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Kino Der Tod steht ihr gut: Tim Burtons „Corpse Bride“

03.11.2005 ·  Die ganze Kunst des Puppentricks: In „Hochzeit mit einer Leiche“ schafft Tim Burton es, seiner nachtschattenblauen Braut trotz fortgeschrittener Verwesung erotische Anziehungskraft und verzweifelte Zärtlichkeit abzugewinnen.

Von Michael Althen
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Wer wissen will, welchen Zauber der Trickfilm jenseits digitaler Zeichentische entwickeln kann, kommt um Tim Burtons „Corpse Bride - Hochzeit mit einer Leiche“ nicht herum. Zusammen mit seinem Co-Regisseur Mike Johnson hat Burton im Stile von „Nightmare Before Christmas“ seinen langbeinigen Puppen mit Stoptrick ein Leben eingehaucht, das weit über das dauernde Augenzwinkern der Computer-Konkurrenten hinausgeht.

Auch Burton liebt das Spiel mit filmgeschichtlichen Zitaten, aber wenn bei ihm der schüchterne Jüngling Victor auf einem Flügel der Firma „Harryhausen“ sitzt, dann hat das wirklich einen guten Grund, weil Ray Harryhausen eben der Großmeister des Stoptrick-Verfahrens war, der uns so grandiose Szenen wie das Duell mit den Skeletten in „Jason und die Argonauten“ beschert hat.

Die ganze Kunst des Puppentricks

Skelette spielen auch in „Corpse Bride“ eine entscheidende Rolle, denn Victor stolpert bei einem Waldspaziergang ins Totenreich, wo es allemal bunter, lauter und spaßiger zugeht als in seinem düster-grauen viktorianischen Heim. Das ist der ganze Witz des Films, der aber natürlich schon deshalb enorm weit trägt, weil Burtons makaberer Humor aus der Verkehrung der Umstände eine Pointe nach der anderen gewinnt - so taucht zum Beispiel irgendwann als bellendes Skelett Victors Hund Scraps auf, den er noch zu Kinderzeiten begraben mußte.

Victor ist eigentlich Victoria versprochen, weil sich die geldgierigen Eltern davon Vorteile erhoffen, und obwohl sich die beiden tatsächlich verlieben, muß Victor sich erst der verzweifelten Avancen der Leichenbraut Emily erwehren, die seit ihrem Tod am Hochzeitstag nach einem neuen Bräutigam Ausschau hält, der sie am Altar erlöst. Die ganze Kunst des Puppentricks erweist sich schon in der Art, wie Burton es schafft, diesem nachtschattenblauen Wesen, dessen Bein der Verwesung anheimgefallen ist und dessen Augapfel in den unpassendsten Augenblicken herausfällt, tatsächlich so etwas wie erotische Anziehungskraft und verzweifelte Zärtlichkeit abzugewinnen.

Vom Disney-Zeichner zum Gegenentwurf

Burton war schon immer der Anti-Disney, seit er dort als Zeichner ausgeschieden ist. In „Corpse Bride“ gelingt es ihm, in den Gefilden der Nekrophilie zu wildern und dabei nicht nur billige Scherze zu machen, sondern im Totenreich einen beunruhigenden Zauber zu finden, der die Hierarchien der Trickwelt auf den Kopf stellt.

Wie elegant er dabei arbeitet, kann man nicht nur beim bizarren Totentanz sehen, in dem sein Lieblingskomponist Danny Elfman eine Gilbert-and-Sullivan-Nummer paraphrasiert, sondern in der Art, wie er dem Grau in Grau der viktorianischen Welt alle möglichen Schattierungen abringt. Und der Johnny Depp nachgebildete Victor ist ein leibhaftigerer Depp als sein Charlie in der Schokoladenfabrik.

Quelle: F.A.Z., 02.11.2005, Nr. 255 / Seite 41
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