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Video-Filmkritik : Warten auf ein interstellares Einschreiben

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Rapid Eye Movies

Nach der großen Katastrophe kommt immer noch die Post: Sion Sonos Film „The Whispering Star“ erweitert das All, damit wir die Welt besser sehen.

          Für 82 Pakete veranschlagt die interstellare Postbotin Yoko Suzuki eine Zustellzeit von elf Jahren. Reklamationen werden erst ab einer Verspätung von ein bis zwei Jahren anerkannt. Allerdings ist unklar, ob diese Beschwerden jemals irgendwo ankommen. Wie in Sion Sonos Film „The Whispering Star“ auch buchstäblich im Dunkeln bleibt, wo die Pakete aufgegeben wurden, die sich hinten in Yoko Suzukis Raumschiff stapeln. Alles, was wir erfahren, ist, dass die Menschen in dem künftigen Kosmos, der hier durchquert wird, eine sporadische Präsenz bewahrt haben. Roboter erledigen alles Wesentliche, sie machen auch die weiten Wege zu den Mängelwesen, die auf Planeten mit Namen wie Urz leben und die als Einzige so sentimental sind, noch auf Post zu warten. „Nach all den Jahren“, so staunt eine alte Japanerin einmal, „kommt dann manchmal doch noch etwas“: ein Hut, eine Bluse, leichte Sachen für einen wunderbaren Sommer, der in „The Whispering Star“ allerdings nur noch wie von Ferne verweht vorstellbar ist.

          Allein auf weiter Flur: Megumi Kagurazaka als Yoko Suzuki.

          Wenn die große Katastrophe einmal eingetreten ist, schlägt die Zeit der Zombies, der harten Durchhalter, der Überlebenskünstler um jeden Preis. Nicht so bei Sion Sono, der eigentlich eher für grelle, laute, wilde Geschichten wie den großartigen „Love Exposure“ bekannt ist und hier ganz überraschend ein kontemplatives Meisterwerk vorlegt. Das Genre ist Science Fiction, die erzählte Zeit ist eine mehr oder weniger ferne Zukunft. Die Katastrophe aber war ganz und gar real. „The Whispering Star“ ist ein Versuch, die Ereignisse von Fukushima zu verarbeiten: Ein ganzer Landstrich wurde damals unbewohnbar und steht nun sinnbildlich für eine Menschheit, die im Kosmos wie eine flackernde Kerze erscheint, jederzeit in Gefahr, endgültig zu verlöschen.

          Die ganze Zeit wird geflüstert

          Dieser Befund ist sicher soziologisch anfechtbar, in der Form, wie Sion Sono ihn vorträgt, geht er aber so zu Herzen, dass man sich am liebsten selbst sofort für eine Stelle beim SPS bewerben würde: Der Space Parcel Service beschäftigt die letzten Emissäre, die zwischen den letzten Menschen unterwegs sind. Aber weil die Wege lang sind und die biologische Hinfälligkeit auch von einer „vervollkommneten Wissenschaft“, von der zwischendurch kurz die Rede ist, nicht behoben werden konnte, sind die Postboten eben keine Menschen. Yoko Suzuki ist eine Androidin, sie lebt mit ihrem Schiffscomputer zusammen, der mit einer Mädchenstimme spricht und Macken hat. Das muss so sein, denn es ist eine Reverenz an „2001 - A Space Odyssey“ von Stanley Kubrick. Dort trägt der Rechner den Namen Hal 9000, und er lässt sich bekanntlich nicht einfach per Knopfdruck ausschalten. Und so muss auch Yoko Suzuki während einer Beziehungskrise mit ihrem Computer einmal an die Kabel, um daraus Salat zu machen. Da es sich bei dem Raumschiff aber um einen dezidiert analogen Apparat handelt, de facto um ein fliegendes japanisches Einfamilienhaus mit tropfendem Wasserhahn und Bambusmatten auf dem Boden, überlebt der Rechner die Krise und lächelt ganz am Ende noch für ein Foto.

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