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Video-Filmkritik : Das Elend mit der Solidarität

Bild: Alamode

Nach dem neuen Film der Dardenne-Brüder sieht man klarer, wie der Kapitalismus das Verhalten formt. „Zwei Tage, eine Nacht“ handelt von einer Frau, die um die Solidarität ihrer Kollegen kämpft.

          Auch Begriffe haben ihre Schicksale und Geschichten. Sie durchlaufen Moden und Konjunkturen, aber so ganz kann man ihnen dann doch nicht austreiben, was sie mal bedeutet haben. Deshalb spricht zum Beispiel, wenn Angestellte für kleinere Verschiebungen innerhalb eines sechsstelligen Einkommensbereichs streiken, niemand mehr von Solidarität; ebenso wenig fällt der Begriff angesichts von Lokführern, deren Gewerkschaft nicht so sehr für bessere Arbeitsbedingungen kämpft als für einen Alleinvertretungsanspruch. Die PR-Berater der Streikkampagnen wissen offensichtlich, was sie einer gereizten Öffentlichkeit zumindest rhetorisch zumuten dürfen. Niemand möchte Solidarität mit Streikenden üben, die jenseits gesellschaftlich relevanter Forderungen nur rücksichtslos partikulare Interessen verfolgen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dem Begriff der Solidarität hat diese Entwicklung zugesetzt; ihn hat es in eine Nische geweht, wo er nur noch unter einem Incognito auftaucht. Wo geteilt werden, wo es um Sharing, um Gemeinsinn und Kommunitarismus gehen soll, da scheinen Begriffsreste zu überdauern. Doch leider sieht jeder, der über ein wenig Reflexionsvermögen verfügt, dass die Ideologie des Sharing nicht heimlich den Kommunismus einführt oder eine Alternative zum Kapitalismus bildet, sondern nur dessen auf den ersten Blick attraktive Funktion ist, wo er auf Deregulierung setzt. Denn wo geteilt wird, profitieren Firmen von dem, was andere anbieten. Da entsteht, wie etwa im Falle des Fahrdienstvermittlers Uber, eine neue Schicht von Tagelöhnern, und ganz abgesehen davon treiben die verschiedenen Formen des Sharing die Ökonomisierung sämtlicher menschlicher Beziehungen voran.

          Arbeiter aus goldenen Gewerkschaftszeiten

          Von Solidarität, von gelebtem Kommunitarismus wird man da so wenig sprechen wollen wie bei denjenigen Berufsgruppen, die sich als Benachteiligte inszenieren, als wären sie kämpfende Arbeiter aus goldenen Gewerkschaftszeiten. Und Sie werden vermutlich spätestens jetzt fragen, warum denn eine Filmkritik einen solchen Vorspann braucht. Die Antwort ist denkbar einfach: Weil der Film „Zwei Tage, eine Nacht“ davon handelt, was aus dem Begriff der Solidarität geworden ist und was er heute im Alltag noch bedeuten könnte. Genau genommen geht es fast immer darum in den Geschichten, welche die Brüder Jean-Pierre, 63, und Luc Dardenne, 60, in den letzten zwanzig Jahren erzählt haben. Denn am Beispiel ihres belgischen Mikrokosmos in der Provinz Lüttich zeigen sie in verschiedenen Varianten, wie sie beschaffen sind und wie sie die Menschen beeinflussen: die Arbeitsverhältnisse im Kapitalismus. Im Gespräch mit der „New York Times“ hat Luc Dardenne schlicht und klar benannt, was daraus für die eigene Arbeitsweise folgt: „All unsere Filme erzählen davon, wie ein Mensch aus seiner Einsamkeit heraustritt und sich mit einem oder mehreren Menschen zusammentut.“

          In „Zwei Tage, eine Nacht“ ist dieser Mensch Sandra, die ihren Job zu verlieren droht. Als sie krank war, hat man in dem kleinen Betrieb, der Solarzellen produziert, festgestellt, dass es auch ohne sie geht, wenn die anderen Überstunden machen. Deshalb haben die 16 Mitarbeiter die Wahl gehabt: zwischen einer einmaligen Prämie von 1000 Euro für jeden und Sandras Weiterbeschäftigung. Das Abstimmungsergebnis war desaströs für Sandra; der Vorarbeiter hat es auch noch beeinflusst. Nur zwei aus der Belegschaft ergreifen Sandras Partei. Sie überreden den eher indifferent wirkenden Chef, nach dem Wochenende eine zweite Abstimmung durchzuführen. So erhält Sandra ihre Chance und der Film seinen Titel: In zwei Tagen und einer Nacht muss sie versuchen, eine Mehrheit zu organisieren; muss sie Menschen davon überzeugen, dass diese auf 1000 Euro verzichten und so Sandras Arbeitsplatz erhalten.

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