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Michael Hanekes „Happy End“ : Gegen Unglück hilft kein Idyll

Bild: X-Verleih/Warner Bros.

Michael Hanekes Film „Happy End“ erzählt anhand einer Familie von Großbürgern in Calais von einer Welt, deren Kulturwerte nutzlos geworden sind.

          In diesem Film betrachten wir einen Rollstuhlfahrer beim Versuch, sich das Leben zu nehmen. Der gelähmte Greis schiebt sich mühsam über das Trottoir einer Vorstadtstraße, als ihm eine Gruppe dunkelhäutiger Männer entgegenkommt. Er spricht sie an, deutet auf die Straße, auf der Lastwagen und Pkw in stetem Strom vorbeirollen, und holt ein paar Geldscheine aus seiner Brieftasche. Wir verstehen nicht, was er sagt, aber wir sehen das Befremden in den Gesichtern der Schwarzen, die abwehrend erhobenen Hände, das Kopfschütteln. Der Handel findet nicht statt. Die Männer gehen weiter. Der Greis setzt mit versteinerter Miene seinen Weg ins Leere fort. Zum Glück wissen wir, dass die Szene gespielt ist, denn wir kennen den Mann im Rollstuhl. Es ist einer der größten Schauspieler des europäischen Kinos. Es ist Jean-Louis Trintignant.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Den Filmen des österreichischen Regisseurs Michael Haneke wird oft vorgeworfen, sie seien kalt, sie ließen die Zuschauer mit ihren Rätseln allein, sie predigten Moral auf dem Rücken ihrer Figuren. In Hanekes neuem Film „Happy End“ kann man erkennen, dass das zugleich stimmt und nicht stimmt. Die Szene mit dem Rollstuhlfahrer auf der Straße ist herzzerreißend, wenn man, wie wir, ihre Vorgeschichte kennt. Und sie ist auf eine absurde Weise komisch. Die Kamera verstärkt diese Komik, indem sie das Geschehen aus großer Entfernung aufnimmt, von einem Ort auf der anderen Straßenseite. Die Männer, mit denen der Alte verhandelt, stammen erkennbar aus dem „Dschungel“, dem von Migranten bewohnten Zeltlager bei Calais, das im Oktober 2016 aufgelöst wurde. Der Greis dagegen ist einer der reichsten Unternehmer der Stadt.

          Erst vergiftet sie ihren Hamster, dann ihre Mutter

          Im Kino können wir Unglück leichter ertragen, wenn es in einem größeren Zusammenhang stattfindet, sei es ein Krieg, eine Naturkatastrophe oder ein Familienschicksal. „Happy End“ aber beginnt mit zwei Unglücksfällen ohne Anlass. Am Anfang sehen wir Aufnahmen aus einem Smartphone, die ein Teenager, ein Mädchen, an seine Freundin schickt. Sie zeigen, wie die Absenderin zuerst ihren Hamster vergiftet und dann ihre Mutter. „Wie leicht es ist, jemanden ruhigzustellen.“ Dann blicken wir durch eine Überwachungskamera auf eine Baugrube. Am Rand stehen Dixi-Toiletten. Ein Arbeiter betritt eins der Häuschen. Dann stürzt die Betonwand der Grube ein. Die Toiletten werden in die Tiefe gerissen. Im Off hört man eine Stimme fluchen. Die Unfallstelle wird abgesperrt.

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          Das Link, die Verbindung zwischen beiden Szenen, ist die Familie Laurent, der die Baufirma gehört. Eve, das Mädchen, das seiner Mutter Gift ins Essen mischt, ist die Tochter aus erster Ehe von Thomas (Mathieu Kassovitz), dem Sohn von Georges (Trintignant), dem Gründer der Firma. Thomas’ Schwester Anne (Isabelle Huppert) leitet jetzt das Unternehmen, ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) ist für die schlampige Bauausführung verantwortlich. Anaïs, die zweite Frau von Thomas, ihr Baby und die tunesischen Hausangestellten ergänzen das Bild.

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