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Videofilmkritik „Carol“ : Tunnelblick des Herzens

Bild: F.A.Z., DCM

Todd Haynes dreht „Carol“ nach dem Roman von Patricia Highsmith. Der Film über die Liebe zwischen zwei Frauen ist nicht nur ein Drama der großen Gefühle, sondern auch eines der nachdenklichen Blicke.

          New York im Winter. Es sind die frühen fünfziger Jahre, es ist kalt. Schneeflocken treiben durch die Straßen, die Scheiben der Taxis sind beschlagen, die Menschen hasten nach drinnen, in Autos, Häuser, Subway-Schächte. Weihnachten steht vor der Tür, in den Schaufenstern der Kaufhäuser leuchtet ein unüberschaubares Warenangebot für eine Welt en miniature, elektrische Eisenbahnen, Puppen, die in dieser Saison zum ersten Mal „Mama“ sagen, Spielzeugautos. In den Restaurants sitzen beleibte Männer und elegante Frauen unter Hüten und essen zu viel und trinken zu viel und rauchen, während sie abschätzen, wer kommt und wer geht und mit wem.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwei Frauen treffen sich in dieser Welt, zu dieser Zeit. Carol, verheiratet, Mutter einer kleinen Tochter, klug, erfahren, elegant und reich und kurz vor der Scheidung. Und Therese, Anfang zwanzig, mit einem Freund, den sie nicht liebt, und einem Beruf, in den sie gerade erst hineinwächst. Die beiden verlieben sich ineinander. Über die Gräben von Alter, Status, Vermögen hinweg und obwohl sie beide Frauen sind.

          Das ist, mehr oder weniger, schon die ganze Geschichte von „Carol“. Wobei mehr oder weniger die Hindernisse meint, die sich ihnen in den Weg stellen. Bei Carol ist es ihr Mann, der sie bespitzeln lässt, um ihr das Sorgerecht über die gemeinsame Tochter zu entziehen. Bei Therese sind es die eigenen Gefühle, die sie überwältigen, unbekannt, verunsichernd, angsteinflößend. Und eben Alter, Status, Vermögen, Geschlecht.

          Studie des Verliebtseins

          Zugrunde liegt dem Film von Todd Haynes der Roman „The Price of Salt“ von Patricia Highsmith. Es war nach „Strangers on a Train“ ihr zweites Buch. Dem Roman, der 1952 herauskam, haftet etwas Bekenntnishaftes an, was der Grund war, warum Highsmith ihn auch auf Anraten ihrer Agentin unter Pseudonym veröffentlichte, unter dem Namen Claire Morgan. Erst achtunddreißig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung, aus Anlass der Neuausgabe im Jahr 1990 (unter dem Titel „Carol“), gab sich die Schriftstellerin als Verfasserin des Buchs zu erkennen. Da war die Liebe zwischen Frauen nicht mehr ganz so skandalös.

          Ein weiteres Vierteljahrhundert später können wir die Verfilmung des Buchs jenseits allen Skandals als detailgenaue Studie der inneren Bewegungen sehen, die den Zustand des Verliebtseins so prekär machen. Gefühle, die nicht das bleiben, als was sie beginnen, die mit einem Blick anfangen und dann durch den Körper fließen und zurück in den Kopf schießen. Gefühle, die mit der Begeisterung für eine andere die Furcht nähren, nicht zu genügen, zu langweilen, in jeder Hinsicht zu klein, nicht angemessen zu sein.

          Todd Haynes war kürzlich in Berlin, und er erzählte im Gespräch, er habe keinen Film drehen wollen, der sagt: Schaut her, wie weit wir es gebracht haben, wie selbstverständlich heute ein lesbisches Paar ist im Vergleich zu damals! Er wollte drehen, was „Carol“ dann auch geworden ist: ein Liebesfilm.

          Frauen, die ihre Rolle wählen

          Dass der Film jetzt herauskommt (und nicht vor zehn Jahren, als Phyllis Nagy den ersten Drehbuchentwurf geschrieben hatte), hat mit Rechte- und Finanzierungsfragen zu tun, nicht mit den Wegmarken zur völligen Gleichberechtigung der verschiedenen sexuellen Lebensformen. Es ist auch der erste Film im Werk von Haynes, zu dem das Drehbuch schon vorlag (bisher war er immer auch Drehbuchautor seiner Filme), eine Hauptdarstellerin, nämlich Cate Blanchett, bereits an Bord war und die Produzentinnen Christine Vachon und Elizabeth Karlsen einen Teil des Geldes schon zusammenhatten.

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