18.11.2004 · Gwyneth Paltrow, Angelina Jolie und Jude Law kämpfen gegen Riesenroboter: In dem Film „Sky Captain and the World of Tomorrow“ sind nur die Schauspieler echt - alles andere ist am Computer entstanden.
Von Johanna AdorjánMit Superlativen soll man ja vorsichtig sein, dieser ist wohlüberlegt: „Sky Captain and the World of Tomorrow“ ist ganz bestimmt einer der schönsten Filme aller Zeiten. Das liegt zunächst einmal, so einfach ist das ja manchmal, an seinem Hauptdarsteller Jude Law. Er ist so gutaussehend, daß es gar nicht vorstellbar scheint, irgend jemand könnte da anderer Ansicht sein. Alles an ihm stimmt, sein Gesicht ist perfekt symmetrisch, die Züge sind angenehm weich, und daß er dabei trotzdem männlich aussieht, hat er seinem ausgeprägten Kinn zu verdanken. (Und seinem Haaransatz, der Film für Film weiter zurückweicht.)
An seiner Seite spielt Gwyneth Paltrow, die ja nun auch nicht unbedingt häßlich ist. Sie ist sogar sehr schön. Auf diese unterkühlte Sie-wissen-schon-Art, die eine blonde Frau zur Blondine macht. Außerdem kann sie toll gelangweilt gucken, was sich natürlich perfekt zu dem dunklen Lippenstift macht, den sie in diesem Film trägt. Immer scheint Gwyneth Paltrow ein Hauch vom Glanz vergangener Tage zu umwehen, ob sie nun im wahren Leben über einen roten Teppich schreitet oder auf der Leinwand einen Filmpartner küßt - deswegen steht ihr „Sky Captain and the World of Tomorrow“ ganz besonders gut. Der Film spielt in den Zeiten von Bleistiftrock und Boucle-Kostüm. Er spielt 1939, im New York der Detektiv-Stories von Raymond Chandler, und er sieht nicht nur aus wie ein animierter Groschenroman - er ist es.
Film aus der Garage
Es ist der erste Film des Regisseurs Kerry Conran, 37, dessen Namen man sich gleich schon mal für kommende Fantasy-Verfilmungen merken kann. Wie ein paar andere Regisseure vor ihm, die in Hollywood Filmgeschichte geschrieben haben, ist auch er offenbar ein Film- und Computernerd. Die Entstehungsgeschichte von „Sky Captain“ klingt jedenfalls danach, und sie klingt schon jetzt wie eine Legende: Nach der Filmschule beschloß Conran, alleine am Computer einen Film zu machen; nur die Schauspieler sollten echt sein, er wollte sie nachträglich in die computergenerierte Szenerie einmontieren.
Conran setzte sich an seinen Apple, der - der Mythos lebt - in seiner Garage stand, und als er wieder aufstand, waren vier Jahre vergangen, und er hatte nur sechs Minuten Film. Das war 1998. Kerry erkannte, daß er Hilfe brauchte, wenn er seinen Film noch zu Lebzeiten vollenden wollte - also führte er die sechs Minuten einer befreundeten Produzentin vor, die dann wieder jemandem, den sie kannte, und so weiter und so fort, bis schließlich ganz Hollywood davon wußte, daß da einer alleine in seiner Garage ganz unglaubliche Bilder geschaffen hatte.
Sehnsucht nach Superhelden
Zu sehen war New York am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Was für eine Zeit. Alles scheint möglich. Der Glaube an den Fortschritt der Technik ist genauso groß wie die Sehnsucht nach Menschen mit übernatürlichen Kräften. Helden. Superman besteht seine ersten Abenteuer. Roboter sollen die Zukunft sein. 1931 wird auf das Empire State Building nachträglich die Spitze aufgesetzt, damit Zeppeline dort andocken können. (Wegen zu starker Winde wurde diese Möglichkeit allerdings nie genutzt.) Diese Stimmung, die durch unser Wissen um das, was kommen würde, unheilvoll aufgeladen ist, hatte Conran in seinen sechsminütigen Film gepackt, liebevoll ausgearbeitet bis ins kleinste Art-deco-Detail eines Gebäudes im Hintergrund.
