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Kino : Filmischer Höllensturz: „Irreversibel“

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Monica Belucci und Jo Prestia in "Irreversibel" Bild: Alamode Film

Bei seiner Premiere in Cannes sahen den Film 2400 Leute. Zweihundert gingen vorzeitig. Jetzt ist Gaspard Noés „Irreversibel“, eine rückwärts gedrehte Chronologie der Gewalt, auch bei uns im Kino zu sehen.

          Bei seiner Premiere in Cannes sahen den Film 2400 Leute. Zweihundert gingen vorzeitig, mancher war der Ohnmacht nahe, andere brüllten Schande, der Rest blieb bis zum Ende, um Abgebrühtheit zu demonstrieren oder den Unmut loszuwerden. Geklatscht haben nur wenige, denn, kein Zweifel, der Film ist schwer zu ertragen. Womöglich gerade deshalb, weil er so brillant ist.

          Die inkriminierten Szenen sind in der Tat von einer Brutalität, der man schutzlos ausgeliefert ist. Erst wird mit dem Knie ein Arm gebrochen, dann der Angreifer mit dem stumpfen Ende eines Feuerlöschers so lange geschlagen, bis sein Schädel nur noch Brei ist. Später sieht man neun Minuten lang, wie eine Frau von hinten vergewaltigt und dann ihr Kopf auf den Boden geschlagen wird, bis ihr Gesicht nicht mehr zu erkennen ist. Kein Schnitt fiktionalisiert das Ganze, die Kamera wendet ihr Auge nicht ab, der Imagination bleiben keine Fluchtmöglichkeiten. Maskenbildner und digitale Nachbearbeitung ermöglichen die Präsentation der Gewalt und ihrer Auswirkungen in voller Dauer. Die Szenen sind purer Terror, und man könnte fragen, warum man sich das antun soll. Man könnte aber auch fragen, warum die Darstellung von Gewalt als das, was sie ist, schändlicher sein soll als die gesellschaftlich sanktionierten Darstellungsweisen, wo die Gewalt auch Opfer fordert, aber keinem weh tut, weil die Kamera vor den Folgen den Blick senkt.

          Die Schwerkraft der Gewalt

          Gaspard Noé unternimmt nichts, um die Gewalt zu ästhetisieren und zu verharmlosen, er will sie noch nicht einmal rechtfertigen, sondern zeigt sie nur in all ihrer schändlichen Brutalität. "Irreversibel" heißt auch: Hier steht hinterher keiner wieder auf und tut so, als sei nichts gewesen. Das muß man nicht mögen, aber gegen die guten Sitten verstößt es deswegen noch lange nicht. Gerade angesichts des Geschreis über die zunehmende Virtualisierung von Gewalt durch Computerspiele sollte man "Irreversibel" begrüßen als filmisches Ereignis, das der Gewalt ihre Schwerkraft zurückgibt.

          Was die Kritiker des Films außerdem erbost hat, ist der Umstand, daß Noe die Chronologie außer Kraft gesetzt und die Erzählung umgekehrt hat, wodurch die Mutwilligkeit der Exzesse noch betont werde. Tatsächlich beginnt "Irreversibel" mit dem Abspann und erzählt die zwölf Stationen seiner Geschichte wie Christopher Nolan in "Memento" rückwärts. Erst sieht man also die Rache an dem Vergewaltiger und erst später die Vergewaltigung. Gerade diese Umkehrung entwindet den Film jeglichen Rechtfertigungsszenarien. Man kennt das Motiv für den Einsatz des Feuerlöschers nicht, und wenn es dann soweit ist, wächst der Tat nicht rückwirkend Verständnis zu.

          Düstere Vorahnungen

          Durch die Verkehrung von Ursache und Wirkung weicht Noé vom genretypischen Rachemuster ab, mit dem Filme wie "Ein Mann sieht rot" ihre Gewalt zu legitimieren suchen. Wenn man die Uhr zurückdreht, funktioniert diese Verkettung nicht mehr, sondern verweist die Erzählung eher ins Horror-Genre, dessen Spannung ebenfalls von düsteren Vorahnungen lebt. Eine Unausweichlichkeit schleicht sich in den Film ein, ein Suspense, der schon erschaudern läßt, wenn Monica Bellucci in ihrem weißen Abendkleid die Unterführung betritt, deren rotes Licht alle Schrecken vorwegzunehmen scheint. Wie alle Horrorfilme ist auch dieser ein Spiegel seiner Zeit, indem er urbane Paranoia zu einem Albtraum verdichtet.

          Natürlich ist Noé darauf aus, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Schon wenn zu Beginn der Abspann von unten durchs Bild rollt und sich das Schriftbild langsam zur Seite neigt, gerät man als Betrachter aus dem Lot. Und die spiegelverkehrten Großbuchstaben tun ein übriges, um schon vor dem ersten Bild nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist. Dann klettert die Kamera durch einen Hinterhof, überschlägt sich, steht auf dem Kopf, fliegt durch ein Zimmer an zwei alten Männern vorbei und senkt sich dann hinab zu dem Schwulenclub "Rectum", wo sie über die Opfer hinweg durchs Dunkel taumelt, zurück in der Zeit, an Gesichtern und Gliedern, Geschrei und Gestöhne vorbei, in einen dunklen Schlund, an dessen Ende alles eskaliert - ein wahrer Höllensturz, wie man noch keinen gesehen hat, von einem Kameraauge registriert, das wie ein unsichtbares außerirdisches Insekt alles hautnah abtastet, ohne Halt zu finden.

          Unmenschliche Perspektive

          Man könnte sagen, daß die Perspektive dieses Films unbarmherzig, geradezu unmenschlich ist, aber die Gewalt ist es auch. Und wenn es zur Vergewaltigung kommt, dann verharrt die Kamera auf dem Boden, vor dem Gesicht Belluccis, deren verzweifelte Schreie von der Hand des Angreifers unterdrückt werden - und der Horror des Opfers überlagert definitiv die Lust des Täters und unterbindet alle sexuellen Konnotationen. Neun Minuten lang blickt man ihr in die schreckens- und schmerzgeweiteten Augen, und womöglich führt diese Erfahrung dazu, daß Monica Bellucci in den folgenden, dem Ereignis also vorhergehenden Szenen noch fragiler, verletzlicher und schöner wirkt als ohnehin schon.

          Danach sieht man sie auf einer Party, die sie fatalerweise alleine verläßt; mit ihrem Freund (Vincent Cassel) nach dem Liebesspiel im Bett; beim Schwangerschaftstest, der zu ihrem Glück und unserem Unglück positiv ausfällt; und am Ende zu Beethovens Siebter auf einer grünen Wiese, wo sie inmitten tollender Kinder ein Buch liest, während sich die Kamera immer wilder dreht, bis am Ende die Leinwand in einem Gewitter aus Licht explodiert. Ein Happy-End in einem todtraurigen Film, ein glücklicher Anfang, der sein bitteres Ende schon in sich zu tragen scheint, unfaßbare Schönheit, die aus gnadenloser Brutalität entsteht. Der Film ist ein einziges Paradox, schon weil er seinen eigenen Titel Lügen straft. Er macht nichts rückgängig und schafft es doch, sich der eigenen Finsternis zu entwinden.

          Man möchte "Irreversibel" gerne empfehlen, aber letztlich muß jeder selbst wissen, wie weit er als Zuschauer zu gehen bereit ist.

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