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Dienstag, 18. Juni 2013
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Video-Filmkritik Liebeszacken auf der Fieberkurve der Geschichte

 ·  Aus der Perspektive von Marie Antoinettes Vorleserin erzählt Benoît Jacquots Film „Leb wohl, meine Königin!“ von den letzten Tagen am Hof von Versailles.

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© Capelight Pictures Video-Filmkritik: „Leb wohl, meine Königin!“

So beginnt der Tag für Sidonie: Eine Standuhr klingelt, fahles Licht fällt in die Dachkammer. Die Haut juckt, Versailles ist ein Mückenloch. Eine Kollegin kommt: „Rat mal, mit wem ich geschlafen habe!“ - „Mir egal.“ - „Du wirst als alte Jungfer enden.“ Auf dem Weg zur Arbeit stolpert Sidonie im Schlosshof des Petit Trianon, ihr Unterrock bekommt einen Schmutzrand. Mit Verspätung erreicht sie die Gemächer der Königin. Drinnen wartet Marie Antoinette auf ihre Vorleserin. „Was wollen Sie lesen?“, blafft die Erste Kammerfrau. „Marivaux“, antwortet Sidonie. „Bloß nicht. Ich empfehle die Grabreden von Bossuet.“ Es ist Dienstag, der 14. Juli 1789.

Zeitzeugenschaft ist eine Form von Unwissenheit. Die Schulbücher haben für alles, was Geschichte gemacht hat, einen Namen. Die Beteiligten des Geschehens kennen ihn meist noch nicht. Der 14. Juli ist ein normaler Tag für Sidonie und die Königin von Frankreich. Zuerst lesen sie, gegen den Willen der Kammerfrau und mit verteilten Rollen, einen Einakter von Marivaux.

Kloake und Rosenwasser

Dann werden Sidonies Mückenstiche mit Rosenwasser behandelt. Marie Antoinette klagt über den Dreck der Residenz („bald werden wir in einer Kloake leben!“) und blättert in Modejournalen. Für Sidonie endet der Tag mit einer Gondelpartie und dem Souper in der Dienstbotenküche; es gibt Wein, Musik und Tanz.

Das ist die eine, die erdabgewandte Seite der Ereignisse, von denen Benoît Jacquots Film „Les adieux à la reine“ (dem der deutsche Verleih den halbgaren Titel „Leb wohl, meine Königin!“ verpasst hat) erzählt. Die andere hat Jacquot selbst in einem Interview benannt. Seine Geschichte, sagte er, sei ein wenig wie der Untergang der „Titanic“: Ein großes Ding versinkt und löst Wellen der Panik aus.

Vor der Erstürmung der Bastille

Jacquots Film handelt also zum einen von dem, was am 14. Juli und in den folgenden Tagen des Jahres 1789 unterging - der Hof, die Adelsgesellschaft, die Macht der Bourbonen -, zum anderen aber auch von etwas, das gar nicht untergehen konnte, weil es nie existiert hat. Man könnte es den Traum von Versailles nennen. Seine Utopie. Die Illusion eines Glücks unter den Kostümen. Beides muss der Film im Gleichgewicht halten, wenn er nicht in den sauren oder den süßen Kitsch (wie Sofia Coppolas Kinozuckerstück „Marie Antoinette“) abrutschen will. Beides ist untrennbar verbunden in seiner Heldin, der Vorleserin Sidonie Laborde.

Einerseits ist Sidonie (Leá Seydoux) eine ehrgeizige Domestikin, klassenbewusst (sie verbirgt ihr Talent für Stickereien, um nicht zur Handarbeit eingeteilt zu werden) und gut vernetzt (zu ihren Kontakten gehört der Bibliothekar von Versailles). Andererseits spinnt ihre Phantasie einen verrückten Tagtraum, in dessen Mittelpunkt die verunsicherte Königin steht. Denn Marie Antoinette (Diane Krüger) hat sich in ihre Hofdame Gabrielle de Polignac (Virginie Ledoyen) verliebt, die ihrerseits nur darauf sinnt, das sinkende Schiff der Monarchie so rasch wie möglich zu verlassen.

Die Angst grassiert in Versailles

Sidonie träumt davon, an Gabrielles Stelle zu treten, sei es in Versailles, im Exil oder auf dem Schafott. Mittlerweile nämlich hat die Nachricht von der Erstürmung der Bastille den Hof erreicht, schwarze Listen mit den Namen von Aristokraten werden herumgereicht, in den Gängen des Schlosses grassiert die Angst. Es ist der 16. Juli: Die Garden sind geflohen, die Diener plündern das Gepäck ihrer Herren. Und Sidonie liebt die Königin.

Jeder gelungene Film hat einen unsichtbaren Zwilling. „Les adieux à la reine“ hätte eine fürchterliche Schnulze werden können, ein Frauenschicksalskostümgequirl. Alles ist da, das Liebesdreieck, die Todesgefahr, der Glanz letzter Tage. Aber Jacquot und sein Kameramann Romain Winding machen schon mit den ersten Einstellungen klar, dass sie die Kulisse - der Film entstand zum großen Teil in Versailles - nicht als Postkarte verwenden.

Die Fieberkurve der Geschichte

Ihr Blick ist, wie das zugrundeliegende Buch von Chantal Thomas, fast immer auf Augenhöhe mit der Heldin, und wenn Sidonie, wie beim Auftritt Ludwigs XVI. im Spiegelsaal, Zeugin historischer Ereignisse wird, bleibt die Kamera auf Distanz, eine Beobachterin unter vielen. Der König, erklärt einer der Höflinge, prüfe nun die Temperatur im Saal. Nichts anderes macht Jacquots Film: Er liest die Fieberkurve der Geschichte an ihren Verlierern ab. Die einen gehen in ihr Zimmer und hängen sich auf, die anderen schütteln die Hand der Revolutionäre, die Dritten fliehen in der Kleidung ihrer Dienstboten.

Benoît Jacquot ist, wenn man von seiner Opernverfilmung „Tosca“ absieht, in Deutschland so gut wie unbekannt. Dabei hat er mit den größten Schauspielern Frankreichs gedreht, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Daniel Auteuil, und viele seine Filme liefen im Wettbewerb von Cannes. Aber Jacquots Filme haben eine Sprödigkeit, die sich dem Genießerblick versperrt; man kann sie nicht schlürfen.

Das Begehren bleibt Geheimnis

Auch in „Les adieux à la reine“ bleibt das Gesicht von Léa Seydoux ein versiegeltes Buch, und was Sidonie an der Hysterikerin Marie Antoinette oder diese an der eiskalten Polignac begehrenswert findet, wird nie aufgeklärt. Selbst Nacktheit ist in diesem Film kein Erotikum, sondern ein Zeichen der Ohnmacht. Der Blick regiert den Körper, nicht umgekehrt.

Am Ende muss Sidonie ihre Geliebte verlassen, um deren Geliebte zu retten. Im grünen Seidenkleid der Polignac verlässt sie Versailles. Ihr gegenüber sitzt ihre Feindin, als Domestikin verkleidet. „Ich war die Vorleserin der Königin. Bald bin ich niemand mehr“, sagt Sidonies Stimme aus dem Off, während die Kutsche über die Landstraße rasselt. Dann verschlingt sie der Wald der Zukunft.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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