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„A Cure for Wellness“ im Kino : Kranke für diesen guten Morgen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., Twentieth Century Fox

Das gibt es nicht auf Rezept: In der Kinogroteske „A Cure for Wellness“ lässt Gore Verbinski in einem wahnsinnigen Sanatorium in der Schweiz die absurden Puppen tanzen.

          Der Name Pembroke für einen Banker ist gleich einmal ein bisschen verdächtig. Zu deutlich klingt da mit, was bei Geldgeschäften nicht passieren sollte: dass jemand am Ende „broke“ ist, bankrott, nicht mehr geschäftsfähig. In Gore Verbinskis „A Cure for Wellness“ heißt ein CEO einer bedeutenden amerikanischen Bank so: Pembroke. Noch besteht kein dringender Grund zur Sorge, man würde seiner nur gern wieder einmal ansichtig werden. Denn er ist jetzt schon ein ganzes Weilchen in diesem Sanatorium in der Schweiz, und man brauchte ihn eigentlich zum Unterschreiben von wichtigen Dingen. Stattdessen schickt er einen Brief mit höchst merkwürdigem Inhalt. Und dann fällt auch noch einer der wichtigsten Mitarbeiter der Bank nachts vom Stuhl. Tot, einfach so, aus bedecktem Bürohimmel.

          In so einem Fall gehen die Verantwortlichen gewöhnlich die Liste der aufstrebenden Mitarbeiter durch und schicken dann einen los: Lockhart, auch das bis zu einem gewissen Grad ein sprechender Name, denn es ist eine Geschichte mit vielen Kammern, in die der junge Mann gerät. Er schließt sie auch alle auf, mal mit Witz, mal mit Gewalt, mal wird er auf wundersame Weise einfach eingelassen, mal wird er ganz tief ins Innere von Zusammenhängen gelockt, zu denen es mit einem Schlüssel nicht getan ist. Für „A Cure for Wellness“ braucht man eher einen Schlüsselbund, und am Ende ist man in einer ähnlichen Situation wie Wittgenstein mit der Leiter: Man wirft die Schlüssel besser weg. Dann bleibt man mit Eindrücken von einem aufregenden Film zurück, dem man nicht mit Sinnfragen beizukommen trachten sollte.

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          Lockhart (perfekt milchbübisch: Dane DeHaan) tauscht die spiegelnden Fassaden von New York mit dem Schluchten der Schweiz. Auf einem der Gipfel thront die Anstalt: das Volmer Institut, über das der clevere Titel des Films schon alles Wesentliche sagt. Hierher kommen Menschen vielleicht auch, um die große Schönheit der Landschaft zu genießen, in erster Linie aber wollen sie von etwas kuriert werden. Bloß wovon? Die „cure for wellness“ ist, darin deutlich dem großen Vorbild von Thomas Manns Entrückungsklassiker „Der Zauberberg“ verpflichtet, dass die Patienten ganz in der Behandlung aufgehen. Sie wissen bald nicht mehr zu unterscheiden, was noch Symptom und was schon Therapieresultat ist, Krankheit und Gesundung werden ununterscheidbar, von jeglicher „wellness“ sind sie immer gerade die eine Dampfbadsitzung entfernt, die noch unbedingt zu absolvieren ist.

          Auf Krücken durch glitschige Flure: Dane DeHaan als Mr. Lockhart Bilderstrecke
          Auf Krücken durch glitschige Flure: Dane DeHaan als Mr. Lockhart :

          Wenn jemand da neu dazustößt, leuchtet ihm das erst einmal nicht ein. Lockhart muss konditioniert werden. Ohne es zu wollen, wird er auch zu einem Detektiv, ein Schnüffler mit einem Handicap, denn er verletzt sich schwer und humpelt fortan mit einem eingegipsten Bein und zwei Krücken durch die Gegend. Ein schwerer Nachteil in den glitschigen Gängen des labyrinthischen Volmer Instituts, das nach innen hin endlos weiterzugehen scheint. Für Klaustrophobiker ist „A Cure for Wellness“ nicht zu empfehlen, denn Gore Verbinski macht sich einen besonderen Spaß daraus, Lockhart zu einem neuen Houdini zu machen, der sich aus den aussichtslosesten Situationen doch immer wieder irgendwie herauswindet. Ein luftdicht versiegelter Wassertank mit riesigen Blutegeln hat mit Kur nichts mehr zu tun und mit Wellness schon gar nichts. In der gegenwärtigen Kinolandschaft nimmt „A Cure for Wellness“ in etwa die Position ein, die das Volmer Institut in der Schweiz innehat: ein phantastischer, überdeterminierter Solitär in einer unübersichtlichen Gegend. Gore Verbinski kommt ja aus dem Innersten der Industrie, er hat mit den ersten drei Teilen der Reihe „Piraten der Karibik“ das Blockbusterkino so richtig zum Klingeln gebracht, seither aber mit den Animationswestern „Rango“ und mit dem tollen Trickkistenwestern „The Lone Ranger“ deutlich zu erkennen gegeben, dass er mehr sein will als der Handlanger des Erfolgsproduzenten Jerry Bruckheimer. Verbinski will der anarchischen Phantasie eine Bahn brechen, und er tut dies nun in „A Cure for Wellness“ mit dem Gestus eines prächtig gelaunten Illusionisten: Während Lockhart immer tiefer in das Institut vordringt, dabei natürlich auch auf seine eigenen Dämonen stößt (sein Vater starb einst auf spektakuläre Weise), zieht Verbinski einfach dauernd neue Paravents, Zwischenwände, Mauerwerke ein, bis sich irgendwann auf dem grundlosen Grund der Erzählung eine Szene unerlaubten Begehrens eröffnet, die dann dem anderen Element die Bahn bricht: Das viele Wassertreten und Schwitzen schreit geradezu nach einer Feuersbrunst.

          Was das noch mit den unaussprechlichen Grausamkeiten zu tun hat, die alte Burgherren hier vor Jahrhunderten an der Landbevölkerung verübten, sollte man Verbinski nicht fragen. Denn herkömmliche Ableitungen und klassische Horror-Ätiologien interessieren ihn nicht, er kumuliert lieber alle möglichen symbolischen Systeme, so dass sich schließlich eine Assoziation einstellt, die auch produktionslogisch Sinn ergibt: „A Cure for Wellness“ verhält sich zu Wes Andersons extrem fein ziseliertem „The Grand Budapest Hotel“ wie ein illegitimer Bruder, der aber dafür in schwerem Öl gemalt ist. In beiden Fällen steckt deutsches Fördergeld drin. Dummes Geld ist das auch in diesem Fall nicht. Denn Verbinski handelt geschickt mit dem Zinseszins der gotischen Traditionen (Schauern und Gefühligkeit). Eine neue Währung, wie Wes Anderson, erfindet er allerdings nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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