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Video-Filmkritik: „Life“ : Erfroren im Ideenvakuum

Bild: Sony Pictures

Auf der Internationalen Raumstation treibt eine gefräßige Schlabberzunge ihr Unwesen: Daniel Espinosas Horrorfilm „Life“ ist, seinem Namen zum Trotz, eine Totgeburt.

          Ein paar Kleinigkeiten macht dieser Film richtig. Dass seine Astronautinnen und Astronauten zum Beispiel in Söckchen durch die Schwerelosigkeit gleiten, sieht ebenso gemütlich wie glaubhaft aus, und über Bewegungen von Objekten im Verhältnis zu anderen hat man sich im Team um den Regisseur Daniel Espinosa ein paar schöne, dynamisch bildprägende Gedanken gemacht, die bei der Vorbereitung künftiger Tanznummern in den unvermeidlich auf uns zukommenden Outer-Space-Musicals der 3D-Zukunft helfen könnten.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass überdies die außerirdische Lebensform, um deren Entdeckung es in „Life“ geht, aus Zellen besteht, die zugleich Wahrnehmungsleistungen, physische Gewaltanwendung und Denksport im Griff haben, also Augen, Muskeln und Hirnbausteine in einem sind, freut bestimmt ein paar Fans literarischer Science-Fiction-Klassiker wie „Blood Music“ (1983) von Greg Bear oder „A Mouthful of Tongues“ (2003) von Paul Di Filippo. Mehr Gutes aber gibt’s über „Life“ nicht zu sagen, denn sobald sich das xenobiologische Interesse des Publikums jenem Geschöpf zuwenden will, das anfangs aussieht wie ein besonders schüchternes Geißeltierchen, dann wie eine durchsichtige, an Blutvergiftung leidende intelligente Bananenschale und endlich wie der Entwurf einer zudringlichen Schlabberzunge aus dem Papierkorb von H. R. Giger, wird’s scharf blödsinnig.

          Weder Science noch Fiction

          Der Wissenschaftler, den Ariyon Bakare mit der Würde eines von Castingpiraten aus einem besseren Film entführten Charaktermimen spielt, klärt seine „buddies“ (so heißen hochbezahlte Forschungsprofis hier) auf der Internationalen Raumstation gerade noch darüber auf, wie das vom Mars stammende Viech Glukose nutzt, um seine Biomasse in völlig unrealistischer Geschwindigkeit rasend zu vervielfältigen, da bittet Ryan Reynolds als dümmstes, aber wachsamstes Crewmitglied auch schon um die „permission to kill that fucking thing“, die ihm jedoch zu spät erteilt wird.

          Der Schlabberschlingschockwabbel meuchelt in diesem erbärmlichen Quasi-Remake von Ridley Scotts „Alien“ (1979) bewährte Kräfte aus aller Welt wie Herrn Bakare, Hiroyuki Sanada oder Olga Dihovichnaya, damit wir begreifen, dass die Science Fiction sich irrt: Science, also Wissenschaft, nährt die Annahme, dass das Fremde und Neue faszinierend und alle Bemühungen um Verständnis wert sei, während Fiction, also Erzählkunst, die Annahme nährt, dass das Fremde und Neue interessant und alle Grazie der Einfühlung wert sei, aber „Life“ verneint beides und brüllt sein Publikum mit der Behauptung an, das Fremde und Neue sei abscheulich und ausschließlich zum Töten da.

          Es geht noch eine Stufe dumpfer

          Das schöne Weltraumhabitat wird als Kulisse für diese Hetze deutlich unterverkauft, nämlich zum bloßen Spukhaus degradiert, in dem die Metallschweißnähte knarren wie bei der Gespenstergeschichte die alten Dielenböden. Zwar kann man das auch dem Original, also „Alien“, vorwerfen, aber in Scotts Klassiker ging es doch wenigstens darum, die mangelhafte Eignung von Leuten, die gerade nicht neugierig auf die Rätsel des Kosmos sind, zu dessen Befahrung und Nutzung zu erzählen, in einer bei allem Horror mit viel Verstand und emotionaler Intelligenz ausgestatteten Kinosprache übrigens.

          „Life“ weiß vom All so wenig wie von den Menschen, die hier jeweils mit lachhaft schäbigen Requisiten persönlicher Vorgeschichten behängt werden (Fotos von daheim! Ein geliebtes Kinderbuch!), bevor der Film sie entsorgt wie der tonnenschwere Müllschlucker, der er ist. Zum Schluss setzt es eine Pointe, die noch mal doppelt so uninspiriert daherrumpelt wie der Rest.

          Jüngst sind Beschwerden darüber lautgeworden, in Hollywood drehe man nur noch Fortsetzungen. „Life“ zeigt, dass es noch eine Stufe dumpfer geht: Schlimmer als Filme mit Geschichten, die sich so end- wie ausweglos wiederholen, sind Filme ohne jeden Hauch einer Geschichte.

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