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Neuer Bond-Film „Spectre“ : Der letzte Zug heißt Neustart

Bild: Sony Pictures

Im vierten James-Bond-Film mit Daniel Craig begegnet der unsterbliche Geheimagent einem Gespenst, vor dem er sich wirklich fürchtet. Bösewicht Christoph Waltz ist nur ein Teil der bösen Macht.

          Natur stirbt, Menschen frieren, schon wieder Herbst? Zeit, dass er zurückkommt, der verlässlichste aller Staatsterroristen, der die Widersprüche unserer von gestörten Hegemonialbalancen, Megawaffenproliferation, Informationspartisanen, klimabedingten Betriebsstörungen und Netzausfällen zerrütteten Welt mit den stählernen Spangen unerbittlicher Missionsdisziplin zusammenklammert und zwischendurch die Freundin des Chauffeurs des Anwalts des Drogendealers der Dachorganisation aller Waffenschieber- und Flüchtlingsschleuserkartelle Nordafrikas flachlegt, damit sie ihm zwischen zerwühlten Laken flüstert, in welcher unbezahlbaren Vase ihr häuslicher Gewalttäter die Blaupausen für den geplanten Nervengas-Überfall auf die Buchmesse in Göteborg versteckt hat.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Daniel Craig sieht aus, wie James Bond heute aussehen muss: Während die „New York Times“ den Mann an sich neuerdings als jemanden bestimmt, der die Schuhgröße seiner Liebsten auswendig weiß und abends den Akkustand der Mobilgeräte seiner Kinder kontrolliert, wird uns in Film und Fernsehen die zeitgemäße Männlichkeit von Leuten wie Tom Hardy oder David Boreanaz vorgelebt - breite Schultern, starker Nacken, aber trotzdem Hirn. Allen anderen in diesem Fach hat Daniel Craig indes etwas voraus: die schönsten Auftragsmörderaugen aller Zeiten und eine Ober-und-Unterkiefer-Kombination, die selbst in Ruhestellung aussieht, als hätte sie gerade ein Bündel Eisenbahnschienen durchgebissen.

          Permanentes metaphysisches Zwielicht

          Dieses Gesicht braucht keine Angst zu haben - außer vor etwas, das selbst kein festes, bleibendes Gesicht hat, auf das man schießen oder in das man hauen könnte, weshalb das Böse im neuen Bond-Film „Spectre“ es der Kamera an zwei entscheidenden Stellen verwehrt, seine Züge zu lesen: Als es das erste Mal erscheint, bleibt es im Dunkeln; als es viel später seinen Hass auf Bond erläutert, wird das Publikum wie der eben erst aus tiefer Bewusstlosigkeit erwachte Held von Milchlicht geblendet.

          Drei Filme lang musste Craigs Bond auf der Spur dieses Bösesten der Bösen durch Blut, Schweiß, Tränen, Glasscherben und offizielle Rügen seiner Vorgesetzten kriechen. Was ihn dabei um- und antrieb, hat Judi Dench als M in „Quantum of Solace“ (2008) auf die Formel „inconsolable rage“ gebracht: untröstlicher Zorn. Der Mann wütet, um nicht trauern zu müssen. Trauern? Um was? Den Kalten Krieg, das Völkerrecht, Englands entschwundene Größe? Oder einfach um die schöne Geliebte Vesper Lynd? Die ist, man erinnert sich, am Ende von Craigs Bond-Debüt „Casino Royale“ (2006) ertrunken, als Opfer der Machenschaften einer Organisation, deren Wirken danach immer wieder Schatten auf Craigs Bond-Leben warf.

          Kinotrailer : „James Bond 007 – Spectre“

          Ihren Namen, Titel des aktuellen Films, erfährt der untröstlich Wütende erst jetzt: „Spectre“, ein Gespensterwort, das im Film zum Glück nicht mit der eher albernen, aber in der Bond-Mythologie kanonischen Abkürzungsauflösung „Special Executive for Counterintelligence, Terrorism, Revenge and Extortion“ entzaubert wird und daher seine schwarze Magie als das „Gespenst der Niederlage“ behalten darf, von dem Bond in Ian Flemings Roman „Thunderball“ (1961) ahnungsvoll spricht. Wo dieses Gespenst die Atmosphäre vergiftet, herrscht selbst bei Sonnenschein permanentes metaphysisches Zwielicht, und der Regisseur Sam Mendes findet die richtigen Bilder dafür - mal staubige, mal dunstige, mal schneeblinde oder geräucherte, stets Welten entfernt von jenem Pixelpuzzle-High-Definition-Schund, mit dem uns die einfallslosen 3D-Idioten, die derzeit einen Großteil des Kontinents „Spektakelkino“ besetzt haben, die letzten Wimpern wegätzen wollen.

