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Video-Kritik „Julieta“ : Die Verzweiflung der Frau des Fischers

Bild: F.A.Z., Tobis

In seinen letzten Filmen verlor sich Pedro Almodóvar in Gefühlskitsch und Manierismen, doch mit dem Beziehungsdrama „Julieta“ knüpft er wieder an seine besten Zeiten an.

          Wenn ein Regisseur seit dreißig, vierzig Jahren Filme dreht und man hat fast alle davon gesehen, bleibt wenig Raum für Überraschungen. Jedes neue Kinowerk gleicht dann einem Wiedersehen mit einem alten Bekannten. Darin liegt eine Gefahr. Wer einen anderen zu gut kennt, neigt dazu, die Kleinigkeiten, die sich verändern, wichtiger zu nehmen als das große Ganze, das bleibt. Vor allem misst er das, was er sieht, an einer Vergangenheit, die dem unbefangenen Betrachter fremd ist. Nicht jede Falte in einem Gesicht ist eine Alterserscheinung. Nicht jede unklare Wendung in einem Film ist ein Zeichen von Schwäche.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Pedro Almodóvars neuer Film „Julieta“ beginnt damit, dass Julieta, eine Frau um die fünfzig, ihr Mobiliar in Kisten packt. Sie will mit dem Mann, mit dem sie lebt, das Land verlassen und anderswo neu anfangen. Einen Augenblick später unterbricht sie ihr Tun, um eine Besorgung zu machen. Auf der Straße wird sie von einer jungen Frau angesprochen, die sich als alte Freundin von Julietas Tochter Antía entpuppt. Die Frau erzählt, sie habe Antía vor kurzem in der Schweiz getroffen. Julietas Gesicht erstarrt. Dann geht sie zurück nach oben, packt ihre Kisten fertig, verlässt das Apartment ihres Geliebten und nimmt sich eine Wohnung in einem anderen Viertel von Madrid, in einem Haus, in dem sie vor langer Zeit gelebt hat.

          Julieta also packt ein, aber die erzählerische Bewegung, die dieser Film wie jeder andere Film von Pedro Almodóvar vollführt, ist genau umgekehrt. In Almodóvars Kino werden Kisten ausgepackt: Kisten der Ehe, der Familie, der Kindheit, der vergeudeten Jugend, Kisten des Verbrechens und des Liebesbetrugs. Und in allen steckt das Gleiche: Schuld. Wenn es einen Zauberstoff gibt, der die Melodramen von Almodóvar antreibt, dann ist es die Erkenntnis der Schuld und die Reue, die ihr folgt, manchmal sehr spät, wie in „Schlechte Erziehung“, dem Meisterwerk von 2004, in dem ein Mörder Jahre nach der Tat vor die Kamera tritt, um die Geschichte seines Opfers nachzuspielen.

          Alice Munro als Vorlage

          Also nicht die Liebe. Oder nicht nur. Oder nur im Zusammenhang mit Schuld und Sühne. Darin unterscheidet sich Almodóvars Kosmos von dem der kanadischen Erzählerin Alice Munro, bei der die Liebe meistens etwas Befreiendes, Anarchisches hat, während Kindheit und Familie - die verlorenen Paradiese von Almodóvars Filmheldinnen - von Abhängigkeiten und dunklen Geheimnissen verschattet sind. Dennoch gehört Munro zu den Lieblingsautoren des spanischen Regisseurs, und deshalb hat er drei ihrer Geschichten aus dem 2004 erschienenen Band „Runaway“ verfilmt. Schon vor sieben Jahren kaufte er die Rechte an den Erzählungen, zuerst wollte er den Film mit Meryl Streep in der Hauptrolle in Amerika drehen, aber dann fremdelte Almodóvar mit den fernen Schauplätzen und der englischen Sprache und verlegte die Produktion nach Spanien. Und weil der Titel, den er dem Film geben wollte, „Silence“, schon von Martin Scorsese für sein neues Projekt gebucht worden war, nannte er ihn nach seiner Hauptfigur: Julieta.

          Julieta, Juliet, so heißt auch die Heldin bei Alice Munro. Die drei Erzählungen, in denen sie auftritt, sind Teil einer einzigen Lebensgeschichte. Und doch hat die Autorin sie voneinander getrennt. Die erste handelt von einer jungen Frau, die im Zug einen Mann kennenlernt. Die zweite von einem Besuch der Frau, die inzwischen Mutter ist, bei ihren Eltern. Die dritte von der Trennung von Mutter und Tochter. Die Erzählerin zerlegt das Leben in Momente, um es besser durchschauen zu können. Der Erzähler Almodóvar macht es umgekehrt: Er stellt die Kisten, die bei Munro hintereinander ausgepackt werden, wieder zusammen. Daher braucht er einen Rahmen, der die drei Geschichten zusammenhält. Er findet ihn in einer vierten Geschichte: einem Brief.

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