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Video-Filmkritik : Die Rückkehr des glorreichen Einen

  • -Aktualisiert am

Bild: DCM/Gordon Timpen

Immer mit der Ruhe, spätere Liebe nicht ausgeschlossen: Charly Hübner glänzt in der Sven-Regener-Verfilmung „Magical Mystery“.

          Mit der Androhung eines Plenums kann man Leute locker in den Wahnsinn treiben. Es sei denn, sie sind Mitglieder in einer kommunistischen Partei, dort sind die Plenen aber selten, da regelt alles Wichtige das Politbüro. Ein Plenum in Deutschland ist etwas für Leute, die flache Hierarchien schätzen. Jeder darf mal, sogar Karl Schmidt, der eigentlich von sich sagt: „Ich darf gar nichts mehr.“

          In seinem Fall dient das Plenum dazu, ihn zum Wahnsinn auf Distanz zu halten. Denn Karl Schmidt, kürzer: Charly, lebt in einer therapeutischen Wohngruppe. Das viele Reden soll ihn stabilisieren. Denn sonst könnte er zu viel nachdenken, und wenn er zu viel nachdenkt, dann beginnen sich die Dinge ineinander zu verhaken, und am Ende wäre er vielleicht wieder ein Fall für die Klapsmühle. Dann also doch lieber Plenum.

          Im Kern alltagsmystisch

          Karl Schmidt ist eine Figur des Berliner Musikers und Schriftstellers Sven Regener. In der sehr erfolgreichen Lehmann-Romantrilogie war Schmidt die relevante Nebenfigur, in dem auch sehr erfolgreichen Nachdreher „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ war Schmidt die Hauptfigur, in der nunmehr vorliegenden Verfilmung ist er das auch, und zwar auf eine sehr spezielle Weise: In einer Welt, die einer geheimnisvollen Verzauberung unterliegt, ist er der Einzige mit einem klaren Kopf. Das liegt eben daran, dass er „gar nichts mehr“ darf. Kein Bier, keine Tabletten, keine der zahlreichen Dröhnungen, mit denen Leute sich für das Nachtleben auf Touren und am nächsten Tag wieder auf Normalspeed bringen – keine der Intoxikationen, mit denen die Mysterisierung der Welt synthetisch herbeigeführt wird. Die Befürchtung ist eindeutig: Wenn Karl wieder irgendetwas einwirft, dann macht es wahrscheinlich klaps, und er ist wieder in der Mühle, in der sein wildgewordenes Hirn das Weltverhältnis zu Brei mahlt. Was aber, wenn die Alternative dazu immer noch ein weiteres Plenum ist?

          Die frohe Botschaft von „Magical Mystery“ ist im Kern alltagsmystisch: Es gibt einen dritten Weg. Er führt über die Musik zur wahren Empfindung und über die Nüchternheit zu einer Berauschung, die auch einen Kollaps überleben kann. In „Herr Lehmann“ ging Karl Schmidt knapp vor der Wende verloren, hier taucht er nun in den frühen oder mittleren Neunzigern wieder auf, und seine Rückkehr ins Leben kann man nicht viel anders als mit dem Wort „Crashkurs“ bezeichnen. Nur mit der schönen Pointe, dass der Crash zwar dauernd um die Ecke lugt, aber an Karl Schmidt nicht so richtig herankommt. Denn der strahlt eine Verletzlichkeit aus, die wie ein Schutzschild wirkt, gegen den auch Klingonen nichts ausrichten würden.

          Aus einem Zombie wird wieder ein Mensch

          Der Weg zurück ins Leben beginnt mit einer paradoxen Intervention. Natürlich weiß keiner, was das ist; aber es läuft doch genau darauf hinaus, als Karl Schmidt in Hamburg einen Anruf von seinen alten Freunden aus Berlin bekommt. In der Ex-Mauer-Stadt geht gerade die elektronische Musik durch die Decke, da können die beiden eigentlich ziemlich verpeilten Produzenten Ferdi und Raimund gar nicht anders, als sich an das Momentum anzuhängen. Und das bedeutet im Klartext, dass sie mit einer alten Karre und einem Haufen schräger Typen („Ich bin jetzt DJ Schöpfi“) über Land fahren und einen Rave nach dem anderen beschallen, wenn es nicht zur Abwechslung eine Behindertendisco in Schrankenhusen-Borstel ist.

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