          Was den Sex betrifft, lieber Himmel

          „So wie früher“, also wie zu Sean Connerys oder Roger Moores Zeiten, sieht die von Mendes gemalte Bond-Welt freilich auch nicht aus - nostalgische Lebemännchen und von Autojahrgängen oder Weindesign besessene Geschmäckler werden bei ihm eher routiniert abgefertigt als servil bedient. Die Anhänglichkeit, mit der Menschen ihres Schlags, die Wörter wie „stylish“ sagen (und „stylisch“ schreiben), den armen Bond verfolgen, gehört ja zu den fragwürdigsten Erscheinungen des Popkultur-Philistertums und steht damit auf einer Stufe mit dem Enthusiasmus, den dieselbe Klientel an problematische Persönlichkeiten wie Taylor Swift (Nancy Sinatra für Klingeltonsammler ), Lana Del Rey (die singende Seidentapete) oder Adele (Helene Fischer auf Crystal Meth) bindet.

          „Spectre“ : Craig und Waltz über neuen Bond-Film

          Musik, stimmt, da war doch was? Richtig, der neue Titelsong „Writing’s on the Wall“ von Sam Smith ist erwartungsgemäß so unvergesslich wie irgendwas anderes, das eben noch im Radio lief, aber man kann halt auch nicht jedes Mal bretthart hinlangen wie Jack White und Alicia Keys mit „Another Way to Die“ für „A Quantum of Solace“. Wer da mäkelt, schließt sich wahrscheinlich auch dem Genörgel der Bond-Puristen an, die Herrn Craig vorhalten, sein Bond vögle nicht genug und sei zu ernst, wo doch selbst der klamaukferne Connery den Piranhas des Superschurken Blofeld „bon appétit!“ gewünscht hat. Das von einem kleinen Autorenkomitee verantwortete Kollektivskript zu „Spectre“ drängt nun Craig, um ihn gegen solche Kritik zu immunisieren, ein paar Winke-Winke-Sofascherze auf, lästige Pflichten, die er mit unbeteiligter Mimik nach dem Motto „ich arbeite hier nur“ erledigt. Was den Sex betrifft, lieber Himmel . . . Dass seit Connery keiner die berühmte Rolle mit mehr Libido aufgeladen hat als Craig, kann man mit Händen greifen, dazu muss nicht andauernd gevögelt werden, da reicht dieser ultra-intensive Blick, dessen Zauber sich zeitgemäßerweise gar nicht erst auf die vielbefahrenen heterosexuellen Bond-als-Playboy-Bahnen einengen lässt.

          Schon in „Casino Royale“ durften Craig und Mads Mikkelsen einander während der intimsten Genitalfolter der Agententhrillergeschichte näherkommen, in „Skyfall“ (2012) wurde Bond dann von Javier Bardem betatscht und konnte ihn dabei gelassen belehren, der Tunichtgut dürfe nicht glauben, dies sei für Bond das erste Mal. In „Spectre“ schließlich gibt der Schurke aller Schurken, auf den uns die letzten drei Abenteuer noch hatten warten lassen, mit einer Maschine an, die in der Lage sei, Bonds Innerstes - Achtung, Kinder bitte weghören - zu „penetrieren“. Die zwischengeschlechtliche Liebe kommt in „Spectre“ indes nicht zu kurz: Bonds Leidenschaft presst Monica Belucci gegen einen Spiegel, seine Zärtlichkeit kriegt dafür Léa Seydoux als Madeleine Swann ab, wenn 007 im Rolls Royce seine sensible Prügelpratze auf ihr bleiches Händchen legt.

          Schwierigkeiten beim Weiterspinnen

          Frau Swann bringt allerdings auch mehr in die Beziehung mit als die meisten ihrer Vorgängerinnen: Sie hat aus familiären Gründen schon im Kindesalter gelernt, wie man Killer killt, und als Bond während einer Eisenbahnrauferei einsehen muss, dass selbst er einen Kampfknoten wie Dave Bautista nicht allein durchhauen kann, darf er ihr blind vertrauen.

