Von diesen Bildern hat das Kino schon geträumt, als es das Kino noch nicht gab. Auf solche Bilder hat die Schaulust vielleicht schon seit fünfhundert Jahren gewartet. Es ist, als hätte Leonardo der Mona Lisa gesagt, sie möge doch mal kurz aus dem Bild verschwinden, damit man die gewaltige Landschaft im Hintergrund besser sehen kann. Es ist, als hätte Pieter Breughel sein Standbild vom Turmbau zu Babel erst in Bewegung und dann mit lautem Krach zum Einsturz gebracht. Und am Schluß sieht es so aus, als hätte Claude Lorrain mit den Bauten aus der "Einschiffung der heiligen Ursula" einen ganzen Meerbusen dekoriert. George Méliès, dem Vater des Illusionskinos, wären hier die Augen übergegangen, Fritz Lang hätte in diesen Kulissen die "Nibelungen" noch viel effektvoller inszeniert. Und Cecil B. DeMille, als er die Wellen des Roten Meers über den Kriegern Ägyptens zusammenkrachen ließ, konnte sich nur sehnen nach einer solchen Wucht der Elemente, wie Peter Jackson sie im dritten Teil des "Herrn der Ringe" entfesselt.
Man darf, zu all den endlosen Ebenen und riesigen Gipfeln, zu den himmelhohen Türmen, den Felsgewölben und den Städten, die zu monströsen Vertikalen aufgeschichtet sind, natürlich auch sagen: Was für ein monumentaler Kitsch! Man sollte sich dabei aber auch bewußt machen, daß die Künste (oder wie immer man die Produktion von Bildern nennen will) seit Jahrhunderten nach solchen Perspektiven streben, nach Blicken, die den Betrachter in Rausch und Schwindel versetzen. Wenn Peter Jackson seine Kamera von den Türmen und den Bergen herabgucken läßt, dann geht es ihm, ganz buchstäblich, um die Fallhöhe. Und um die Schwerelosigkeit, die vor dem Aufprall kommt. In ihren besten Momenten sind diese Bilder bodenlos.
Atemberaubende Schlachten
Doch der Rausch der Kamera wird unterminiert von der Ernüchterung, die der Plot bedeutet. Ein finsterer Himmel liegt über dem Kontinent Mittelerde, die Kräfte des Schlechten und den Dunkelheit sind weiter gewachsen; in Mordor, dem Reich des Bösen, rüstet sich eine noch größere und grausamere Armee als im zweiten Teil fürs allerletzte Gefecht, und daß das böse enden wird, falls es dem Hobbit Frodo nicht gelingt, den Ring, um den sich alles dreht, endgültig zu vernichten, das ist den Lesern von J. R. R. Tolkiens Epos ebenso gut bekannt wie denen, die den ersten und zweiten Teil gesehen haben. Wer Tolkien gelesen hat, weiß also, ungefähr jedenfalls, was jetzt, im dritten Teil, zu passieren hat. Frodo wird allen Versuchungen widerstehen und mit letzter Kraft den Ring dorthin bringen, wo er hingehört: in die Höhle des Bösen, ins Feuer, wo er schmelzen wird. Der Königssohn Aragorn wird kämpfen, siegen, schließlich den Thron besteigen. Die ungezählten Nebenfiguren werden die Pausen zwischen den großen Kämpfen füllen. Und natürlich werden die Schlachten atemberaubend und blutig sein.
Das war das Problem von Peter Jackson beim Drehbuchschreiben und beim Inszenieren, und das bestimmt die Form des Films: "Der Herr der Ringe" ist in erster Linie für die Leser Tolkiens gemacht, für Leute also, die dem Film jede Überraschung, jede Abweichung, jeden Eigensinn sehr übelgenommen hätten. Jacksons Job bestand, erstens, darin, für die bekannten Charaktere solche Gesichter und Körper zu finden, auf welche sich die Leser möglichst einigen könnten. Und zweitens ging es dann darum, möglichst viele Szenen und Schauplätze des Buchs so gigantisch auf die Leinwand zu bringen, daß die Bilder sich messen könnten mit den monumentalen Phantasien der meist jugendlichen Leser.
Ganz gut gelungen
Beides scheint, wenn man vom Genörgel einiger Internet-Nerds und dem leicht beschönigten Finale absieht, ganz gut gelungen zu sein - aber dem, der sich für Tolkien nicht besonders interessiert (oder der diese Jugendlektüre schon wieder fast vergessen hat), dem Zuschauer also, der nur den Film betrachten und verstehen möchte, dem fehlt Tolkiens Romantrilogie: als tausendseitige Gebrauchsanleitung und Materialiensammlung. Was Kinohelden erst interessant macht, der innere Konflikt, die Skepsis, die Verzagtheit und die schwarzen Gedanken: Das mag man bei Tolkien finden, bei Jackson gibt es nichts davon. Was ist das bloß für ein Streber, fragt sich der Zuschauer, wenn der blonde Elbe Legolas mal wieder im Bild herumsteht, freundlich guckt und immer Hilfsbereitschaft signalisiert. Was ist das bloß für ein langweiliger Schönling, fragt sich der Zuschauer in all den Szenen, in welchen Aragorn gerade nicht mit einem Schwerthieb acht bis zehn Feinde erledigt. Und selbst Frodo, dem die Last des Rings immer schwerer wird und der an seiner Mission zu verzweifeln droht, findet für seine Zweifel, seine Unruhe keinen Resonanzraum in diesem Film, der immer dann, wenn es interessant werden könnte im Kopf des Hobbits, seine Blicke ganz schnell woanders hin wenden muß, auf irgendeine Schlacht oder zumindest die schneebedeckten Gipfel Neuseelands.
