Junge Menschen, zwei Kleinkinder, man hängt herum, ein paar arbeiten. Eine Frau deckt den Tisch - eine normale Farm, denkt man zunächst. Arm, aber friedlich. Dann gibt es Abendessen, und es fällt auf, dass nur die Männer am Tisch sitzen. Die Frauen bleiben zusammen, irgendwie apathisch. Überhaupt schleicht sich von Anfang an ein Element der Beunruhigenden in die Bilder. Dann sind die Männer fertig, nun dürfen auch die Frauen essen. Am Morgen danach sehen wir, wie eine von ihnen das Haus verlässt, zunächst ruhig, dann immer schneller, ohne sich umzusehen, die einsame Straße überquert und ihren Weg direkt in den Wald hinein sucht. Fast im selben Augenblick ruft ihr einer hinterher: „Marcy May!“ Mit schnellen Schritten stürzt ihr ein Mann nach, auch in den Wald, und nun spätestens ist klar, dass er nicht freundlich interessiert ist, sondern ein Verfolger.
Regisseur Sean Durkin filmt diesen Beginn mit der Zurückhaltung eines unbeteiligten Beobachters, und doch gelingt es ihm, uns von diesen ersten Sekunden an nicht nur zu Interessierten, sondern zu Beteiligten zu machen, zu Sympathisanten dieser Hauptfigur. Wir sind erleichtert, als sie in der nächsten Szene in einem Diner auftaucht, einen Cheeseburger isst, und erstarren vor Schreck, als sie plötzlich einer mit Namen anspricht. Schon in den nächsten Augenblicken wird klar, dass sie offenbar mehrere Namen hat: Von einer Telefonzelle aus ruft sie zu Hause an. Dort heißt sie Martha.
Von Flashbacks geplagt
Erst allmählich scheinen sich die verwirrenden Eindrücke zu ordnen und etwas Übersichtlichkeit einzustellen - aber eben nur scheinbar. Nach dem Anruf wird Martha von ihrer älteren Schwester Lucy abgeholt und wohnt nun für eine Weile bei ihr und ihrem frischgebackenen Ehemann Ted, einem Architekten, in deren Haus am See in Connecticut. Alles lässt sich gut an, auch wenn Martha nicht viel reden will über früher. Lucy ist glücklich über das Wiederauftauchen der Schwester, zugleich trägt sie am Gefühl, etwas wiedergutmachen zu müssen - wie in Steve McQueens „Shame“ vor wenigen Wochen steht auch hier ein Geschwisterverhältnis im Zentrum.
Die so labile wie offene Martha (flirrend zwischen Anziehung und Zurückweisung wunderbar gespielt von Elizabeth Olsen) wird von Flashbacks geplagt, mit denen man zugleich mehr darüber erfährt, was sie während der letzten Jahre gemacht hat: Offenbar ist sie in den Bann einer sektenähnlichen Gemeinschaft geraten, die von ihrem vage an Charles Manson angelehnten Führer durch eine alttestamentliche Mischung aus Charisma, Gewalt und sexueller Abhängigkeit zusammengehalten wurde.
Nicht ohne Grund Verfolgungswahn
Nun fürchtet sie, dass die Gruppe sie verfolgt und zurückholen will, und es gibt dafür plausible Gründe. Zugleich fällt Martha die Wiedereingewöhnung ins Leben schwer, denn auch hier gibt es nichts umsonst. Die absolute Unsicherheit wird durch den neuen Terror der Geborgenheit abgelöst. In den ein bisschen spießigen Verhältnissen, in denen Lucy und Ted gerade ihr Leben einrichten, gibt es ebenfalls Kleidervorschriften, man darf nicht rauchen und nicht nackt schwimmen - „Hier gibt es Kinder“, schreit Lucy hysterisch, denkt aber eher an ihren Ehemann.
Vor allem durch die weich gearbeiteten, oft ganz unmerklichen Übergänge zwischen Erleben und Erinnerung gleicht Regisseur Sean Durkin subtil Marthas Gegenwart und Vergangenheit einander an. Beide Welten zeigen nur verschiedene Facetten der allgemeinen Repression. Beide spiegeln und kommentieren einander, selbst auf der Geräuschebene - sie zeigen unterschiedliche Familienmodelle, einmal bürgerlich, einmal hippieesk, die gemeinsam haben, dass in ihnen sehr klassisch die Männer als auch sexuell mächtige Väter und Namensgeber fungieren, Frauen über Sex und Mütterlichkeit definiert und verfügbar gemacht werden.
In beiden Welten eine Beobachterin
Durkin entfaltet seinen Psychothriller in einem sehr eigenen Stil. Das ruhige Gleichmaß der Dramaturgie und die genau gebauten Schnittfolgen dienen dazu, den Zuschauer immer wieder im Unklaren zu lassen, auf welcher Zeitebene er sich gerade befindet. So gelingt es diesem Film meisterlich, die Unsicherheit seiner Hauptfigur auf die Zuschauer zu übertragen.
Martha ist in beiden Welten eine Beobachterin, auch als Marcy May gehört sie nie ganz dazu. Das ist die sehr handfeste existentielle Einsicht, die der Film jenseits modischer Motive wie „Identitätskonflikt“ und „Multiple Persönlichkeit“, bietet. Denn es gibt ja im Titel noch einen vierten Namen: „Marlene“ nennen sich alle Mädchen der Gruppe, wenn sie in Kontakt mit der übrigen Welt treten. Marlene, das ist die Schnittstelle zwischen innen und außen, Unfreiheit und Unsicherheit; Marlene ist das, was wir alle sind.