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Kino : Das Kino als Zitatenmaschine: „Be cool“

Filmkritik: John Travolta in „Be cool” Bild: Verleih

Der einzige, der jubelt, ist Dan Brown: In „Be cool“ tanzt John Travolta noch einmal mit Uma Thurman - doch der Film verirrt sich im Niemandsland zwischen Musikvideo, Komödie und „hard-boiled“-Thriller.

          Chili Palmer ist nicht dünner geworden über die Jahre, was nichts schaden müßte, weil seine wohlgenährte, fleischige Erscheinung ja auch Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen könnte - wenn er nicht so verdammt satt und selbstzufrieden dabei wirkte.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Satt wie John Travolta, der es nach seinem Comeback vor zehn Jahren inzwischen ruhiger angehen läßt. Als schaute er mal zu Besuch in den Film herein, dessen Hauptdarsteller er ist. Doch irgendwie läuft das Spiel an ihm vorbei. Er ist ein wenig lustlos, aber meistens freundlich, er trägt Schwarz und den obersten Knopf seiner Strickhemden geschlossen; daß zwischen ihm und Uma Thurman so etwas wie erotische Spannung entstehen soll, glaubt man selbst dann noch nicht, wenn sie sich küssen. Aber man kann auch nicht behaupten, daß Drehbuch und Regisseur ihnen dabei behilflich wären.

          Ein Sequel, das auf einem Sequel beruht

          „Be cool“, der aus völlig unbegreiflichen Gründen den deutschen Untertitel „Jeder ist auf der Suche nach dem nächsten großen Hit“ erhalten hat, ist ein Sequel - aber zumindest eines, das auch auf einem Sequel zu dem Roman „Schnappt Shorty“ beruht. Elmore Leonard, fraglos einer der besten Dialogschreiber und Konstrukteure abenteuerlicher Plots, war auch nicht in Topform, als er Chili, den ehemaligen Kredithai, aus dem Film- ins Musikgeschäft wechseln ließ; doch der richtige Regisseur hätte Leonard, den Autor von „Out of Sight“ und natürlich „Jackie Brown“, schon auf die Höhe seiner Fähigkeiten bringen können.

          F. Gary Gray, der bei „The Italian Job“ einen ordentlichen Job erledigt hat, weiß nun leider gar nicht, was er will. Er inszeniert lieblos und unentschieden, er hetzt rohe Russen, rüde Rapper und zuhälterartige Plattenpromoter aufeinander und irrt zwei Stunden lang durchs Niemandsland zwischen Musikvideo, Komödie und „hard-boiled“-Thriller.

          Fehlende Härte

          Er hat die Härte nicht, aus der erst die Komik entstehen könnte, weil es bei Leonard die staubtrockenen Dialoge sind, welche den kaltblütigsten Handlungen den richtigen Beat verleihen. Im Grunde ist der Film wie Cedric der Entertainer, der eine ganze Combo von Gangsta-Rapper-Karikaturen befehligt und als schwarzes Kid aus reichem Haus mit der Waffe in der Hand einen Vortrag über den Einfluß afroamerikanischer Kultur auf den Mainstream hält, als spräche er gerade fürs fünfte Sequel zu „Pulp Fiction“ vor.

          Das ist der unheilvolle Einfluß, den Quentin Tarantino ohne eigenes Verschulden auf das Geschäft gehabt hat: Jeder zweite glaubte eine Zeitlang, man müsse nur hier ein Zitat und dort eine kleine Referenz einbauen, um den Tarantino-Touch zu imitieren, und besonders Coole gaben sich auch selbstreferentiell, was zum akuten Problem wird, wenn da kein Selbst ist, auf das man sich beziehen kann.

          Plappernde Zitatenmaschine

          Wo „Schnappt Shorty“ vor zehn Jahren noch eine eigene Tonlage fand, ist „Be Cool“ nur noch eine unablässig plappernde Zitatenmaschine. Augenzwinkernd schickt der Film Uma Thurman und Travolta auf die Tanzfläche, wobei sie nicht einfach gehen, sondern dabei große Anführungszeichen tragen, weil sich natürlich jeder an „Pulp Fiction“ und dadurch an „Saturday Night Fever“ erinnert.

          Und leider ist dieser Tanz so montiert und fotografiert, daß man auch wieder nur Anführungszeichen sieht, weil der Film gar keinen eigenen Raum findet, in dem all die Zitate einen Widerhall finden könnten. Man wird irgendwann ganz nervös vor lauter Augengezwinkere und ist schon froh, daß der schwule samoanische Bodyguard wenigstens energisch eine Augenbraue hochziehen kann, wobei man auch sagen muß, daß der ehemalige Preisringer The Rock in dieser Rolle noch die beste Figur macht.

          Der De-Vito-Code

          Auch mit den vielen kleinen und großen Stars weiß Gray gar nichts anzufangen. Harvey Keitel ist dabei als schmieriger Musikpromotor, Danny De Vito und Anna Nicole Smith küssen sich einmal ringkampfreif am Rande eines Basketballspiels, Musiker diverser Bands bevölkern die Leinwand, Christina Milian gibt eine aufstrebende junge Sängerin, die es nie bis in den Mittelpunkt der Story schafft, und wer ganz genau hinschaut, kann bei einem Aerosmith-Konzert sogar Dan Brown, den Autor von „Sakrileg“, begeistert die Arme hochreißen sehen.

          Das reicht natürlich nicht, um aus lauter mittelmäßigen Nummern eine große Show zu machen. Die Dialoge, die in der deutschen Fassung nur noch wie schlechtes Kunstgewerbe klingen, liegen bereits im Original herum wie bestellt und nicht abgeholt. Das ist das ganze Dilemma des Films: Er hat aufgeboten, was sich auf dem Papier wunderbar liest, er weiß bloß nichts damit anzufangen - als habe er seine ganze Energie und Leidenschaft im Vorfeld verbraucht. Und wenn es heute auch nicht so einfach ist, schlüssig zu definieren, was denn nun eigentlich cool sei, so hilft einem der Film wenigstens beim Ausschlußverfahren.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.03.2005, Nr. 12 / Seite 29

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