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Video-Filmkritik „Holy Motors“ Das Undenkbare als Prinzip

 ·  Nach mehr als zwölf Jahren meldet sich der Regisseur Leos Carax wieder auf der Leinwand zurück. Sein Film „Holy Motors“ ist ein kühnes Meisterwerk.

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© Arsenal Video-Filmkritik: „Holy Motors“

Die meisten Menschen haben, wenn sie morgens ihr Heim verlassen, eine relativ genaue Vorstellung davon, wo sie am Abend sein werden. Sie kommen wieder nach Hause, oder sie kommen irgendwo anders an, wie es ihren Plänen entspricht. Wo weder das eine noch das andere zutrifft, da befinden wir uns schon im Bereich des Abenteuers, der Gefahr, der freien Bewegung oder der unerwarteten Unterbrechung - alles das, worum es auch in dem Film „Holy Motors“ von Leos Carax geht, der eines langen Tages Reise in die Nacht erzählt, und zwar auf eine Weise, die schon bald das Unvordenkliche zum alleinigen Prinzip dieser Bewegung werden lässt.

Der Mann, dem die Kinder am Morgen auf dem Weg zum Auto noch ein „Alles Gute für die Arbeit“ nachrufen, trägt den Namen Monsieur Oscar, und alles an ihm sieht nach einem bedeutenden Entscheidungsträger aus. Das erste Telefongespräch, das er auf dem Rücksitz einer Stretchlimousine führt, klingt auch noch ganz normal: Es ist das Kauderwelsch der Käufer und Verkäufer, das hier zu vernehmen ist, und dann ist noch von Waffen die Rede, die zu beschaffen ratsam sei. Monsieur Oscar gehört allem Anschein nach zu einer Klasse, die sich auf die Notwendigkeit der Selbstverteidigung einzustellen beginnt.

Rollenspiel als Spezialeffekt

Doch dann reicht ihm seine Chauffeurin Céline das Dossier für seinen ersten Termin nach hinten. Insgesamt neun „Rendezvous“ soll Monsieur Oscar an diesem Tag haben, und schon das erste beruht auf einer vollständigen Metamorphose: Als altes Bettelweib steht er bald darauf auf einer Brücke in Paris, mit verrenkten Gliedmaßen und einem grimmigen, unverständlichen Singsang auf den Lippen. Monsieur Oscar, so viel ist jetzt schon klar, ist kein Manager, sondern ein Rollenspieler. Doch die Geschichten, in denen er auftritt, bleiben Fragment. Und die Kameras, von denen er sich gefilmt wähnt, bleiben so unsichtbar wie die Organisation, die in „Holy Motors“ anscheinend die ganze Stadt Paris in einen großen Set verwandelt hat, auf dem einander ab und zu zwei Darsteller zu einer merkwürdigen Begegnung treffen. Zum Beispiel die Schlangenfrau, die Monsieur Oscar bei seinem zweiten Rendezvous gegenübertritt, für das er sich ein Ganzkörperkostüm übergestreift hat, mit dem er für ein Motion- Capture-Verfahren zuerst ein wenig Schattenfechten veranstaltet, dann wild um sich schießend auf einem Laufband dahinkeucht, bevor das Liebesspiel mit dieser unglaublich elastischen Partnerin beginnt, die ebenfalls eine künstliche Haut trägt.

Das Rollenspiel ist Teil eines Spezialeffekts, der auf die Geschichte des Kinos selbst verweist, von dem hier ein wesentlicher Trick offengelegt wird. Und spätestens mit dieser Szene wird ein wenig klarer, was Leos Carax mit dem rätselhaften Prolog im Sinne gehabt haben mag, den er „Holy Motors“ vorangestellt hat: Ein Mann wacht nachts in einem Raum auf, der in verschiedene Richtungen hin offen ist (auf eine Flughafenlandebahn etwa), während es für den wesentlichen Durchgang eines Schlüssels bedarf. Durch eine Tapetentür gelangt der nächtliche Wandler in ein vollbesetztes Kino, in dem Menschen nahezu reglos (und ohne erkennbare Gesichter) einen ganz frühen Film sehen.

In jeder Hinsicht volles Risiko

Diese Szene des Laufbildforschers Étienne-Jules Marey ist eher ein kinematographisches Flackern, sie verankert „Holy Motors“ aber tief in einer Ära der Filmgeschichte, in der das Erzählkino noch nicht vollständig ausgeprägt war. Von hier aus spannt Carax den Bogen bis zu den phantastischen Kreaturen, die in der Motion-Capture-Dunkelkammer entstehen und mit denen der französische Regisseur sich als cinephiler „evil twin“ des amerikanischen Kinotechnokraten James Cameron zu erkennen gibt.

Es hat mehr als zwölf Jahre gedauert, bis Carax nach „Pola X“ (1999) wieder einen abendfüllenden Film drehen konnte, und sein größter Erfolg „Les amants du Pont-Neuf“ (1991) liegt schon mehr als zwanzig Jahre zurück. Das deutet auf eine schwierige Geschichte mit Geldgebern, zudem verweist ein diskretes Insert am Ende auch auf eine persönliche Tragödie: Vor einem Jahr starb Yekaterina Golubeva, die Lebensgefährtin von Carax, Hauptdarstellerin in „Pola X“, im Alter von 44 Jahren in Paris.

„Holy Motors“ ist nun nicht gerade ein Film, mit dem jemand normalerweise auf ein Comeback hoffen würde: Er enthält zugleich zu wenig und zu viel, er wiegt mit Ideen auf, was ihm an Erzählung zu fehlen scheint, er geht in jeder Hinsicht volles Risiko ein, und wieder einmal setzt Carax all sein Vertrauen in Denis Lavant, diesen einzigartigen „homme sauvage“, der in „Holy Motors“ nebenbei auch alle Prinzipien schauspielerischer Wandelbarkeit an die Grenze unhintergehbarer Physis führt. „Sie sagen, ich gerate nach dir“, murmelt in einer Episode die halbwüchsige Tochter zu ihrem Vater, den Monsieur Oscar an dieser Stelle spielt. Es klingt wie die Annahme eines Urteils, das den Ausschluss aus der Gesellschaft verfügt.

Ein kühnes Meisterwerk

Dieser Ausschluss bedeutet aber eben auch den Einschluss in das phantastische Universum von Leos Carax, das sich in „Holy Motors“ mit jedem neuen Rendezvous auf neue, unvermutete Dimensionen öffnet. Dazu zählt schließlich auch Carax’ eigenes Werk. In einer großartigen, nächtlichen Szene auf dem Dach des ehemaligen Kaufhauses Samaritaine entbieten Kylie Minogue (als Vertreterin von Juliette Binoche, die längst anderswo ist, bei Haneke oder Kiarostami) und Denis Lavant ihren Gruß an die „Liebenden vom Pont-Neuf“, die einer anderen Ära des Kinos angehören.

Spätestens hier wird „Holy Motors“ als eine Summe erkennbar, ein großes, rekapitulierendes Werk, das den fragmentarischen Charakter nur vorschützt, während es doch eigentlich zwei klassische Einheiten miteinander vermittelt: ein langer Tag, ein schier unerschöpfliches Subjekt. Und ein großer Filmemacher, der sich mit einem kühnen Meisterwerk zurückmeldet, jenseits dessen es wieder einmal sehr schwierig für ihn sein wird, weiterzumachen. Für die absehbaren Jahre des geduldigen Wartens sind wir mit dem überreichen „Holy Motors“ ausreichend beschäftigt.

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