Ein Film, hat nicht nur Alfred Hitchcock gewußt, ist immer nur so gut wie sein Bösewicht - und damit hat der dritte "Herr der Ringe" sein allergrößtes Problem. Denn das Böse ist hier, erstens, überall und also nirgends. Und zweitens hat sich der Superschurke Sauron in eine Abstraktion verflüchtigt. Als riesiges Auge schwebt er über einem Berg - was schon im zweiten Film für einen erstaunten ersten Blick sorgte; auf den zweiten Blick ist Sauron damit allerdings als Bösewicht erledigt. Ein Film ist fad, wenn Held und Gegenspieler einander nicht auf Augenhöhe gegenüberstehen; wenn sich der eine nicht im anderen spiegelt, wenn der Plot nicht die Möglichkeit offenläßt, daß der Held verführt, der Schurke gerettet werden kann. Abgesehen davon, daß nur Piloten auf Augenhöhe zu Sauron kämen, was, da die Fluggeräte in Mittelerde noch nicht erfunden sind, als Möglichkeit entfällt: Wer ist denn eigentlich der Held des Films?
Armselige Monstren
Für die Exekution des bösen Willens, soviel ist immerhin sicher, sind die sogenannten Orks zuständig, antropomorphe Wesen, deren Haut voller Warzen und Wülste ist, armselige Monstren, so häßlich, daß man meint, ein Spiegel wäre die wirksamste Waffe gegen sie: Vor dem eigenen Anblick würden sie zu Tode erschrecken. Daß diese Rasse nur da ist, damit sie möglichst spektakulär vernichtet werden kann, dieser synthetische Rassismus wirft nicht bloß moralische, sondern vor allem ästhetische Probleme auf. Sie sind keine Menschen, ihr Ende kümmert den Betrachter kaum. Wo Kriegsszenen sonst, auch wenn die Filme chauvinistisch und ressentimentgeladen sind, immer einen schwer zu bannenden Schrecken bergen, wenn man im ertrunkenen Ägypter, im erschossenen Japaner die Kreatur erkennen kann, da macht Peter Jackson seine Krieger buchstäblich zu Schlächtern: Die Orks verhalten sich zu Aragorn und seinen Leuten wie die Büffel zu Buffalo Bill.
Immerhin, wie Jackson die Massen von Menschen und Monstern bewegt, wie er neue Truppenteile in die Flanken des Gegners stoßen läßt, Totalen gegen Großaufnahmen schneidet, die Kamera übers Schlachtfeld fliegen läßt und dabei jederzeit die Übersicht behält: Das ist nicht nur von großer choreographischer Eleganz - es gibt einem auch eine Ahnung davon, mit welchem Geschick der Regisseur mit den Massen von Dollars, die der Film gekostet hat, jongliert hat. Mehr als dreihundert Millionen sollen es gewesen sein - man glaubt, jeden einzelnen Dollar zu sehen in diesen Szenen.
Menschen ohne Geheimnis
Am teuersten waren die Computeranimationen - alles, sagt Jackson, sei jetzt möglich. Und dieser Moment, in dem der Filmregisseur endlich seine Allmacht spürt, ist zugleich ein schrecklicher und ein wunderbarer Moment. Denn wenn sich am Computer jedes Bild nur noch dem Willen des Regisseurs unterwirft, wenn das Kino nicht mehr dem Widerstand von Mensch und Material ausgesetzt ist, wenn die Eigenart der vielen, die so einen Film erschaffen, am Computer einfach gelöscht werden kann: Dann beginnen die Bilder flach zu werden, und die Menschen verlieren ihr Geheimnis. Die elektronischen Supermaschinen haben alles Mögliche, nur kein Unterbewußtsein, und das merkt man dem "Herrn der Ringe" an.
Und andererseits ist es mehr als ein Zufall, daß die finalen Szenen nahezu austauschbar sind mit dem Finale der "Matrix", des anderen großen Computerfilms. In beiden geht es um Transzendenz, in beiden versuchen die allmächtigen Filmemacher, hinter die Welt des Sichtbaren vorzudringen. Daß in beiden Fällen doch nur trivialer Feuerzauber dabei herauskommt, ist vermutlich weniger wichtig als der Umstand, daß die Filmer und die Filme sich hier ihrer Grenzen schmerzlich bewußt zu werden scheinen. Sie sehnen sich nach dem Unsichtbaren.
Insofern ist "Der Herr der Ringe" das, wovon erzählt, ein Bericht aus der Vorgeschichte - des digitalen Kinos. Auf dessen Geschichte und Gegenwart darf man sich ruhig freuen.