http://www.faz.net/-gs6-918jl

Video-Filmkritik : Die Rückkehr des glorreichen Einen

  • -Aktualisiert am

Bild: DCM/Gordon Timpen

Immer mit der Ruhe, spätere Liebe nicht ausgeschlossen: Charly Hübner glänzt in der Sven-Regener-Verfilmung „Magical Mystery“.

          Mit der Androhung eines Plenums kann man Leute locker in den Wahnsinn treiben. Es sei denn, sie sind Mitglieder in einer kommunistischen Partei, dort sind die Plenen aber selten, da regelt alles Wichtige das Politbüro. Ein Plenum in Deutschland ist etwas für Leute, die flache Hierarchien schätzen. Jeder darf mal, sogar Karl Schmidt, der eigentlich von sich sagt: „Ich darf gar nichts mehr.“

          In seinem Fall dient das Plenum dazu, ihn zum Wahnsinn auf Distanz zu halten. Denn Karl Schmidt, kürzer: Charly, lebt in einer therapeutischen Wohngruppe. Das viele Reden soll ihn stabilisieren. Denn sonst könnte er zu viel nachdenken, und wenn er zu viel nachdenkt, dann beginnen sich die Dinge ineinander zu verhaken, und am Ende wäre er vielleicht wieder ein Fall für die Klapsmühle. Dann also doch lieber Plenum.

          Im Kern alltagsmystisch

          Karl Schmidt ist eine Figur des Berliner Musikers und Schriftstellers Sven Regener. In der sehr erfolgreichen Lehmann-Romantrilogie war Schmidt die relevante Nebenfigur, in dem auch sehr erfolgreichen Nachdreher „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ war Schmidt die Hauptfigur, in der nunmehr vorliegenden Verfilmung ist er das auch, und zwar auf eine sehr spezielle Weise: In einer Welt, die einer geheimnisvollen Verzauberung unterliegt, ist er der Einzige mit einem klaren Kopf. Das liegt eben daran, dass er „gar nichts mehr“ darf. Kein Bier, keine Tabletten, keine der zahlreichen Dröhnungen, mit denen Leute sich für das Nachtleben auf Touren und am nächsten Tag wieder auf Normalspeed bringen – keine der Intoxikationen, mit denen die Mysterisierung der Welt synthetisch herbeigeführt wird. Die Befürchtung ist eindeutig: Wenn Karl wieder irgendetwas einwirft, dann macht es wahrscheinlich klaps, und er ist wieder in der Mühle, in der sein wildgewordenes Hirn das Weltverhältnis zu Brei mahlt. Was aber, wenn die Alternative dazu immer noch ein weiteres Plenum ist?

          Die frohe Botschaft von „Magical Mystery“ ist im Kern alltagsmystisch: Es gibt einen dritten Weg. Er führt über die Musik zur wahren Empfindung und über die Nüchternheit zu einer Berauschung, die auch einen Kollaps überleben kann. In „Herr Lehmann“ ging Karl Schmidt knapp vor der Wende verloren, hier taucht er nun in den frühen oder mittleren Neunzigern wieder auf, und seine Rückkehr ins Leben kann man nicht viel anders als mit dem Wort „Crashkurs“ bezeichnen. Nur mit der schönen Pointe, dass der Crash zwar dauernd um die Ecke lugt, aber an Karl Schmidt nicht so richtig herankommt. Denn der strahlt eine Verletzlichkeit aus, die wie ein Schutzschild wirkt, gegen den auch Klingonen nichts ausrichten würden.

          Aus einem Zombie wird wieder ein Mensch

          Der Weg zurück ins Leben beginnt mit einer paradoxen Intervention. Natürlich weiß keiner, was das ist; aber es läuft doch genau darauf hinaus, als Karl Schmidt in Hamburg einen Anruf von seinen alten Freunden aus Berlin bekommt. In der Ex-Mauer-Stadt geht gerade die elektronische Musik durch die Decke, da können die beiden eigentlich ziemlich verpeilten Produzenten Ferdi und Raimund gar nicht anders, als sich an das Momentum anzuhängen. Und das bedeutet im Klartext, dass sie mit einer alten Karre und einem Haufen schräger Typen („Ich bin jetzt DJ Schöpfi“) über Land fahren und einen Rave nach dem anderen beschallen, wenn es nicht zur Abwechslung eine Behindertendisco in Schrankenhusen-Borstel ist.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.