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Jan Zabeils neuer Film : Europas Familiengipfelchen

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Der kleine Tristan (Arian Montogomery) versteckt sich vor seinem Stiefvater Aaron. Bild: Rohfilm Productions 2017

Eine Patchworkfamilie kämpft in der Bergeinsamkeit um Zuneigung: Jan Zabeils Kinodrama „Drei Zinnen“ entdeckt die unplanbare Wirklichkeit des Zwischenmenschlichen.

          In der Stille der alpinen Bergwelt stört das schrille Geräusch umso mehr, mit dem ein Telefon sich in das Leben einer Kleinfamilie mischt. Das Telefon gehört dem kleinen Tristan, und seine Mutter Lea wusste gar nicht, dass er eines hat. Er hat es von seinem Vater bekommen, von George, der nicht mit in Urlaub ist, weil er mit Lea nicht mehr zusammen ist.

          Stattdessen ist da jetzt Aaron, ein blonder Deutscher mit Struppelbart, der sich mit Tristan prima versteht. So hat es jedenfalls den Anschein. Aaron ist so etwas wie der Stiefvater oder vielleicht einfach ein väterlicher Kumpel. Er wirbt um Tristan, und Lea wirbt bei Tristan für Aaron, und das Telefon wirbt mehrmals täglich bei Tristan für George, indem es diesen nervigen Klingelton von sich gibt.

          Die drei Hauptfiguren in Jan Zabeils Film „Drei Zinnen“ bilden eine Konstellation, die man heute routiniert als „Patchwork“-Familie zu bezeichnen gelernt hat. Die drei markanten Bergspitzen in den Dolomiten sind für den kleinen Tristan naheliegenderweise ein Zeichen für den besonderen Zusammenhalt in seiner Familie. Sie sind „Papa, Mama, Kind“, als Zuschauer ergänzt man unwillkürlich das, was Jan Zabeil im Sinn hat: Papa, Mama, Kind stehen im Verbund, ragen aber jeweils allein in die Höhe.

          Ein deutscher Autorenfilm

          Die Umgebung einer abgelegenen Hütte bildet die Szenerie für einen deutschen Autorenfilm, der sich für moderne Familienverhältnisse unter den exponierten Bedingungen eines dezidierten Rückzugs aus der Gesellschaft interessiert. Die Mutter Lea studiert ein Buch mit dem Titel „Logical Theory. Basic Concepts“, womit einerseits ein Motiv für die Kontemplation etabliert wird, um die es in diesem Urlaub geht. Andererseits legt Zabeil damit auch schon eine Spur von der Abstraktion zum Konkreten. Logik ist reines Denken, das Leben geht darin nicht auf, schon allein deswegen, weil jedes Individuum allein schon die Logik sprengt. Und dann erst drei, die sich mit den „Verwirrungen“ doppelter Vaterrolle, abgebrochener Bindungen und natürlicher Herkunft auseinandersetzen müssen.

          Die Sache bekommt eine weitere Dimension dadurch, dass Lea und Aaron und Tristan eine westeuropäische Patchwork-Familie sind. Lea (Bérénice Bejo, die französisch-argentinische Starschauspielerin, die man aus „The Artist“ kennt, aber auch aus Ashgar Farhadis „Le passé“ kennen könnte) ist Französin, Aaron (Alexander Fehling) ist Deutscher, und George, die ferne Stimme aus der Leitung, spricht Englisch. Damit wird schon die Entscheidung, was wer wem in welcher Sprache mitteilt oder andeutet, zu einem höchst beziehungsreichen Akt.

          Familiäre Machtkämpfe um Zuneigung

          Und weil die Intimität in diesem Fall sehr viel auch mit Beobachtung zu tun hat, organisiert Jan Zabeil den Film auch immer wieder so, dass sich Situationen des Mithörens ergeben oder Durchblicke vom Dachboden, wo Aaron etwas zu tun hat, nach draußen, wo Tristan wieder einmal am Telefon ist und erzählen soll, ob er auch glücklich ist. Er ist es nicht. Das wird zunehmend deutlicher. Tristan ist noch zu jung, und die neue Beziehung seiner Mutter ist noch zu jung, als dass er sich schon daran gewöhnt hätte. Er scheut sich auch nicht, die heikelste Frage auszusprechen: Vielleicht könnte Lea ja George wieder lieben? Warum liebt sie ihn nicht mehr und stattdessen einen anderen? Das latente Misstrauen, das Tristan dabei auf sich selbst bezieht, versucht die Mutter zu zerstreuen, indem sie Aaron vorhält, er gebe sich zu sehr wie ein Vater.

          In Familien werden ständig Machtkämpfe um Zuneigung ausgefochten. Das kann man im Kino entweder bis in die feinsten Verästelungen des Emotionalen hinein verfolgen, in einem mikrodramatischen Stil, in dem vieles auf die subtile Kunst der Darsteller ankommt. Oder aber man sucht schließlich einen erzählerischen Ausweg in ein größeres Drama, ein kathartische Zuspitzung, die nicht mehr nur von den Spannungen zwischen den Figuren bestimmt ist.

          Menschliche Erfahrung vor einer großen Natur

          Jan Zabeil, der schon mit seinem Film „Der Fluss war einst ein Mensch“ deutlich auf menschliche Erfahrung vor einer großen Natur (dort war es die afrikanische Savanne) zielte, deutet ohnehin schon mit dem Titel seines Films an, dass er sich die Schauwerte der alpinen Landschaft nicht entgehen lassen wird – und zwar sowohl als äußere Attraktion für eine Geschichte, die im Kern ein Kammerspiel ist, wie auch als Zeichen für eine Konstellation ständig sich öffnender Introspektion. So führt der Weg zu einer denkbaren Balance zwischen Lea, Aaron, Tristan und sogar George (oder jedenfalls zu einem allseits tragbaren Verhältnis zu diesem aufdringlichen Telefon, das dann aber auch noch mehrfach seine Funktion wechselt) natürlich in die Höhe. Vor Sonnenaufgang sollte man bei den Drei Zinnen sein, um das Spektakel des Lichts in seiner ganzen Schönheit zu erleben. Es gibt aber eben auch Tage, da geht die Sonne nicht auf. Da legt sich ein Nebel über die Landschaft, und wenn dann einer nach einem anderen ruft, dann könnte man den Eindruck haben, dass das Echo alles überlagert.

          So wird die Natur selbst zum Zeichen einer Rückbezüglichkeit, aus der einen das Zusammensein gerade erlösen soll. So wird die Natur aber eben auch zu einer Aufgabe, vor der man sich selbst als Teil von etwas Größerem erfahren kann. Da hält man dann doch besser auf Zuruf zusammen und nicht auf Anruf.

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