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Video-Filmkritik „Blade Runner“ : Ohne Seele geht’s auch

Als Ridley Scott 1982 seinen „Blade Runner“ herausbrachte, war nicht abzusehen, welche Kraft dieser Film über die Jahrzehnte hinweg und in fünf verschiedenen Fassungen entfalten würde. Kraft im Sinn von Einfluss nicht nur auf Filme des Genres, sondern auf die Mode, die Ikonographie ebenso wie den Sound unserer Zukunftsängste, die Alltagssprache, die Werbung. Retronoir-Cyberpunk ist seitdem nie richtig aus der Mode gekommen. Dabei konnte man damals in dem Film relativ wenig erkennen, so dunkel waren die Bilder. Dafür blieb die Musik von Vangelis weit über jedes Sehen hinaus bei einem, und der Regen, der über Los Angeles niederging, die Figuren, die eine unbekannte Mischmaschsprache sprachen und lange schon keinen Baum oder eine echte Schlange mehr gesehen hatten, die schöne Replikantin Rachael, die Sean Young so statuarisch spielte, dass ihre Tränen überraschender waren als alles andere. Es wurde viel getrunken in diesem Film, ohne Alkohol war das nicht auszuhalten, der Regen, das Chaos, die Tode, die Morde, die Menschen, die künstlichen Menschen, die künstlichen Tiere. Immerhin gab es noch Zeitungen, und das im Jahr 2019, in dem der Film spielte.

Nicht ganz so besessen wie Ridley Scott

Was ist ein Mensch? Die Frage blieb am Ende offen. Harrison Ford, die Titelfigur, und Sean Young verließen L.A. und damit die Stadt der Tyrell Company, jener Firma, in deren Laboren die weit entwickelten Humanoid-Modelle hergestellt worden waren, die in diesem Film aufbegehrten, weil sie ein Leben und einen Tod wollten, kein Verfallsdatum. Sie gingen, und ein Polizist, der Origami falten konnte, sagte zum Abschied zu Ford: „Too bad, she won’t live. But then, who does.“ Ein rätselhaftes Ende, das mit jeder Schnittfassung bis zum Final Cut von 2007 rätselhafter zu werden schien.

Was mit den beiden geschah, das spinnt Hampton Fancher, der Philip K. Dicks Kurzgeschichte „Do Androids Dream of Electric Sheep“ für „Blade Runner“ adaptiert hatte, für die Fortsetzung in einem Drehbuch voller Überraschungen, tiefer Weisheit und erstaunlicher Actionsequenzen weiter. Nein, ist seine Antwort auf die Frage Dicks, sie träumen nicht von elektrischen Schafen. Sondern von einem hölzernen Pferd.

Denis Villeneuve ist möglicherweise nicht ganz so besessen wie Ridley Scott, seine Fußstapfen überall in der Filmgeschichte zu hinterlassen. Im Science- Fiction-Film aber hat er das mit „Arrival“ schon getan. Dort war die Frage nicht „Was ist der Mensch?“, sondern „Wie stellt er Kontakt her?“. Taugt er dafür, sich verständlich zu machen, ist er in der Lage zuzuhören? Nur dann hat er eine Zukunft. In „Arrival“ war es Amy Adams, die die Antwort wusste. Am Ende von „Blade Runner 2049“ kommt Villeneuve in einem der rührendsten Selbstzitate der jüngeren Filmgeschichte darauf zurück.

Hat der Sklavenstaat eine Zukunft?

Kontakt. Durchlässigkeit. Liebe. Das sind die Schlüsselwörter zu diesem Film. Ist Liebe nur möglich zwischen Wesen biologischer Herkunft? Weil nur sie so etwas biologisch gar nicht dingfest zu Machendes wie eine Seele haben? Joi (Ana de Armas) etwa, Ks Gefährtin, die an „Her“ erinnert, die Joaquin Phoenix für eine Weile glücklich machte – sind ihre Gefühle echt, obwohl sie sich an- und abschalten lässt? Kommt es darauf an?

„Blade Runner 2049“ ist zwischen seinen brillanten Actionszenen ein langsamer Film. Er kostet aus, dass die Sets das L.A. aus „Blade Runner“ wiedererkennbar halten und Villeneuve dort einige Szenen zitiert, aber er bringt uns auch jenseits der Stadtgrenzen, in ein Kalifornien unter einer Aschedecke auf eine Würmer-Eiweißfarm. Und schließlich ins vergiftete Las Vegas, wo möglicherweise die Antwort auf die Frage zu finden ist, ob die Zukunft der Menschheit auf einem zerstörten Planeten in der starren Ordnung eines Sklavenstaats liegt oder in einem fluiden System ohne Hierarchien, weil es längst auf ganz andere Dinge ankommt. Etwa darauf, eher als zwischen Mensch und Maschine zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.

Wie in allen großen Filmen geht es in „Blade Runner 2049“ auch ums Kino. Darum, ob die Gefühle, die uns dort binden, falsche sind, nur weil unser Gegenüber fiktiv ist. Unsere Tränen sind doch echt. Und unsere Trauer auch.

Quelle: F.A.Z.

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„Gladiator“; 2000. Regie: Ridley Scott. Darsteller: Russell Crowe, Joaquin Phoenix, Connie Nielsen.

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