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Video-Filmkritik : Von der Kneipe bis zum Tod

Bild: NFP

Oliver Hirschbiegels Film „Elser“ erzählt das Leben des Hitler-Attentäters Georg Elser und gleichzeitig dessen Liebesgeschichte. Keines von beidem gelingt ihm richtig.

          Die Filme von Oliver Hirschbiegel darf man getrost beim Nennwert nehmen. „What you see is what you get“, das gilt bei ihm noch mehr als bei anderen Regisseuren, und vielleicht hat das auch damit zu tun, dass Hirschbiegel kein besonderes Interesse oder Lebensthema im Kino hat, sondern sich lieber von Fall zu Fall für eine Figur und eine Geschichte gewinnen lässt. Die Autoren liefern die Story, er liefert die Form. Was man dann aber bei ihm sieht und bekommt, kann je nachdem, ob es um Hitler, Lady Di, die Borgias oder ein außerirdisches Virus geht, eine ausgewachsene Banalität oder eine weltgeschichtliche Schrecksekunde sein; und nicht selten ist es beides. Das gilt auch für „Elser“.

          Die Lebensgeschichte des Attentäters

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Hirschbiegel hat die Lebensgeschichte des Attentäters aus dem Münchner „Bürgerbräukeller“ verfilmt, nach einem Drehbuch von Fred Breinersdorfer (und seiner Tochter Léonie-Claire), der auch schon das Buch zu Marc Rothemunds „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ (2005) verfasst hat. Das Strickmuster der Geschichte war dort das gleiche wie hier: erst die Tat, dann, nach der Verhaftung, das Verhör und, darin eingewoben, in Rückblenden, die Stationen des Lebens.

          In „Sophie Scholl“ hat das gut funktioniert, weil Rothemund die Rückblenden auf das Allernötigste beschränkte und stattdessen die Verhörsituation betonte, den Zweikampf zwischen Macht und Ohnmacht, Lüge und Wahrheit, der augenblicksweise - und das waren die großen Augenblicke des Films - immer wieder in ein echtes Gespräch mündete. Hirschbiegel macht es jetzt anders, er lässt, nachdem Georg Elser (Christian Friedel) in den Fängen der Gestapo gelandet ist, dessen Geliebte Elsa (Katharina Schüttler) auftreten, und dann erzählt er die ganze lange Geschichte dieser Beziehung vom ersten Liebesblick in einer Kneipe bis zum Tod des gemeinsamen Kindes und dem Aufbruch Elsers nach München. Und das funktioniert überhaupt nicht.

          Schmachtende Blicke, heimliche Umarmungen

          Man kann es sich eigentlich an zwei Fingern abzählen: Eine Liebesgeschichte, die damit endet, dass der Geliebte sich davonmacht, um Hitler zu töten und anschließend in die Schweiz zu flüchten, ist keine. Und eine Attentätergeschichte, die vor allem aus schmachtenden Blicken, heimlichen Umarmungen (Elsa ist verheiratet) und gelegentlichen Hilfeleistungen für politisch Verfolgte (Elsers Freund Schurr ist Kommunist) besteht, ist auch keine.

          Man muss nicht wissen, dass der echte Georg Elser ein zweites uneheliches Kind mit einer Kellnerin vom Bodensee hatte und auch sonst kein Kind von Traurigkeit war, um das Gezwungene und Gekünstelte dieser Mischung aus Melodrama und historischer Kolportage zu empfinden. Wenn man aber liest, dass in Wahrheit nicht Elsa, sondern Elsers Schwester, sein Schwager und sein Neffe nach dem Attentat in Sippenhaft genommen wurden, bekommt man eine Ahnung von der Chance, die Hirschbiegel mit „Elser“ vertan hat. Die Familiengeschichten, die Edgar Reitz in seinen „Heimat“-Chroniken erzählt hat, hätte man hier zu einer dörflichen Innenansicht des „Dritten Reiches“ verdichten können. Aber Hirschbiegel ist als Erzähler so fahrig, wie er als Ausstatter penibel ist, er reiht lieber eine blitzsauber eingerichtete Szene an die andere, als dem Handeln seiner Figuren in die Tiefe ihres Denkens und Fühlens zu folgen.

          Verhörszenen wie in "Der Untergang"

          Dabei sind die Verhörszenen mit Arthur Nebe (Burghart Klaußner), dem Elsers Standhaftigkeit zunehmend Respekt abnötigt, und dem stramm-brutalen Gestapo-Chef Müller (Johann von Bülow) keinen Deut schlechter inszeniert als die Führerbunker-Schmankerl im „Untergang“, allerbester Hirschbiegel sozusagen, und einmal, zwischen zwei Rückblenden, leistet sich der Film sogar einen Moment medienkritischer Reflexion. Denn die Nazis haben einen Fotografen bestellt, der festhalten soll, wie Elser den Ermittlern die Funktionsweise der Bombe erklärt. Der Verdächtige wird gesäubert und in Positur gerückt, dann klickt der Verschluss der Kamera, und man erfährt, wie die sogenannte Wahrheit in den Zeitungen und Archiven zustande kommt.

          Was „Elser“ nicht erzählt, ist, dass nur eine einzige der Aufnahmen veröffentlicht wurde - jene, auf der der Häftling am heruntergekommensten aussieht. Und auch sonst zieht Hirschbiegel keine Konsequenzen aus dem, was er in der Szene mit dem Fotografen zu erkennen gibt. Er macht sich seinen Elser schön, indem er ihn in eine Lovestory hineinmontiert: ein Bild, das die Zuschauer auf dem internationalen Kinomarkt anlocken soll, wo Hirschbiegels Film unter dem Titel „13 Minutes“ verliehen wird, aber der Geschichte keine Sekunde zusätzlicher Wahrheit schenkt. Der Film, immerhin, ist klüger als dieses Bild. Aber nur eine Szene lang.

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