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Video-Filmkritik : Die Menschen entscheiden, wer Mensch ist

Bild: Paramount Pictures Germany

„Ghost in the Shell“ ist der Versuch, zwei der schönsten Science-Fiction-Zeichentrickfilme mit westlichen Stars und digitaler Technik nachzuspielen. Das hätte schlechter ausgehen können.

          Der senkrechte Strich auf dem Rücken von Scarlett Johansson sieht aus wie mit der Axt ins Fleisch gehauen. Sehnen würgen Muskeln, dann zerbricht der überanstrengte Arm. Die schwere Arbeit ist getan, das Hirn des Spinnenpanzers zerstört. Der Körper der künstlichen Frau hat sich anstrengen müssen, als hätte er das Dogma vom Graben zwischen Leib und Seele aus dessen Verankerung im abendländischen Denken reißen wollen. Dieses Dogma gehört zu den Hauptlehren des Philosophen René Descartes, der, so behauptet eine apokryphe Geschichte, als seine Tochter im Alter von fünf Jahren starb, eine Puppe bauen ließ, die ihr glich.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Film „Ghost in the Shell“ von Rupert Sanders spielt Scarlett Johansson eine ganz ähnliche Puppe – ihre Funktion ist es hier, uns darüber hinwegzutrösten, dass wir sterben müssen, und zwar als Einzelwesen wie, vielleicht bald, als Art. Der Leib dieser Frau, die alle nur „Major“ nennen, Formplastik mit geometrischen Brüchen im chemisch ausgeschäumten Synthetikfleisch. Juliette Binoche als Forscherin, die diese Gynoidin schuf, sagt einmal zu ihr, sie sei schon heute das, was eines Tages alle Leute würden.

          Wertvoll als Hinführung zum Erhabenen

          In Wirklichkeit aber ist diese Menschmaschine keine Vorwegnahme, sondern ein Nachtrag; ihre Geschichte ist längst erzählt. Denn „Ghost in the Shell“ wiederholt und ergänzt zwei andere Filme, die wiederum beide auf einem Comic von Masamune Shirow beruhen. Dieser Comic ist ästhetisch keine Offenbarung; dem Zeichner sind ein paar hübsch gezeichnete Verbindungen zwischen Körpern und Kabeln eingefallen, mehr nicht. Aber der Zeichentrickregisseur Mamoru Oshii nahm sich der Sache an und drehte „Kôkaku Kidôtai“ (1995) sowie „Inosensu“ (2004), zwei Meisterwerke, mit denen er sich neben Fritz Lang und Stanley Kubrick unter die größten Automatenweltfilmer der Genregeschichte einreihte. Beide Filme spielen mit der Idee des britischen Philosophen Gilbert Ryle, der Leib-Seele-Dualismus, wie ihn Descartes lehre, stelle eine Begegnung aus Spukgeschichte und Apparatemodernismus dar, eben ein „Gespenst in der Maschine“.

          Das Realfilm-Remake der beiden Anime-Klassiker, das Rupert Sanders nun gedreht hat, verhält sich zu dieser Idee wie eine Ausgabe von „Psychologie Heute“ zu Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Statt jedoch über diese Niveau-Einbuße in grimmigen Trübsinn zu verfallen, wie das Fans der Originale derzeit im Netz tun, darf man anerkennen, dass auch gelungene Kinder- und Bilderbuchfassungen von Defoes „Robinson Crusoe“ oder Cervantes’ „Don Quixote“ ihren Wert als Hinführungen zum Erhabenen haben.

          Nach den Sternen können sie sich strecken

          So ein Fall ist hier gegeben, auch wenn Hollywood nicht nur vom Gedankenreichtum, sondern auch von der Spielhandlung der Vorlagen wenig übrig gelassen hat. So bewegen sich jetzt Personen aus Fleisch und Blut in einer vereinfachten Story durch höchstens halbwirkliche Kulissen, von Johanssons Major über ihren treuen Polizeipartner Batou, den der Däne Pilou Asbæk erfolgreich auf seine breiten Schultern nimmt, bis hin zum gemeinsamen Vorgesetzten der beiden, den Takeshi Kitano spielt, als habe er sich an der Zukunft schon vor Jahren sattgesehen.

          Dieser bedeutende Mann spricht bei Sanders durchweg Japanisch mit denen, die mit ihm Englisch sprechen; man mag dabei an den prophetischen Prolog von „Kôkaku Kidôtai“ denken, in dem es 1995 hieß, die computerisierte Kommunikation strecke sich zwar nach den Sternen, habe Nationen und Ethnien aber trotzdem nicht auflösen können.

          Der größte Abstand zwischen Original und Remake

          Das spezifisch Japanische an der „Ghost“-Ästhetik wird von Hollywoods Besetzungspolitik zwar an den Rand gedrängt; von „whitewashing“ und „cultural appropriation“ ist mit einigem Recht in den einschlägigen Foren die Rede, aber Sanders’ Filmerzählung macht den Aneignungsvorgang andererseits ausdrücklich zum Thema – es gibt darin üble Westler, die nichtwestliche Menschen noch rücksichtsloser ausbeuten als Hollywood das tut. Diese Ausbeutung steht in einem agonalen, einem darwinistischen Kontext, was an die (von Sanders nicht nachgestellte) Szene aus „Kôkaku Kidôtai“ erinnert, in der Maschinengewehrfeuer den Stammbaum des Lebens von den ersten Protozoen bis zum Menschen brutal nachzeichnet.

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