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Video-Filmkritik : Fragmente einer Bildsprache der Liebe

Auf der Suche nach dem großen, späten Glück: Juliette Binoche im Film „Meine schöne innere Sonne“ Bild: Pandora Filmverleih

Das können so nur die Franzosen: In dem Film „Meine schöne innere Sonne“ von Claire Denis ist Juliette Binoche auf der Suche nach dem großen, späten Glück. Einer der allerschönsten Filme dieses Jahres.

          Die Franzosen haben es gut. Nicht nur, weil sie im Augenblick eine Regierung haben, sondern überhaupt. Und im Kino schon immer besonders. Claire Denis trägt seit Jahrzehnten mit Filmen wie „Beau Travail“, „35 Rhums“ oder „White Material“, um nur einige zu nennen, ihren Teil dazu bei, dass es so bleibt, ebenso wie ihre Kamerafrau, Agnès Godard, und natürlich der große Gérard Depardieu sowie die oft ebenfalls große Juliette Binoche.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In dem Film „Meine schöne innere Sonne“, bei dem Claire Denis Regie und Agnès Godard die Kamera geführt (und die Schriftstellerin Christine Angot am Drehbuch mitgearbeitet) haben, müssen wir auf Gérard Depardieu bis kurz vor Schluss warten. Juliette Binoche aber bekommen wir vom ersten Moment an, und es gibt keinen Film der letzten Jahre, in dem sie schöner, verspielter, nachdenklicher, selbstironischer, wütender, verzweifelter, lustiger und trauriger, kurz: faszinierender gewesen ist als hier. Sie spielt eine Malerin in Paris, eine Frau, die ihr Vergnügen sucht und auch das eine, große Gefühl, und die der Verdacht befällt, ihr Liebesleben könnte vorbei sein. Quelle horreur!

          Erotisch bedürftig, aber stark und unabhängig

          Sie heißt Isabelle, und sie tut alles, diesen Verdacht nicht Wirklichkeit werden zu lassen. Die Parade ihrer Liebhaber wird angeführt von einem Banker, der sich zu Beginn auf ihr abrackert. Allez, allez, sie wird ungeduldig. Aber obwohl Isabelle ihn mit gutem Grund zum Kotzen findet, kann seine Art sie doch verletzen. Außerdem erinnert sie sich an Zeiten, an denen bereits das Wort „salaud“ (Drecksau) sie zum Orgasmus brachte. Heute nicht mehr.

          Der nächste Mann, ein junger Schauspieler, redet sehr viel, aber nach einer Nacht, die eigentlich vielversprechend verläuft, trauert er dem „Davor“ nach, das nun vorbei ist. Isabelles Exmann, der immer mal wieder vorbeischaut, hat sich seine Tricks im Bett offenbar in anderen Filmen abgeschaut, jedenfalls kommen sie Isabelle unauthentisch vor, und sie wirft ihn raus. Zwischendurch trifft sie beim Fischkaufen immer wieder einmal einen Freund aus der Kunstszene, einen Galeristen, der sie aufs Land einlädt, wo sie tatsächlich eines Tages in einer Truppe anderer Menschen aus ebendieser Szene durch die Felder läuft und sich das Geschwätz über Natur und Kunst und Schönheit anhört, das sie so anödet.

          Gibt es noch einmal eine wahre Liebe für sie? Nur Juliette Binoche in einem Film von Claire Denis kann das fragen, sich heulend danach sehnen, ohne dass wir schreiend davonlaufen müssten. Weil Isabelle zwar einerseits erotisch bedürftig ist, andererseits aber stark und unabhängig und ihre eigene Frau, die etwas sucht, das außerhalb ihrer selbst liegt und ihrer würdig und angemessen ist. Das Problem ist, dass die Schere zwischen dem, was Isabelle sucht, und dem, was sie findet, immer weiter auseinanderklafft. Sie sieht das klar. Ist es da ein Wunder, dass sie immer wieder in Tränen ausbricht?

          Was nicht nur daran liegt, dass die Männer, die sie trifft, keine besonders gute Figur machen. Sondern erst einmal daran, wen sie sich aussucht. Und das sind immer Männer, die aus einem bestimmten Milieu kommen, aus dem sie sich nicht entfernen wollen. Der Banker also aus der Geschäftswelt (und einer banalen Ehe), der Schauspieler aus der Theaterwelt (Habitat eines selbstmitleidigen Narzissmus). Die sozialen Konditionierungen dieser Männer scheinen stärker zu sein als die von Isabelle, obwohl auch sie von ihnen nicht frei ist. Eine Liebe oder ein Verhältnis, das in eine Liebe münden könnte, bringt sie in gewisser Weise einem Vorurteil zum Opfer – dem Reflex, im eigenen Kreis bleiben zu wollen, den ihr Freund vom Fischgeschäft in ihr schürt.

          Die Leichtigkeit des französischen Kinos angesichts schwerwiegender Fragen wie der nach der wahren Liebe ist selbst ein Klischee. Hier wird es nicht bedient, vielmehr entsteht etwas Neues, Schwebendes. Weil uns diese Geschichte eine Frau vor Augen führt, die kein Klischee ist. Die wir auch aus dem Kino so noch nicht kennen. Die nichts opfern würde für einen Mann, die sich nicht verstellt, die dennoch bittet, tanzt, trinkt und heult, aber ihre Unabhängigkeit nie in Frage stellt.

          Am Anfang der Arbeit an diesem Film stand die Idee des Produzenten Olivier Delbosc, die „Fragmente einer Sprache der Liebe“ von Roland Barthes durch verschiedene Regisseure verfilmen zu lassen, ein Omnibusfilm also über die Liebe. Doch Claire Denis und Christine Angot wollten ein eigenes Drehbuch schreiben, eigene Fragmente entwerfen. Das ist der Eindruck, den dieser Film hinterlässt: eine Reihe von Augenblicken, in denen eine Möglichkeit – nach Nähe, Lust, Liebe – aufscheint und wieder verglimmt.

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          Gegen Ende werden wir Zeuge eines Gesprächs im Auto zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht Isabelle ist. Es ist kein böses Gespräch, aber ein trennendes, in dem offenbar wird, die Gefühle der beiden passen nicht zueinander. Kurz darauf sitzt Isabelle einem Wahrsager gegenüber. Jenem Mann aus dem Auto. Er wird von Gérard Depardieu gespielt, und wieder einmal zeigt sich, er ist wirklich ein Magier. Wie kann ein Mann in diesem Körper ein solches Wunder vollbringen wie in der letzten Szene dieses Films? Auch der Titel, der auf Deutsch bescheuert klingt, weil wir nicht hören können, wie Depardieu ihn spricht, verdankt sich dieser Szene, in der Depardieu sich in Phantasien über andere Männer für Isabelle hineinsteigert, die kommen werden, während er den, auf den sie im Augenblick ihre Hoffnung setzt, für gänzlich ungeeignet hält.

          Vermutlich ist Gérard Depardieu der einzige Schauspieler, der unter den Scheinwerfern eines Filmsets sagen kann, dass es einem das Herz bricht: „Offen... bleib offen für Dinge und finde deinen eigenen, einzigartigen Lebensweg, dann wirst du deine schöne innere Sonne finden.“ Das ist zum Brüllen. Doch wenn es nicht in einem Glückskeks steht, sondern wenn Depardieu es sagt, dann klingt es beinahe wahr.

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