08.07.2004 · 200 Millionen Dollar plus 75 Millionen Werbekosten gingen für die Produktion von „Spider Man 2“ drauf - doch Regisseur Sam Raimi bleibt auf dem Boden. Er nimmt den Spider-Man-Mythos ernst, aber nie ernster als nötig.
Von Michael AlthenLassen Sie uns über Geld reden! 180 Millionen Dollar in sechs Tagen, mehr hat kein Film am amerikanischen Unabhängigkeitswochenende eingespielt. Das Original hat weltweit 822 Millionen in die Kassen gebracht, mit der Fortsetzung wird nun die Milliarde angepeilt. Um so schöner, daß sich der "Guardian" mal die Mühe gemacht hat, die Kosten für diesen Blockbuster aufzuschlüsseln. Alles sind natürlich nur Schätzungen, aber in diesen Kreisen muß man ja nicht jeden Cent umdrehen.
Erst mal das Drehbuch, vier Autoren, darunter der Pulitzerpreis-Gewinner Michael Chabon, dazu ein paar Skriptdoktoren, die auf bestimmte Szenen angesetzt werden: zehn Millionen. Das Doppelte geht an Marvel-Comics, bei denen die Rechte für die Figur liegen. Die Produzenten verdienen 15 Millionen, der Regisseur zehn und die Schauspieler 30. Fürs Original hat Hauptdarsteller Tobey Maguire noch vier, fürs Sequel bereits 17 Millionen bekommen, sein Kostar Kirsten Dunst darf sich mit einem Drittel zufriedengeben, und der Bösewicht Alfred Molina mit einer Million - da freuen sich auch die Agenten.
Zusammen 200 Millionen Dollar
Die tatsächlichen Drehkosten werden mit 45 Millionen beziffert, aber der ganze Aufwand von Hunderten von Teammitgliedern und Komparsen, die ganze real existierende Materialschlacht verblaßt hinter den virtuellen Effekten, die sich auf 65 Millionen belaufen. Da sind die fünf Millionen für die Musik von Danny Elfman fast geschenkt. Das macht zusammen 200 Millionen Dollar, die aber zum Fenster hinausgeworfen wären, wenn das Produkt nicht ausreichend beworben und flächendeckend unter die Leute gebracht wird. Kommen noch mal 75 Millionen dazu. Das ist dann doch eine Menge Geld und ein guter Grund, warum eine Menge Leute schlaflose Nächte verbringen, ehe die ersten Erfolgsmeldungen eintreffen.
Aber Geld spielt bekanntlich keine Rolle, wenn es darum geht, ob ein Film etwas taugt oder nicht. Der erste Teil war außerordentlich pfiffig gemacht, weil er augenzwinkernd von einem Jungen erzählte, der ins Kostüm des Superhelden erst noch hineinwachsen mußte. Diese ironische Brechung, die pubertäre Nöte und heldenhafte Eleganz ineinanderblendete, machte es für eine Fortsetzung nicht leichter. Was sollte auf den ersten Auftritt in einem total lächerlichen, selbstgeschneiderten Spiderkostüm noch folgen - und wie sich jener Kuß übertreffen lassen, den sich die Liebenden kopfüber geben, nachdem dieser nun schon in "Shrek 2" auf die Schippe genommen wird?
Einleuchtende Antwort
Die Antwort auf all diese Fragen ist relativ einleuchtend. Nachdem Peter Parker im ersten Teil mannhaft die Rechte und Pflichten des Superhelden auf sich genommen und Liebesverzicht geleistet hat, zieht er im zweiten Teil bald die logische Konsequenz und hängt das Kostüm an den Nagel. Er leidet unter der Doppelbelastung als Student und Superheld, wie es sonst nur alleinerziehende Mütter tun, die ja auch so etwas wie Superheldinnen in der Wirklichkeit sind. Parker arbeitet als Pizzabote und ist selbst dann nicht pünktlich, wenn er seine Superkräfte zu Hilfe nimmt. Deshalb ist er mit der Miete im Rückstand, läßt auch an der Uni mit seinen Leistungen nach und kann nicht einmal seine Rendezvous einhalten, weil ihm dauernd seine Berufung als Ordnungshüter dazwischenkommt.
So ist Spider-Man bald gefangen im eigenen Netz und muß sich nicht wundern, wenn er plötzlich auch Ladehemmung hat. Seine Spinnfadendrüsen verweigern den Dienst, der Emotionsstau fordert seinen Tribut. Aber ehe er seinen Heldendress in der Mülltonne entsorgt, kommt noch eine jener Szenen, mit denen Regisseur Sam Raimi den Superhelden vom Kopf auf die Füße stellt, indem er zeigt, daß dies kein Film der großen Gesten, sondern der kleinen Frustrationen ist. Denn als er sein Kostüm aus der Waschmaschine holt, stellt er fest, daß seine ganze Wäsche rot und blau verfärbt ist. Und bekanntlich sind es ja immer die kleinen Dinge im Leben, die das Faß zum Überlaufen bringen.
Ein neues Superproblem
Gut, daß bald ein neues Superproblem auftaucht, an dem der traurige Held sich wiederaufrichten kann, diesmal in Form von Dr. Otto Octavius, der wie alle Wissenschaftler zwar nur das Wohl der Menschheit im Sinn hat, aber in seiner Verblendung außer acht läßt, daß seine Experimente aus dem Ruder laufen könnten. So wird er zum Opfer seiner vier Supergreifarme, die ihm den Spitznamen Doc Ock einbringen und ihm ihren Willen aufzwingen. So stehen sich schließlich zwei Figuren gegenüber, Spinne und Oktopus, die sich über ihre Extremitäten definieren, sich jedenfalls aus menschlicher Perspektive durch einen Verlust der Mitte auszeichnen. Was immer die Tentakeln oder das Spinnennetz im Zentrum zusammenhält, ist bedeutungslos geworden und muß zurückerobert werden.
Das Problem mit Hollywoods Superproduktionen ist in der Regel, daß sie entweder vor lauter Kraft kaum gehen können oder so von sich selbst eingenommen sind, als würden tatsächlich Letzte Dinge verhandelt. Was Sam Raimi auszeichnet, ist die Tatsache, daß er auch im aufgeblasenen zweiten Teil immer auf dem Boden bleibt. Das mag daran liegen, daß er nicht ein Werbefilmer ist, der glaubt, die Bedeutung seines Films wachse mit dem Hochglanz seiner Bilder, sondern im Herzen immer jener Mann geblieben ist, der am Anfang seiner Karriere mit "Evil Dead" das Horror-Genre zu so viel neuem Leben erweckt hat, daß allen Sittenwächtern angst und bange wurde.
Er nimmt den Spider-Man-Mythos so ernst, wie er es verdient, aber in keinem Moment ernster als nötig. Er erinnert sich daran, daß die Comics mal Schundhefte hießen und genau darin ihre Anziehungskraft lag. Sein Film bleibt ein B-Movie, auch wenn der Aufwand diese Bezeichnung kaum mehr rechtfertigt. Die Computereffekte mögen vielleicht 65 Millionen Dollar kosten, aber am Ende sind es doch nur jene billigen Effekte, für die man auch die Comics geliebt hat. Geld ist eben doch nicht alles.