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Video-Filmkritik „Guilty of Romance“ - Zollkontrolle an der Schmerzgrenze

 ·  In seinem Film „Guilty of Romance“ mischt der japanische Avantgarderegisseur Sion Sono die Genres Softporno, Pinky Violence und eine Prise Film Noir.

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Wer nicht genau hinschaut, könnte denken, dies sei das Jahr, in dem wir endlich erfahren, was Frauen wirklich wollen: Sex und Schmerz in „Fifty Shades of Grey“, Sex und Schmerz und viele Männer in „Guilty of Romance“.

Doch der Millionenseller der Britin E. L. James ist nachgerade keusch, wenn man betrachtet, was der Japaner Sion Sono in seinem Film zu bieten hat. Wie viel Wirklichkeit in einem oder beiden steckt, wie viel authentische Phantasien der Leserin im Buch zum Ausdruck kommen und ob die Phantasien Sonos im Film von der Betrachterin als ihre eigenen erkannt werden, ist kaum zu entscheiden.

Sie nimmt ihre Arbeit ernst

Sonos Chance, die Chance seines Films allerdings wäre es, die Leserinnen von „Fifty Shades of Grey“ anzulocken. Um zu sehen, wie weit sie wirklich gehen würden. Dann könnte aus dem Nischenstart des neuen Films des japanischen Avantgarderegisseurs mit Kultstatus (vor allem seit dem vielstündigen „Love Exposure“) ein kommerzielles Wunderkind werden.

Das erste Bild - rot eingefärbt eine Nackte hinter nassem Glas, an dem sie sich mit der Hand abstützt -, der erste Ton - das Rauschen der Dusche, das Stöhnen der Frau - machen klar, dass wir es einerseits mit einem „Roman Porn“, einem Softporno zu tun haben. Der zweite Ton - das Mobiltelefon klingelt - und das zweite Bild - die Frau unterbricht den Sex und läuft nass ins Zimmer -, machen klar, womit wir außerdem rechnen müssen: mit einer Kommissarin, die ihre Arbeit ernst nimmt.

Softporno, Pinky Violence und Film Noir

Sie heißt Kazuko (Miki Mizuno) und wird zu einer Leiche gerufen, die in dem Rotlichtbezirk gefunden wurde, in dem auch das Stundenhotel steht, in dem sie geduscht hat. Die Leiche ist ein seltsames Geschöpf: Ihr Kopf gehört einer Schaufensterpuppe, ihre Beine auch, der Torso aber ist der einer Frau. Zum Softporno kommt also „Pinky Violence“, eine nicht gerade unübliche Genremischung, der noch eine Prise Noir beigemischt wird, obwohl Wände, Straßen und Gesichter im Sexbezirk mitunter neongrell beleuchtet sind.

Es gibt aber noch eine andere Welt. Aus der kommt die unschuldige, gelangweilte Izumi (Megumi Kagurazaka). Sie ist die Ehefrau eines Schriftstellers von Lore-Romanen mit exakt getakteten Gewohnheiten, zu denen ein Liebesleben mit seiner Frau nicht gehört. Izumi ist die einzige Frau in diesem Film, die einmal einen Kimono trägt, und zwar zu einer Lesung ihres Mannes, der auch sonst auf Tradition einiges gibt, vor allem da, wo sie in der Unterwürfigkeit der Frau ihren Ausdruck und ihren Sinn findet.

Das Ausrichten der Pantoffeln

Izumi richtet also seine Pantoffeln so aus, dass er nur noch hineinzuschlupfen braucht, wenn er nach Hause kommt, reicht den Schuhlöffel an, brüht den Tee, hält den Mund. Doch eines Tages nimmt sie eine Arbeit an - sie verkostet Würste in einem Supermarkt -, wird von einer Sexmodel-Agentin entdeckt, und die Geschichte hin zur Lust, zu den Männern, zu einer Frau, die sie fasziniert, und in den Abgrund nimmt ihren Lauf. Dass die Frau, die sie als Prostituierte anlernt, eine Literaturprofessorin ist (Makoto Togashi), deren Lebensweisheit in einem Gedicht von Ryuichi Tamura steckt (“I stand still inside your tears / I come back alone into your blood“), gibt dem Ganzen etwas zusätzlich Nervtötendes und gleichzeitig Geheimnisvolles.

Der Film lief im letzten Jahr in Cannes in einer Schnittfassung von 143 Minuten. Damals hieß es, für den internationalen Verleih würde er um mindestens eine halbe Stunde gekürzt. In einigen Ländern ist das offenbar geschehen, so dass dem Film die Kriminalhandlung abhandenkam. In Deutschland ist er aber immer noch 143 Minuten lang.

Perverses Gesellschaftsporträt

Tatsächlich gehen einem die ersten eineinhalb Stunden gehörig auf die Nerven. Erst mit der Zeit, in der Wiederholung von Motiven, dem nächsten Regen, dem nächsten Mann, dem nächsten geplatzten pinkfarbenen Farbbeutel, den ein jungenhafter Clown, der sich als Zuhälter entpuppt, auf seine Mädels, an die Wände oder auf den Boden wirft, wird aus dem verkitschten Weichpornogetue und den humorig daherkommenden Ermittlungs- und Supermarktverkostungsszenen dann doch so etwas wie ein perverses Gesellschaftsporträt.

Während zu Beginn die Welten noch getrennt waren, fließen sie im letzten Teil des in fünf Kapiteln erzählten Films ineinander. Alle Figuren bewegen sich dann im Reich der Sinne, in dem die Frauen ihre sexuelle Befreiung sämtlich über die Erniedrigung erfahren. Sono nennt sich selbst einen Feministen - offenbar in einer spezifisch japanischen Ausprägung, die sich interkulturell nicht vermitteln lässt -, doch sein Blick ist der eines männlichen Voyeurs. Am Ende immerhin lässt er eine der Frauen frei. Doch dann läuft sie nur dorthin, wo sie bei Einbruch der Nacht vermutlich alle anderen, so sie noch am Leben sind, treffen wird.

Ab Donnerstag im Kino.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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