http://www.faz.net/-gs6-92eza

Video-Filmkritik „Blade Runner“ : Ohne Seele geht’s auch

Bild: AP

Manche Filme brauchen keine Fortsetzung. „Blade Runner“ von Ridley Scott war solch ein Film. Jetzt ist die Fortsetzung trotzdem da: „Blade Runner 2049“ von Denis Villeneuve. Ein Film zum Staunen.

          Die Tränen sind echt. Die Trauer ist wirklich. Die Liebe braucht enorme Willenskraft in einer Welt, die unter Regen, Schnee und Smog ihre Konturen eingebüßt hat und grau aussieht, mit ein paar Sprenkeln Schwarz darin. Soweit die Welt Los Angeles heißt. In Las Vegas, über das offenbar vor langem schon ein radioaktiver Sturm hinwegfegte, der zahlreiche Gebäude zum Einsturz brachte, ist die Welt giftig gelbrot. In einem einst prächtigen Hotel, das dem Sturm trotzte, treffen wir einen alten Bekannten wieder. Er hat einen Hund, jede Menge Whiskey und das dringende Bedürfnis nach einem Stück Käse.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Kubrick. Natürlich muss ein Film, der ein Stück Geschichte des Science-Fiction- Kinos weiterschreibt, sich vor Stanley Kubrick verbeugen. Denis Villeneuve tut das in „Blade Runner 2049“ mit einer unverschämten Grazie. Nicht „2001“ holt er in diesem Vegas-Setting ins Bewusstsein des Zuschauers, sondern „The Shining“. Die langen Gänge. Den Flügel. Die leere Bar.

          Zu diesem Zeitpunkt ist „Blade Runner 2049“ schon zu einem guten Teil vorbei. Die Fragen liegen auf dem Tisch. Was unterscheidet die Menschen von den Maschinen? Von den Maschinen, die inzwischen aussehen wie sie, die bluten wie sie, auch wenn ihre Wunden schneller heilen, die sterben wie sie, auch wenn es länger dauert, und die sich an ihren, der Menschen, Erinnerungen, die ihnen implantiert wurden, festhalten, wenn sie innerlich verlorenzugehen drohen?

          Sie unterscheidet, dass die einen befehlen und programmieren, was die anderen tun müssen. Dass die einen es für Ordnung halten, wenn die anderen ihre Sklaven sind. Und sie unterscheidet, dass die einen nur noch Angst um ihre Macht haben, während die anderen davon träumen, endlich Mensch zu sein. Geboren, nicht gemacht.

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

          Mehr erfahren

          „Blade Runner 2049“ erzählt von diesen einen und den anderen. Davon, was menschlich sein bedeutet und dass es dafür weder Vater noch Mutter braucht, aber die Sehnsucht danach, einmal Kind gewesen zu sein. „Blade Runner 2049“, mit anderen Worten, hält die Grenzen fließend zwischen Menschen und Maschinen, die hier wie in dem Vorgängerfilm von Ridley Scott Replikanten heißen. In der Welt dieses Films ist ein Mensch nur eine biologische Entität, und die biologischen Menschen sind die, mit denen wir als Zuschauer am wenigsten zu schaffen haben wollen.

          Was braucht es zur Menschlichkeit?

          Wir lernen auch nicht viele von ihnen kennen. Eine ist Leutnant Joshi, genannt „Madam“, hart und eisig mit nur in kurzen Augenblicken leicht angetauten Rändern von Robin Wright gespielt. Sie ist Chefin der LAPD und damit direkt dem Blade Runner K vorgesetzt. K ist der Anfangsbuchstabe seiner Seriennummer. Ryan Gosling spielt ihn – eine geniale Besetzung, die von dem Anflug von Leere profitiert, die Gosling seinen Rollen immer gibt, eine Leere, von der seine Figuren wissen und von der nicht immer klar ist, was sie bedeutet: Verlust? Defekt? Madam sagt ihm zweierlei. Zum einen, dass er bisher ganz gut ohne Seele ausgekommen sei. Und zum anderen, dass alle, also auch sie, auf der Suche nach etwas seien, das wirklich ist. Ihre Vorstellung von „wirklich“ führt sie zu dem irrigen Schluss, die Mauer zwischen Menschen und Maschinen müsse unumstößlich bleiben, koste es, was es wolle.

          Menschlichkeit, um die es hier geht, braucht mehr als biologische oder künstliche Gene. Sie braucht den Wunsch nach Transzendenz. Sie braucht den Blick auf die Welt, der ein kümmerliches Blümchen in einem Feld aus Asche für ein Zeichen von Hoffnung hält. Und in ein paar Schneeflocken auf der Haut die Schönheit der Erde erkennt. Es gibt in diesem Film keinen biologischen Menschen, auf den eines dieser Dinge zutrifft.

