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Video-Filmkritik : Das schwerste Kreuz ist rot

Bild: F.A.Z., Universum Film

Der neue Film von Mel Gibson ist ein massiver, dabei unerwartet komplizierter Widerspruch: „Hacksaw Ridge“ spaltet einigen seiner Figuren die Schädel und öffnet dabei zugleich dem Publikum die Herzen.

          Der Name „Mel Gibson“ sollte in elektronischen und gedruckten Nachschlagewerken genau da stehen, wo man nach dem Gegenteil von „Gender Mainstreaming“ sucht. Eine Männlichkeit, die einerseits Rasierklingen lutscht wie Bonbons, aber andererseits auch Alten, Kranken und Schwangeren mit gewinnendem Lächeln den eigenen Platz bei der Oscar-Verleihung anbietet, damit die nicht stehen müssen, ist die Geschäftsgrundlage des australischen Schauspielers und Regisseurs Gibson, seit er 1979 als „Mad Max“ Rockatansky einen maßstabsetzenden, filmförmigen Auffahrunfall überlebte, um wenig später schottische oder amerikanische Patrioten zu spielen, die den englischen Imperialisten Schwertstreiche und Schrotladungen verpassten, und schließlich im neuen Jahrtausend seinen Paläokatholizismus mit „The Passion of the Christ“ (2004) ins Kinosinnbild eines Jesus von Nazareth mit eisernen Nehmerqualitäten zu gießen wie ein Stahlwerker heißes Erz in feste Form.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Menschlich unbeliebt gemacht hat sich Gibson mehrfach; unter anderem, als er die Verkehrspolizei, die ihn besoffen aus dem Auto zog, antisemitisch anpöbelte, oder als er einer Frau im Beziehungskrach am Telefon (und mit eingeschaltetem Abhörmikrofon) Gewalt androhte. Ende 2016 zog er wieder einmal auf Läuterungsvorführtour durch diverse Talkshows, um seine neue Regieleistung „Hacksaw Ridge“ zu bewerben. Der Film ist ein massiver, dabei unerwartet komplizierter Widerspruch - er spaltet einigen seiner Figuren die Schädel und öffnet dabei zugleich dem Publikum die Herzen; er planscht im Blut und predigt Nächstenliebe; er lässt Knochen knacken und spricht dabei ein wortlos tiefempfundenes Gebet.

          Noch ein weiteres Leben, wieder und wieder

          Erzählt wird hier von einem Mann, den es tatsächlich gegeben hat, dem Soldaten Desmond T. Doss, der sich für den Dienst in Amerikas Krieg gegen die Achsenmächte meldet, als ihm klar wird, dass Hitler und Kumpane Spießgesellen des Teufels sind. Aus Glaubensgründen will Doss allerdings keine Waffe anfassen, nicht einmal während der Grundausbildung. So ein Weg aufs Schlachtfeld ohne Tötungsabsicht kann nichts anderes sein als ein Opfergang, und Andrew Garfield, der für Gibson diesen Doss spielt, nachdem er für Martin Scorsese in „Silence“ (2016) gerade einen Geistlichen in Gewissens- wie Überlebensnöten gespielt hat, ist dafür wie geschaffen - spätestens seit Ramin Bahranis „99 Homes“ (2014) darf der junge Mann als einer von Hollywoods feinstjustierten Gesichtsausdruckskünstlern gelten. Folgerichtig guckt er in „Hacksaw Ridge“ genau so, wie man sich den demütigen Blick eines mit funktionsfähigem moralischen Kompass ausgestatteten Anstandsgefreiten vorstellt: geradeaus, besorgt, aber mit den klaren Prioritäten Helfen, Schützen, Retten.

          Auf einem nahezu uneinnehmbaren Felsplateau an der pazifisch-antijapanischen Front gerät Doss ins entfesselte Metzeln und zerrt, als die Waffen für kurze Zeit schweigen, allein mehr als siebzig Verwundete, die Darwin einfach liegengelassen hätte, unter Leichenbergen hervor, schleift sie zur Klippe und seilt sie ab, wobei er seinen Schöpfer immer wieder bittet: „just one more“. Noch ein weiteres Leben also will er dem Tod wieder und wieder entreißen, dem Tod und der Nacht, die in Gibsons Bildvokabular ein Durchgang ist wie auch Nebel und Geschützqualm, wie Tunnelanlagen unter Bunkern - Phasen unklarer Lichtverhältnisse, sagt das Drama, wollen durchquert sein als Prüfung, an deren Ende die Seele ins Strahlen der Apotheose blinzeln darf.

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