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Kino : Bis die Schnalle schmilzt: „Kroko“ von Sylke Enders

  • -Aktualisiert am

Film-Kritik: Franziska Jünger in "Kroko" Bild: Luna Film

Die siebzehnjährige Königin der Weddinger Hinterhöfe wird zu 60 Stunden Sozialdienst verurteilt. Mit „Kroko“ zeigt Sylke Enders, wie man aus den Zutaten des Elendskinos einen richtig unterhaltsamen Film macht.

          Es gab eine Menge Rummel um Sibel Kekilli, die Hauptdarstellerin des Berlinale-Siegers "Gegen die Wand" - und was die schauspielerische Leistung anging, war er durchaus berechtigt. Aber der wahre Star unter den Laiendarstellerinnen dieses Frühlings ist eine andere: Franziska Jünger, eine Arzthelferin aus Berlin, die von Sylke Enders als Titelheldin ihres Films "Kroko" besetzt wurde. Wo Kekilli lichterloh brennt, da ist Jünger die reinste Kaltblüterin, ein Reptil, eine Figur, wie sie das Kino nicht allzu häufig erfindet, weil es dem Leben zu selten wirklich auf die Finger sieht.

          Jugendkriminalität und Behindertenarbeit sind im deutschen Film eigentlich nicht unbedingt die Themen, die zum Kinobesuch verführen. Diese Sorte Tristesse glaubt man irgendwie schon zu kennen, hat sie einmal zu oft als trübe Form der Sozialarbeit vorgeführt bekommen. Aber "Kroko" ist anders: unterhaltsam, spannend, hart und genau. Daß es keine falsche Sentimentalität gibt, bedeutet nicht, daß der Film sich in Trostlosigkeit ergehen würde. Er ist im Gegenteil ziemlich witzig und von einer großen Zärtlichkeit seinen Figuren gegenüber, die solche Regungen zu allerletzt zulassen würden. Denn zum guten Ton gehört dort, unter keinen Umständen Gefühle preiszugeben.

          Konsequenter Albtraum

          Kroko heißt eigentlich Julia, lebt im Wedding und ist die Queen der Hinterhöfe, eine Blondine wie aus dem Bilderbuch, auffällige Fummel, lange Fingernägel und eine Attitüde, als sei ihr die Welt allein für ihre Blondheit etwas schuldig. So gelangweilt blickt sie in die Welt, daß ihre Mutter längst resigniert hat und selbst die Jungs den Schwanz einziehen. Ihre Welt sind Discos, Handys und Kosmetika, alles andere empfindet sie als Zumutung.

          Was sie vom Leben eigentlich will, ist nicht leicht zu sagen, womöglich alles, aber auf "Ausbildungskacke" hat sie jedenfalls keine Lust. Man kommt also nicht leicht auf die Idee, sie sympathisch zu finden, aber ihre hochmütige Art reicht immerhin, daß alle in ihrer Gang um ihre Aufmerksamkeit buhlen. Die Frau ist ein Albtraum, aber sie ist es mit einer Konsequenz, die wirklich atemberaubend ist. Wo bei Schauspiellaien sonst immer früher oder später jener Riß sichtbar wird, der den Mensch von seiner Rolle trennt, da ist hier das Spiel von Franziska Jünger so nahtlos, daß man sich gar nicht vorstellen kann, daß sie im wirklichen Leben irgendwie anders sein könnte.

          Bizarre Begegnung

          Das Wunder dieses Films ist also, wie es die dffb-Absolventin Sylke Enders schafft, daß es einen Film lang nichts spannenderes gibt als die Frage, wem und wie es gelingt, diesen Panzer aus Eis zu knacken - und sei es nur für einen Moment, für ein einziges Lächeln. Denn Kroko gibt nicht einmal dann ihre Haltung auf, als sie ohne Führerschein einen Radfahrer anfährt und zu sechzig Stunden Sozialdienst in einer Behinderten-WG verurteilt wird. Vor Gericht hält sie es nicht einmal für nötig, sich beim Opfer zu entschuldigen, sondern verdreht nur die Augen und studiert gelangweilt ihre Fingernägel. Im Film Noir wurden Frauen schon wegen geringerer Vergehen zur Femme fatale geadelt.

          Die Begegnung der Schnalle aus dem Wedding mit den Behinderten ist ungefähr so bizarr wie der Kontakt mit den Außerirdischen in "Mars Attacks!" - und genauso lustig. Die Behinderten sind für sie nur "Spastis", der Heimleiter ein verdammter Hippie und das ganze Ansinnen, sie solle sich hier für irgendwas engagieren oder auch nur interessieren sowieso eine Zumutung. Wer da auf eine schnelle Läuterung hofft, wird erstmal enttäuscht. Da muß das blonde Gift erst noch tiefer fallen. Aber wie sich das vollzieht, hat man in dieser Schärfe im deutschen Film schon lange nicht mehr gesehen.

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