Gwyneth Paltrow und Jude Law sagten zu, noch ohne das Drehbuch gelesen zu haben; Law stieg auch als Produzent mit ein. Für eine wichtige Nebenrolle konnte Angelina Jolie gewonnen werden und für eine noch wichtigere, die Rolle des Bösewichts nämlich: Sir Laurence Olivier, 1907-1989. Kerry erweckte ihn mittels irgendeines 3-D-Verfahrens zum Spielen. (Sein Text wurde von einem heute lebenden Schauspieler gesprochen und am Computer Oliviers Stimme nachmoduliert.)
Laurence Olivier als Dr. Totenkopf
Der fertige Film sieht wirklich sagenhaft aus. Eine Mischung aus „Metropolis“, „Godzilla“ und der tönenden Wochenschau - dazu diese überirdisch schönen Schauspieler, die (erleichternd zu wissen) am Computer nachträglich weichgezeichnet und nachkoloriert wurden. Die Handlung ist eher verworren, ich gebe zu, ich habe mehrmals den Faden verloren. Paltrow ist als Journalistin Polly Perkins einer mysteriösen Geschichte auf der Spur - mehrere Wissenschaftler verschwinden spurlos, auf einmal tauchen fliegende Riesenroboter auf; Jude Law alias Sky Captain, ihr Exfreund, ein begnadeter Pilot, hilft ihr dabei. Es ist ein Kampf Gut gegen Böse, wobei das Böse nach langer Zeit mal wieder deutsch ist - Laurence Olivier spielt Dr. Totenkopf (oder andersherum) -, und dreimal dürfen Sie raten, wer am Ende siegt.
Es gibt Action-Szenen über den Wolken und unter Wasser; Paltrow und Law spielen das altbekannte Was-sich-neckt-das-liebt-sich-Spiel und haben dabei ein paar hübsche, schnelle Ping-Pong-Dialoge. Amphibienhafte Flugobjekte attackieren die Menschheit; Angelina Jolie trägt eine Augenklappe und stiehlt den beiden Hauptdarstellern mit ihrer Spielfreude fast die Show; es gibt Dinosaurier, ein Raumschiff und einen verrückten Wissenschaftler, der vorhat, die Erde zu zerstören.
Welles, Lucas, Fleming
Film-Fanatiker werden sich über viele Zitate und Anspielungen freuen können. Als gigantische Roboter in Manhattan einfallen, telefoniert Gwyneth Paltrow beispielsweise mit ihrer Redaktion: „Sie haben die Sixth Avenue erreicht ... sie haben die Fifth Avenue erreicht ... sie sind noch hundert Meter entfernt ...“ - dieser Text stammt aus Orson Welles' Hörspiel „The War of the World“, in dem Marsmenschen in New York landen.
Oder die Hausnummer 1138, die einmal vorkommt - eine Hommage an George Lucas' Film „THX 1138“ (1971).
Oder ein Graffito: Victor Fleming steht an einer Hauswand. 1939 drehte der „The Wizard of Oz“ und „Vom Winde verweht“, seine beiden Meilensteine.
Oder die Frage, die Jude Law Laurence Olivier stellt: „Is it safe?“; dieselbe Frage hatte Olivier 1976 in „Marathon Man“ Dustin Hoffman gestellt, als der gefesselt auf seinem Zahnarztstuhl saß.
Oder oder oder.
Trotz allem, falls Sie einen Film sehen möchten, der Sie berührt, einen Film, der Sie, und wenn auch nur für einen kurzen Moment, mitten ins Herz trifft, dann würde ich Ihnen „Sky Captain and the World of Tomorrow“ nicht empfehlen. Bei all seiner Schönheit läßt einen dieser Film doch seltsam ungerührt. Eine gute Geschichte ist im Kino eben wichtiger als noch so spektakuläre Produktionsverfahren. Und vielleicht hat man, nach „Herr der Ringe“ und so weiter, auch einfach schon genug Landschaftspanoramen gesehen, die schöner sind als in der Wirklichkeit.
Falls Sie einen Film sehen wollen, der mehr in Ihnen auslöst als nur „Ah“ und „Oh“, dann gucken Sie sich lieber etwas anderes an, zum Beispiel den Dokumentarfilm „Rhythm is it“. Darin sind lauter dicke, pickelige Jugendliche aus Berliner Problemvierteln zu sehen, die mit den Berliner Philharmonikern zusammen ein Tanzprojekt erarbeiten. Auch ein wunderschöner Film. Aber auf eine beglückendere Art.
Die wichtigsten Kinofilme in Video-Kritiken der F.A.Z.
Johanna Adorján Jahrgang 1971, Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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