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Filmkritik zu „Lucky“ : Die Beharrlichkeit der Schildkröte

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Bild: FAZ.NET

Harry Dean Stanton war auf Nebenrollen abonniert. In „Lucky“, dem Kinoregiedebüt von John Carroll Lynch, spielt er die Hauptrolle und zeigt noch einmal seine ganze Größe. Was bleibt, ist eine tröstende Erkenntnis.

          Zigaretten und Yoga, das ist das leicht widersprüchliche Ritual, dem ein älterer Herr namens Lucky seine Gesundheit verdankt. Jeder Morgen sieht bei ihm gleich aus, denn Regelmäßigkeit hilft im Alter, außerdem ähneln sich auch die Tage in der Landschaft im amerikanischen Südwesten, in der es kaum Jahreszeiten gibt.

          Lucky steht auf, zündet sich eine an, hebt ein paarmal das Becken. Dann wirft er sich in Schale und stiefelt zu einer Bar, in der ihn der Wirt mit einem passenden Wort begrüßt: „You’re nothing.“ Das kann man nur mit gleicher Münze und in gleicher Formulierung zurückgeben, und nachdem man einander auf diese Weise der prinzipiellen Nichtigkeit versichert hat, kann Lucky zu den wichtigen Dingen übergehen.

          Der Dinge des Lebens enthoben

          Er löst ein Kreuzworträtsel, trinkt einen Kaffee, und dann sputet er sich (das heißt, er geht ein ganz kleines bisschen weniger gemächlich), um pünktlich zu den Game Shows wieder zu Hause zu sein. Mit dem Euphemismus „älterer Herr“ sollte man Lucky übrigens nicht kommen. Er ist alt, das weiß er, und das wissen alle in der kleinen Stadt, in die es ihn irgendwann in seinem langen Leben verschlagen hat. Er ist der meisten Dinge des Lebens enthoben, nun hat er im Grunde nur noch zwei Aufgaben: möglichst viele Tage mit Zigaretten und Yoga zu beginnen und sich irgendwie auf das Unausweichliche vorzubereiten. Zwar sagt der Arzt zu ihm einmal: „The older you get, the longer you’ll live.“ Aber das ist eher ein Wort der Anerkennung für die Unverdrossenheit, mit der hier ein Tattergreis dem Tod einen Tag nach dem anderen stiehlt.

          Der Schauspieler Harry Dean Stanton war selbst neunzig Jahre alt, als er vor zwei Jahren in John Carroll Lynchs gleichnamigem Film die Rolle des Lucky spielte. Er starb im vergangenen September, und so ist „Lucky“ nun auch ein Abschied von einem Star, der selten einmal eine Hauptrolle hatte. Hier hat er eine, und er füllt sie großartig aus, indem er nicht zu viel mit ihr macht. Gerade mal so das Notwendigste, wie eben auch die Tage von Lucky so sind. Beiläufig fällt einmal der richtige, der bürgerliche Name dieser Figur, und man bekommt allmählich zumindest in Ansätzen mit, was Lucky in seinem Leben so umgetrieben hat: Er war im Zweiten Weltkrieg im Pazifik bei der Navy, später hat er dann wohl an den Protesten 1968 Anteil genommen.

          Wer nichts hat, dem kann man auch nichts nehmen: Harry Dean Stanton auf seiner letzten Bühne

          Und dann gab es da noch ein Erlebnis in der Kindheit, das Lucky passenderweise in der Bar erzählt, in der er jeden Tag als „nichtig“ begrüßt wird: Im Alter von 13 Jahren hat er einmal schon in das Leere geschaut, das hinter der Existenz liegt. Die negative Epiphanie ist das gar nicht so heimliche Leitmotiv in „Lucky“, mit dem der Schauspieler John Carroll Lynch sein Regiedebüt gibt. Man kennt ihn vor allem aus dem Film „Fargo“, wo er Norm Gunderson spielte, also den Ehemann von Marge – das war die Rolle, mit der Frances McDormand berühmt wurde, die am Sonntag einen Oscar als beste Schauspielerin in „Three Billboards in Ebbing, Missouri“ bekam.

          Zu dem weitverzweigten Kraftfeld, aus dem „Lucky“ kommt, zählt auch noch David Lynch, der mit John Carroll Lynch nicht verwandt ist, hier aber seinen zuletzt häufiger werdenden Auftritten als Schauspieler einen markanten hinzufügt. Mit seinem unverkennbaren, dröhnenden Organ akzentuiert Lynch die Vanitas-Botschaft des Films. Er spielt Howard, einen Mann, der seine Schildkröte vermisst. Sie trägt den Namen President Roosevelt, und hat sich einfach davongemacht. Schildkröten sind langlebige Tiere, allerdings weiß niemand, ob sie ins Leere schauen können. Oder in die Dunkelheit, von der Johnny Cash genau zur Hälfte von „Lucky“ singt: „I see the darkness.“

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          In einer sonnendurchfluteten Gegend wie der, in der Lucky täglich seine Kakteen gießt, ist das Unausweichliche leicht zu verdrängen. Ein gewisser Galgenhumor schadet aber sowieso nie. Auch beim Betreten der Bar, in der Lucky abends noch einen Drink nimmt, gibt es eine rituelle Begrüßung, die von einem existenziellen Sarkasmus durchsetzt ist: „Einer von euch wird mich verraten.“ Normalerweise wäre Lucky schon ein Fall für „assisted living“, aber unter allen Charakterzügen, die dieser Figur eignen, ist eben auch ein sehr amerikanischer: Hier will jemand, so lange es irgendwie geht, so unabhängig wie möglich sein. Dass Harry Dean Stanton vor allem am Beginn seiner Karriere häufig auch in Western zu sehen war (zum Beispiel in dem großartigen „Ride in the Whirlwind“ von Monte Hellman), das ist in „Lucky“ immer noch deutlich zu spüren.

          Die vielen kleinen Hinweise auf unterschiedliche Philosophien der Vergänglichkeit gipfeln schließlich in einer Szene, in der Lucky sich aus der Routine reißen lässt und ein Geburtstagsfest für einen zehnjährigen Jungen besucht. Er heißt Juan, seine Familie spricht Spanisch, und auch Lucky kann da ein wenig mithalten. Die „fiesta“ versetzt ihn in eine seltsame Stimmung. Er antwortet darauf spontan, indem er etwas singt, mit brüchiger Stimme: „Volver“. Dafür gibt es viele Übersetzungen, aber in der Vorstellungswelt von „Lucky“ könnte man vielleicht am ehesten von einem hispano-buddhistischen Moment sprechen.

          Das Rad des Lebens, das Rad des Leidens, das Rad der Wiedergeburt: Alles dreht sich, aber solange Lucky morgens noch seinen „bony ass“ in die Höhe bekommt, ist diesem Drehmoment ein wenig Einhalt geboten. So bleibt am Ende der vielen „end-of-life-plans“ in diesem angemessen unsentimentalen, angemessen tiefsinnigen und angemessen altersweisen Film vor allem eine Erkenntnis: Kakteen wachsen langsam, Schildkröten kriechen langsam im Staub, und auch mit Lucky wird es langsam zu Ende gehen. Die vielen Versicherungen, die es in zivilisierten Gesellschaften für den letzten Gang gibt, sind ein schwacher Trost.

          „Lucky“ ist eine Versicherung der anderen Art: Am Beispiel eines ungewöhnlich gewöhnlichen Erdenbürgers sehen wir, dass die Conditio Humana als solche den besten Trost spendet. „We’re nothing.“ Kennt jemand ein englisches Wort mit acht Buchstaben, das auf diesen Film passt?

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