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Pierre Richard im Kino : Jeder komische Körper rennt anders

  • -Aktualisiert am

Bild: Tom Trambow/Neue Visionen Filmverleih/dpa

Früher kannte ihn jedes Kind, heute erkennen ihn mit Rührung die Älteren wieder: Pierre Richard kommt mit seinem neuen Film „Monsieur Pierre geht online“ ins deutsche Kino. Eine Begegnung.

          Der große Blonde ist immer noch groß, das blonde Haar ist weiß geworden, und es strebt nicht mehr so in alle Richtungen wie früher. Davon aber einmal abgesehen, ist Pierre Richard, einer der größten Stars des französischen Kinos, immer noch ganz der Alte, und das heißt in seinem Fall: der Junge. Dass er in wenigen Wochen seinen 83. Geburtstag feiern wird, würde man niemals vermuten. Eher gewinnt man bei einer Begegnung mit Pierre Richard den Eindruck einer Zeitreise. Und so ist es ja auch gemeint, denn es soll bei dem Termin mit ihm um den Film „Monsieur Pierre geht online“ gehen, eine Komödie, die gar nicht erst groß versucht, einen starken Unterschied zwischen der Hauptfigur und ihrem Star zu machen. Beide heißen Pierre, und auch wenn hier nun ein älterer, schlanker Herr mit Bart sitzt (er könnte der nette Bruder von Michael Haneke sein, stellt sich als spontane Assoziation ein), so erkennt man da immer die Figur von früher und kann fast nicht anders: Man wartet darauf, dass er zu zappeln beginnt oder gleich aufspringt und aus dem Raum fegt.

          Pierre Richard war der rasanteste unter den großen französischen Komikern der sechziger und siebziger Jahre. Ein Sexsymbol war er auch. Und das ist implizit auch Thema in „Monsieur Pierre geht online“, in dem ein älterer Herr ein Online-Profil anlegt, in dem er sich als junger Mann ausgibt und dann einen jungen Mann engagiert, der an seiner Stelle zu einer Verabredung geht. Das ergibt naturgemäß allerlei Verwicklungen, in denen es wieder um ein zentrales Thema der französischen Liebesmythologie geht: um die Frage, ab wann der Altersunterschied zwischen dem erfahrenen Mann und einer anlehnungsbedürftigen jungen Frau zu groß wird, als dass man ihn erotisch überbrücken könnte.

          Eigentlich waren es damals Burlesken

          Für Pierre Richard ist das die zweite Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stéphane Robelin nach der Senioren-WG-Komödie „Und wenn wir alle zusammenziehen?“(2011). Mit Robelin verbindet ihn nun schon so eine Art Alterswerk. „Wir gehen einfach darauf ein, dass sich die Gesellschaft verändert. Früher galt ein Mann mit fünfzig oft schon als alt, heute gibt es viele Menschen jenseits der sechzig, die fit und aktiv sind und die ein unabhängiges Leben führen. Das ist das Thema von Stéphane und es hat den glücklichen Umstand mit sich gebracht, dass ich zweimal mit ihm drehen konnte.“ Das zweite Thema von „Monsieur Pierre geht online“, die digitale Kompetenz der „best ager“, streift Richard nur mit einem Lachen: „Mit dem Smartphone kann ich persönlich gut umgehen, aber der Computer daheim stellt immer irgendwelche Fragen, die ich nicht beantworten kann. Den lasse ich links liegen, aber er ist sowieso meistens durch meine Enkelkinder besetzt.“

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          Stéphane Robelin nähert sich der Digitalisierung des Gefühlslebens auf eine gemächliche Weise; ihm ist nicht an chaotischen Konsequenzen eines modernen Maskenspiels gelegen, sondern an einer klassischen Dramaturgie, in der es Raum für Erfahrungen gibt. Man könnte auch sagen, er setzt auf Humanismus und verzichtet auf Slapstick. Das führt unweigerlich zu einer etwas umfänglichen Frage, auf die Pierre Richard aber mit großem Interesse eingeht: Gibt es einen Unterschied zwischen den französischen Komödien von heute und denen von damals, als er auf dem Höhepunkt seiner Karriere war? „Damals gab es drei Stars: Jacques Tati, Louis de Funès und mich. Wir hatten alle gemeinsam, dass wir nicht im strengen Sinne Schauspieler waren, sondern Typen. Louis de Funès war ein Clown. Heute sind die Filme mehr thematisch ausgerichtet, es geht um Rassismus und soziale Fragen, dementsprechend werden da auch eher Schauspieler gebraucht. Eigentlich haben wir damals gar keine Komödien gemacht im strengen Sinn, sondern Burlesken. Das hat mich allerdings nicht daran gehindert, in meinen Filmen auch bestimmte Dinge anzuprangern: die Konsumgesellschaft zum Beispiel oder den Waffenhandel.“

