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Video-Filmkritik: „Mit Siebzehn“ : Entwirrung der Gefühle

Bild: Kool

In André Téchinés „Mit Siebzehn“ verliebt sich ein Schüler in einen anderen. Aber der Film macht daraus keinen Problemfall, sondern ein großes Kinogedicht.

          Irgendwo in der „Unerträglichen Leichtigkeit des Seins“, einem Buch, das man ungern als Klassiker bezeichnen möchte, weil es sich immer noch so liest, als sei es erst letztes Jahr geschrieben – irgendwo in Milan Kunderas Roman von 1984 –, steht der Satz, jeder Mensch erlebe sein Leben wie ein Schauspieler, der auf die Bühne müsse, ohne je geprobt zu haben. Deshalb sei es unmöglich, zu wissen, welche Entscheidung die richtige sei: Es gebe ja keine Vergleiche, keine zweite Chance. Das Leben sei eine Skizze, ein „Entwurf ohne Bild“. Und wir seine kritzelnden Zeichner, Amateure des eigenen Daseins, hilflose Akteure in einem Spiel, dessen Regeln wir erst begreifen, wenn es vorbei ist.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nie macht sich diese Hilflosigkeit grausamer bemerkbar als in dem Augenblick, in dem man sie zum ersten Mal spürt.

          Ihr Außenseitertum macht sie nicht zu Freunden

          Dies ist die Geschichte von Damien und Thomas. Sie sind siebzehn. Sie lieben sich. Sie wissen es nicht. Also stolpern sie wie Narren über die Bretter der Bühne, die ihr Leben ist. Als die Geschichte beginnt, sind sich Thomas und Damien so fremd, wie es zwei Jungen gleichen Alters nur sein können. Tom hat braune Haut und ist der Adoptivsohn eines Bergbauernehepaars; jeden Morgen, bei Schnee und Regen, läuft er anderthalb Stunden ins Tal zur Haltestelle des Schulbusses. Damien wird von seiner Mutter zur Schule gefahren. Sie ist Ärztin, sein Vater Hubschrauberpilot im französischen Heer. Damien ist blond und zart, mit langen Wimpern und schmalen Fingern. Deshalb nimmt er Boxstunden. „Du stöhnst wie ein Mädchen“, sagt sein Trainer.

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          Thomas und Damien, so verschieden sie sind, gehen in dieselbe Klasse des Gymnasiums in einer Kleinstadt am Nordhang der französischen Pyrenäen. Wenn beim Sport zwei Mannschaften gewählt werden müssen, sitzen sie als Letzte auf der Bank. Aber ihr Außenseitertum macht sie nicht zu Freunden. Als Damien im Französischunterricht von der Tafel an seinen Platz zurückgeht, stellt ihm Tom ein Bein. Später wird er sagen, er habe sich von Damien angestarrt gefühlt. Noch später wird er zugeben, dass er Angst hatte, den Blick des anderen zu erwidern. Bis dahin aber werden sich Thomas und Damien noch oft in die Quere kommen. Der eine wird den anderen verprügeln, bis beide vor den Schuldirektor zitiert werden, und oben im Gebirge, auf einem Platz zwischen hohen Fichten, werden sie sich gegenseitig mit Fäusten und Fußtritten bearbeiten, bis ihre Körper mit blauen Flecken übersät sind.

          So einfach ist es nicht mit den Gefühlen

          Die Blindheit der Liebenden ist ein Topos, ein feststehendes Motiv, in der klassischen Komödie. Sie sehen nicht, was für jeden anderen klar ist, und begreifen nicht, was sie fühlen. Im amerikanischen Teenagerfilm und seinen Ablegern im Fernsehen ist dieser Topos zum Schwank verjuxt und zur Horrormasche verzerrt: hier die froh sich begrapschenden Jungs und Mädels, dort die Vampire und Zombies mit ihren Höchststrafen für vorehelichen Sex. Aber „Mit Siebzehn“ ist ein französischer Film, ein Nachfahre von Godard und Rousseau, Flaubert und Truffaut. In dieser Erzähltradition mischt sich die Begeisterung für das Jungsein mit dem Wissen, dass es vielleicht keine härtere Zeit im Leben gibt als jene Lehrjahre des Gefühls, die erst der nostalgische Blick des Alters in Sehnsuchtsfarben malt. Rimbaud, der seine besten Verse im Alter zwischen fünfzehn und achtzehn schrieb, hat es in einem Gedicht auf den Punkt gebracht: „Man ist nicht ernsthaft, wenn man siebzehn ist . . . Juninacht! Siebzehn Jahre! Man duselt sich ein, / Man ist verliebt. Verliehen bis zum August. / Die Freunde hauen ab. Man gilt als schlechter Einfluss, / Und dann, auf einmal, schreibt dir die Begehrte!“ Auf Französisch heißt das Gedicht „Quand on a dix-sept ans“ – genauso wie André Téchinés Film.

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