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Video-Filmkritik „Ice Age 4“ Ein Mammut mit Pubertätsproblemen

 ·  Der vierte Teil von „Ice Age“ lässt die Kontinente wandern, bewegt aber sonst nicht viel. Auf einer Eisscholle fahren Faultier Sid, Säbelzahntiger Diego und Mammut Manny über das Urmeer.

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© Twentieth Century Fox Video-Filmkritik: „Ice Age 4“

Das Prinzip des Slapsticks ist der konsequente Eintritt des Erwarteten, und kein anderes Filmgenre beruht derart auf Slapstick wie der Trickfilm. Zum Beispiel dann, wenn Figuren über einen Abgrund hinausgelaufen sind und ein paar Sekundenbruchteile in der Luft zu erstarren scheinen, um sich ihrer Lage bewusst zu werden und dann umso effektvoller abzustürzen.

Das kommt über Gletscherspalten und Steilküsten etliche Male vor im neuen vierten Teil der Animationskinoserie „Ice Age“, die zumindest in Deutschland all ihre ähnlich langlebigen amerikanischen Konkurrenten, ob sie nun „Shrek“ oder „Toy Story“ heißen, überrundet hat. Wenn es in diesem Jahr einen Film geben sollte, der den französischen Sensationserfolg „Ziemlich beste Freunde“ mit seinen acht Millionen Besuchern an der Kinokasse doch noch ablösen wird, dann kann es nur „Ice Age 4 - Voll verschoben“ sein.

Typisch banaldeutsche Betitelung

Voll verschoben, das ist eine typisch banaldeutsche Betitelung, die das sachliche „Continental Drift“ des amerikanischen Originals ersetzt. Denn darum geht es: um das Auseinanderbrechen des Urkontinents Gondwana, der sich in die heute bestehenden Erdteile und Subkontinente teilte, die dann über Hunderte von Millionen Jahren in ihre gegenwärtige Position gewandert sind.

Da „Ice Age 4“ aber nur vierundneunzig Minuten lang ist, muss alles schneller gehen, nachdem - wie in bisher jedem Film der Serie - die handlungsmotivierende Naturkatastrophe durch den übereifrigen Nager Scrat ausgelöst worden ist. Diesmal verfolgt er seine ersehnte Eichel bis zum Erdkern, den er durch diese Jagd in solche Rotation versetzt, dass es die Erdoberfläche nicht mehr länger zusammenhält: Was normalerweise als Plattentektonik erklärt wird, erweist sich hier als Flattertektonik.

Die Kontinente wandern munter

Und dann wandern die Kontinente auch schon munter los, und eine dieser eiligen Landmassen droht das warme Refugium jener friedlichen Eiszeitgemeinschaft unter sich zu begraben, die sich in den ersten drei Teilen herausgebildet hat. Im Mittelpunkt steht weiter das gegensätzliche Trio aus dem chaotischen Faultier Sid (wieder auf Deutsch gesprochen von Otto Waalkes, dessen Mitwirkung erheblichen Anteil am bemerkenswerten hiesigen Erfolg von „Ice Age“ hat), dem hagestolzen Säbelzahntiger Diego und dem gemütvollen Mammut Manny.

Diese sämtlich von dem amerikanischen Illustrator Peter de Sève entworfenen Figuren - eine einmalige Besonderheit im sonst so arbeitsteilig organisierten Animationsgeschäft - wurden in jeder Fortsetzung um weitere Nebenakteure ergänzt, wovon aber nur Mannys Frau, die Mammutdame Ellie, und beider Tochter Peaches dauerhaft Bedeutung bekamen. In „Ice Age 4“ werden sie von Manny getrennt, den es mit Sid und Diego auf einen Eisberg verschlägt, der von der dem Untergang geweihten Küste weggetrieben wird.

Faultierverwandtschaft und Mammutpubertät

Es gilt, die Familie wieder zusammenzuführen - aber nicht nur topographisch, sondern auch psychologisch, denn die mittlerweile halbwüchsige Peaches („halbstark“ darf man ein Mammut wohl nicht schimpfen) hat ihre Faszination für die Jungbullen der Herde entdeckt, und das sehr zum Missfallen ihres Vaters. Sid dagegen bekommt von der Faultierverwandtschaft seine grantige Großmutter aufgebürdet, der man Haare auf den Zähnen nachsagen könnte, wenn sie denn noch ein Gebiss hätte. Diego schließlich verfällt einer weißen Säbelzahntigerin namens Shira, die zur Piratencrew des gnadenlosen Käpt’n Gutt gehört, eines Affen, der auf seetüchtig gemachten Eisschollen die Urmeere unsicher macht. So hat jeder der Freunde seine Last zu tragen.

Es ist also viel geboten, und doch fehlt etwas. Das mag daran liegen, dass Chris Wedge, der Erfinder von „Ice Age“, sich diesmal ganz aus der Produktion zurückgezogen hat. Nur die Freuden- und Schreckenspiepser von Scrat hat er wieder selbst übernommen, aber über die Qualität von Filmen wird nicht vor dem Mikrofon, sondern hinter der Kamera entschieden. Da stehen mit Steve Martino und Michael Thurmeier als gleichberechtigten Regisseuren zwei Veteranen von Wedges Trickfilmschmiede Blue Sky, doch beide sind so sehr bemüht, nichts falsch zu machen, dass kaum etwas richtig gerät. Bis auf Scrat natürlich, eine Figur, die einfach nicht totzukriegen ist (während sie regelmäßig den gesamten Erdball kurz vors Aussterben bringt).

Spaß auf Kosten der Handlung

Die Handlung ist eine Nummernrevue, in der bis auf die Mammuts alle Figuren zu kurz kommen, weil zu viel Fokus auf der bunten Truppe des Piratenkapitäns und vor allem diesem selbst liegt. Wie King Louis aus dem „Dschungelbuch“ terrorisiert Gutt seine Untergebenen, singt auch einen Shanty - das erste Mal, dass Musical-Elemente à la Disney in „Ice Age“ Einzug halten -, doch der legendäre Orang-Utan war in seiner selbstherrlichen Unberechenbarkeit eine viel unheimlichere Figur als der zur Nemesis aufgebauschte Urzeitaffe, der doch nur Prügelknabe bleibt. Für seine Mannschaft aus Seeelefanten, Kängurus, Hasen und manch anderem Getier gilt leider das Gleiche.

Nach Plausibiliät der Evolution darf man in „Ice Age“ nicht fragen: „Dinosaurier und Eiszeit, das ergibt keinen Sinn“, erklärt Sid einmal seiner Oma, „macht aber Spaß.“ Das ist wahr. Aber diesmal geht der Spaß auf Kosten der Handlung zu weit, weil über reichlich Anspielungen auf frühere Teile und die allgemeine Trickfilmgeschichte hinaus nicht mehr bleibt als ein banaler Generationenkonflikt. Dabei soll es doch um die Welt gehen. Aber was ist schon die Kontinentalverschiebung gegen eine Mammutpubertät? Das Verständnis der Ersteren traut man dem Zielpublikum offenbar nicht zu. Schön, dass am Schluss wenigstens das Geheimnis um den Untergang von Scratlantis gelüftet wird. Obwohl man sich auch das hätte denken können. Aber im Trickfilm wollen wir ja dadurch überrascht werden, dass alles immer genauso kommt wie erwartet.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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