          Als wären die großen Zeiten des Slapstick vorbei

          Zu Jacques Tati, der 1967 mit „Playtime“ den Geist der Avantgarde in diese Burlesken brachte, fällt Pierre Richard noch eine Anekdote ein, an der ihm viel liegt: „Ich habe ihn einmal persönlich getroffen, das war nach meinem ersten Film. Es war irgendso ein Cocktail-Empfang, und Tati hätte eigentlich allen Grund zu schlechter Laune gehabt, weil er mit ,Playtime‘ ja so riesige Schwierigkeiten gehabt hatte. Aber er zeigte sich mir gegenüber sehr großzügig und sagte: ,Sie haben eine große Zukunft als Schauspieler, denn Sie verstehen es, mit den Beinen zu arbeiten.‘ Er hat mich ermutigt, meine Körpersprache stärker auszubilden. Alle großen Komiker sprechen ihre eigene Körpersprache: Buster Keaton, Charlie Chaplin, Jerry Lewis. Jeder rennt anders.“

          Wer rennt heute noch so, wie Pierre Richard damals gelaufen ist? Es scheint, als wären die großen Zeiten des Slapstick vorerst vorbei oder zumindest, als wäre nicht mehr das Kino das Exerzierfeld für eine Körperkomik, die man damals noch direkt aus den Extremzuständen des Zivilisationsprozesses herleiten konnte. Nicht von ungefähr hat Pierre Richard in entscheidenden Filmen seiner Karriere Leute gespielt, die in einem Reisebüro damit beschäftigt waren, touristische Entlastung für gestresste Zeitgenossen zu organisieren. 1970 bei „Der Zerstreute“ führte er sogar selbst Regie, besonders denkwürdig ist aber auch „Les Naufragés de l’île de la Tortue“ („Die Schiffbrüchigen von der Schildkröteninsel“, 1976, Regie: Jacques Rozier), in dem Richard eine Expedition anführt, die in der Karibik einen Urlaub nach dem Vorbild von Robinson Crusoe erleben soll.

          Ein ganzes Land auf Zeitreise

          Im Vergleich zu diesen häufig ziemlich anarchischen Filmen von damals herrscht heute ein anderer, verbindlicherer Ton in französischen Komödien. „Monsieur Pierre geht online“ macht da keine Ausnahme. Fast könnte man meinen, dass die Exzesse der Modernität, die damals das durchgehende Thema waren, dazu geführt haben, dass inzwischen eine eher nostalgische Grundstimmung herrscht. Auch im Kino ist Frankreich auf der Suche nach einer Mitte, die zwischen Globalisierung und Provinzialität einen erträumten Urzustand darstellen könnte. „Das geht immer so hin und her“, meint Pierre Richard. „Eine Weile musste alles zubetoniert werden, nun haben alle Freunde ein Landhaus. ,Wie kannst du nur in Paris leben?‘, werde ich immer wieder gefragt. ,Und‘, frage ich sie dann, ,seid ihr da auch im Winter, in eurem Landhaus?‘“

          Die Suche nach einer neuen Mitte hat nicht zuletzt die französischen Präsidentschaftswahlen bestimmt. Eine konkrete Ironie, die auch zu dem Thema von „Monsieur Pierre geht online“ passt, ist Pierre Richard dabei nicht entgangen: „Ein ganzes System bricht da gerade zusammen, und was kommt heraus? Der jüngste Präsident der Welt! Mit einer viel älteren Ehefrau.“ Was das für die französische Liebesmythologie bedeutet, kann nicht mehr ausführlich erörtert werden. Da ist wohl gerade ein ganzes Land auf Zeitreise, und Pierre Richard muss das nicht mehr als „Tolpatsch mit dem sechsten Sinn“ oder mit einer „Wolke zwischen den Zähnen“ begleiten. Er kann sich die Sache aus der gelassenen Distanz derer ansehen, die in den Anachronismen einer beschleunigten Gegenwart immer auf die (großen) Füße fallen.

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