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          Zum Start von „Spectre“ : Das große James-Bond-Quartett

          Insgesamt geht es kooperativer zu als gewohnt; im Finale dürfen Bonds Chef Ralph Fiennes, dessen Sekretärin Naomie Harris und der süße Waffenbastler Ben Whishaw ihm als gut geölt arbeitsteiliger Bond-Bund beziehungsweise harmonisch improvisierende Bond-Band zu Hilfe kommen, den Blattschuss muss er als lebendes Wasser-Luft-Raketenlenksystem für Pistolenkugeln dann allerdings doch persönlich abgeben. Zur Ensembleshow wird eine der größten Dauer-Solonummern des Kinokosmos in „Spectre“ also nicht. Dass aber bekannte Gesichter hier nicht weniger fleißig angeclickt werden als im Netz, belegt zumindest, dass die Produktionsverantwortlichen der Craig-Ära den Seriencharakter des Bond-Phänomens so ernst nehmen, wie sie das in der Epoche des DVD- oder Streaming-Binge-Watching zweifellos müssen.

          Wer Serien baut, erzählt mehr oder weniger bekannte Geschichten unter darwinistischen Parametern von Mutation, Variation und Selektion. Jüngst hat dabei in alten wie neuen Massenmedien die Neigung zugenommen, vor den Schwierigkeiten beim Weiterspinnen des Bekannten in dessen Vorvergangenheit auszuweichen: Man führt uns vor, wie die Crew des Raumschiffs Enterprise zusammenkam, man erzählt uns, wie, wo und warum Batman oder Darth Vader das erste Mal ihre Masken anlegten.

          Erzfeind ohne Socken

          So hat man auch die Bond-Erzählspur mit Craig vier Filme lang bis zu ihren Voraussetzungen zurückgebogen - sie mündet mit „Spectre“ eigentlich wieder in die Connery-Phase. Das wird vollbracht, indem Bond und sein Erzfeind jetzt eine Herkunftsgeschichte teilen müssen. Diesen Erzfeind, der dem Helden schließlich in bequemen Herrenschuhen ohne Socken gegenübertritt und den Fans des Kanons spätestens an seiner Siamkatze erkennen müssen, haben früher unter anderem Männer wie Donald Pleasance und Telly Savalas gespielt; bei Mendes fällt die Ehre Christoph Waltz zu.

          Anders als etwa Heath Ledger, der die maßstabsetzende Joker-Version von Jack Nicholson aus Tim Burtons „Batman“ (1989) für seine eigene Interpretation der Rolle in Christopher Nolans „The Dark Knight“(2008) bewusst grell übermalt hat, anders auch als Benedict Cumberbatch, der den Unhold Khan in „Star Trek: Into Darknes“ (2013) von J. J. Abrams von der Erstfassung dieser Figur, die Ricardo Montalbán verkörperte, kalten Herzens wegsprengte, schleicht Waltz um das Monster, das Bonds Nemesis ist, weil es auf ebenso effektive wie kontrollierte Weise nicht alle Tassen im Schrank hat wie der Agent, in immer enger werdenden Kreisen der Annäherung herum, bis er schließlich in der Rolle steckt wie in einem absichtlich zwei Nummern zu klein gekauften Kostüm, das an den Nähten zu platzen droht, und man ahnt: Jede Sekunde wird aus den Rissen ein bösartiges Kind hervorquellen, das vor lauter Menschenverachtung nicht weiß, ob es fauchen oder kichern soll.

          Die Zurückhaltung, die Waltz übt, um Erbe und Erwartungen gerecht zu werden, hat einen paradox angenehmen Effekt: Man kriegt von ihm diesmal gleichsam weniger Waltz als sonst, aber dafür mehr Schauspielerei, und das tröstet sogar über den filmisch leicht unterinspirierten Moment hinweg, in dem Waltz Bond erklärt, er habe mittels modernster Computerdingsbumsvorrichtungen ein Unheil vorbereitet, das sich neben NSA, Facebook und Ikea brav in die Liste der langweiligsten Newsticker-Landplagen und Denkschriften-Anlässe der Jetztzeit einreiht.

          Danach geht „Spectre“, Vorsicht, Spoiler, gut aus: ein Mann, eine Frau, ein langverdienter Urlaub, keinerlei zeitkritische Moralsülze, dafür eine ausgezeichnete neue Losung für den Umgang mit Langzeit-Fernbeziehungen unter instabilen Weltverhältnissen: Es war wieder mal prima lebensgefährlich, Liebling - bis bald!

          Quelle: F.A.Z.

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