          Als Ridley Scott 1982 seinen „Blade Runner“ herausbrachte, war nicht abzusehen, welche Kraft dieser Film über die Jahrzehnte hinweg und in fünf verschiedenen Fassungen entfalten würde. Kraft im Sinn von Einfluss nicht nur auf Filme des Genres, sondern auf die Mode, die Ikonographie ebenso wie den Sound unserer Zukunftsängste, die Alltagssprache, die Werbung. Retronoir-Cyberpunk ist seitdem nie richtig aus der Mode gekommen. Dabei konnte man damals in dem Film relativ wenig erkennen, so dunkel waren die Bilder. Dafür blieb die Musik von Vangelis weit über jedes Sehen hinaus bei einem, und der Regen, der über Los Angeles niederging, die Figuren, die eine unbekannte Mischmaschsprache sprachen und lange schon keinen Baum oder eine echte Schlange mehr gesehen hatten, die schöne Replikantin Rachael, die Sean Young so statuarisch spielte, dass ihre Tränen überraschender waren als alles andere. Es wurde viel getrunken in diesem Film, ohne Alkohol war das nicht auszuhalten, der Regen, das Chaos, die Tode, die Morde, die Menschen, die künstlichen Menschen, die künstlichen Tiere. Immerhin gab es noch Zeitungen, und das im Jahr 2019, in dem der Film spielte.

          Nicht ganz so besessen wie Ridley Scott

          Was ist ein Mensch? Die Frage blieb am Ende offen. Harrison Ford, die Titelfigur, und Sean Young verließen L.A. und damit die Stadt der Tyrell Company, jener Firma, in deren Laboren die weit entwickelten Humanoid-Modelle hergestellt worden waren, die in diesem Film aufbegehrten, weil sie ein Leben und einen Tod wollten, kein Verfallsdatum. Sie gingen, und ein Polizist, der Origami falten konnte, sagte zum Abschied zu Ford: „Too bad, she won’t live. But then, who does.“ Ein rätselhaftes Ende, das mit jeder Schnittfassung bis zum Final Cut von 2007 rätselhafter zu werden schien.

          Was mit den beiden geschah, das spinnt Hampton Fancher, der Philip K. Dicks Kurzgeschichte „Do Androids Dream of Electric Sheep“ für „Blade Runner“ adaptiert hatte, für die Fortsetzung in einem Drehbuch voller Überraschungen, tiefer Weisheit und erstaunlicher Actionsequenzen weiter. Nein, ist seine Antwort auf die Frage Dicks, sie träumen nicht von elektrischen Schafen. Sondern von einem hölzernen Pferd.

          Denis Villeneuve ist möglicherweise nicht ganz so besessen wie Ridley Scott, seine Fußstapfen überall in der Filmgeschichte zu hinterlassen. Im Science- Fiction-Film aber hat er das mit „Arrival“ schon getan. Dort war die Frage nicht „Was ist der Mensch?“, sondern „Wie stellt er Kontakt her?“. Taugt er dafür, sich verständlich zu machen, ist er in der Lage zuzuhören? Nur dann hat er eine Zukunft. In „Arrival“ war es Amy Adams, die die Antwort wusste. Am Ende von „Blade Runner 2049“ kommt Villeneuve in einem der rührendsten Selbstzitate der jüngeren Filmgeschichte darauf zurück.

          Hat der Sklavenstaat eine Zukunft?

          Kontakt. Durchlässigkeit. Liebe. Das sind die Schlüsselwörter zu diesem Film. Ist Liebe nur möglich zwischen Wesen biologischer Herkunft? Weil nur sie so etwas biologisch gar nicht dingfest zu Machendes wie eine Seele haben? Joi (Ana de Armas) etwa, Ks Gefährtin, die an „Her“ erinnert, die Joaquin Phoenix für eine Weile glücklich machte – sind ihre Gefühle echt, obwohl sie sich an- und abschalten lässt? Kommt es darauf an?

          „Blade Runner 2049“ ist zwischen seinen brillanten Actionszenen ein langsamer Film. Er kostet aus, dass die Sets das L.A. aus „Blade Runner“ wiedererkennbar halten und Villeneuve dort einige Szenen zitiert, aber er bringt uns auch jenseits der Stadtgrenzen, in ein Kalifornien unter einer Aschedecke auf eine Würmer-Eiweißfarm. Und schließlich ins vergiftete Las Vegas, wo möglicherweise die Antwort auf die Frage zu finden ist, ob die Zukunft der Menschheit auf einem zerstörten Planeten in der starren Ordnung eines Sklavenstaats liegt oder in einem fluiden System ohne Hierarchien, weil es längst auf ganz andere Dinge ankommt. Etwa darauf, eher als zwischen Mensch und Maschine zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

          Wie in allen großen Filmen geht es in „Blade Runner 2049“ auch ums Kino. Darum, ob die Gefühle, die uns dort binden, falsche sind, nur weil unser Gegenüber fiktiv ist. Unsere Tränen sind doch echt. Und unsere Trauer auch.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Es gruselt weiter an der Spitze

          Kinocharts : Es gruselt weiter an der Spitze

          In Nordamerika drängt sich der Horror-Neueinsteiger „Happy Death Day“ an die Spitze der Kinocharts – trotz unbekannter Schauspieler und Mini-Budget. In Deutschland sorgt Stephen Kings Clown weiterhin für Albträume.

          Topmeldungen

          Zukunft der Kanzlerin : Die zweite CDU-Reihe macht gegen Merkel mobil

          In der Union regt sich Widerstand gegen die Kanzlerin: Ein Ministerpräsident will über mögliche Merkel-Nachfolger debattieren, ein Innenminister erklärt die mögliche Jamaika-Koalition zum Sicherheitsrisiko. CDU-Generalsekretär Tauber versucht zu schlichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.