. Naomie Harris spielt diese Paula gerade so, als würde sie vor unseren Augen im Verlauf des Films verfallen, im Verfall aber noch darum kämpfen, ihren Sohn innerlich nicht zu verlieren, ihm Zuwendung zu geben, bevor sie sein Geld nimmt. Man spürt, diese Figur wurde nicht auf Papier geschaffen. Der Dealer, der sie mit Crack versorgt, ist der Kubaner Juan. Er ist gleichzeitig derjenige, der Chiron offenbar zum ersten Mal in dessen Leben eine Art Vater ist. Ein Mann, der ihn ernst nimmt. Ein Mann, der ihn beschützt. Ein Mann, der ihn aufnimmt, und der Mann, der ihm das Schwimmen beibringt. Juan ist auch der Mann, der Chiron sagt, er allein entscheide darüber, wer er sein, wer er werden will. Der Mann, der seine Sexualität respektiert, was immer sie sei. Als der kleine Chiron an seinem Tisch sitzt und leise sagt: „Ich hasse meine Mutter“, ist Juan der Mann, der sagt: „Ich hasste meine Mutter auch. Jetzt vermisse ich sie mehr, als ich dir sagen kann.“ Mahershala Ali hat nahezu alle Preise, die es zu gewinnen gibt, für seine Darstellung dieses Juan gewonnen, jeden einzelnen zu Recht.

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