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Video-Filmkritik zu „Lady Bird“ : Zwischen Sozialneid und Künstlerstolz

Bild: AP

Ein Genre für Anfänger: Greta Gerwigs preisgekrönter Film „Lady Bird“ erzählt vom Erwachsenwerden einer jungen Frau. Mit einer Hauptdarstellerin, der man einfach alles glauben kann.

          Möglicherweise ist Sacramento ein stinklangweiliger Ort. In Greta Gerwigs Film „Lady Bird“ sieht er jedenfalls so aus. Mittelklassehäuser, mal höher (großer Vorgarten, mehrere Garagen), mal niedriger (kleiner Vorgarten, keine Garage) angesiedelt. Weite Parkplätze vor riesigen Supermärkten. Autos für alle. Pools für einige. Klassenneid. Dicke Kinder.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es beginnt wie ein Roadmovie. Mutter und Tochter fahren Auto und weinen gemeinsam. Grund ist eine Radiolesung der „Früchte des Zorns“. Mit der letzten Träne aber ist es auch mit der Gemeinsamkeit vorbei. Offenbar können sich die beiden außer auf John Steinbeck über nichts einigen. Was die Tochter dermaßen nervt, dass sie sich aus dem Auto fallen lässt.

          Das ist der gewalttätigste Augenblick in diesem Film, und Greta Gerwig kommt nicht darauf zurück. Nur der eingegipste Arm von Christine, die sich selbst Lady Bird genannt hat, erinnert für eine gute Weile an den Zwischenfall. Sacramento, wo sie auf eine katholische Mädchenschule geht, ist wahrlich nicht ihre Traumheimat. Da das Ende der Schulzeit absehbar ist, macht sie Pläne. Der Osten des Landes wäre für die Collegezeit gut, New York, New Hampshire, Connecticut (also Columbia, Dartmouth, Yale), wo Schriftsteller im Wald wohnen und die Kultur zu Hause ist. Die Mutter ist entgeistert. Denn seit der Vater seine Arbeit verloren und der Bruder seine Freundin ins Haus geholt hat, ist das Geld knapp, obwohl die Mutter Doppelschichten im Krankenhaus schiebt. So ist die Lage, und sie wird im Verlauf des Films von Greta Gerwig auch nicht entscheidend besser.

          Sacramento, ein Gefängnis? Saoirse Ronan als „Lady Bird“.

          „Lady Bird“ gehört zur großen Gruppe der Coming-of-Age-Filme, von denen das amerikanische Kino und vor allem das, was einmal das Independent Cinema hieß, nicht genug bekommen kann. Das hat mit den Kosten zu tun, die im Vergleich zu, sagen wir, einem Superheldenfilm minimal sind (was auch an den jungen Darstellern liegt), damit, dass alles steht und fällt mit einem guten Drehbuch (das Regisseure in diesem Segment oft selbst schreiben, wie auch Greta Gerwig hier), und vor allem damit, dass Held und Heldin einer Geschichte vom Heranwachsen noch unfertig sind, dass es um Experimente, neue Wege, Sackgassen möglicherweise, auf jeden Fall aber um Veränderung geht. Um Dynamik also, die innerlich größer ist, als sie sich äußerlich darstellen mag, was wiederum kostensenkend wirkt.

          Es ist ein Genre für Anfänger, könnte man auch sagen. Greta Gerwig hat längst als Schauspielerin einen Namen (den sie sich unter anderem in dem Coming-of-Age-Film „Frances Ha“ gemacht hat), hat einmal vor vielen Jahren bereits Co-Regie geführt, so dass „Lady Bird“ zwar ihr Solo-Regiedebüt ist, sie aber auf einige Erfahrung zurückgreifen kann. Ohne Angeberei, mit einem untrüglichen Sinn fürs Timing, die Musik und die Heftigkeit neuer Gefühle ebenso wie die Geschwindigkeit ihres Erkaltens, erzählt ihr Film vom Erwachsenwerden eines Provinzmädchens, das sich trotz fehlenden Wohlstands nicht ausreden lässt, dass die Welt groß ist und bereit für sie.

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          Erzählt wird das in einer schnellen Abfolge kurzer Szenen, in denen auch die Nebenfiguren große Auftritte haben, die Eltern (Laurie Metcalf und Tracy Letts), die Liebhaber (Lucas Hedges, Timothée Chalamet), die Freundin (Beanie Feldstein). Ein Jahr ist der Rahmen, das letzte Schuljahr: Handbuchartig fast greift hier eins in andere, und hätte Greta Gerwig, die mit diesem Film sehr viele Preise und eine Handvoll Oscar-Nominierungen gewonnen hat, nicht Saoirse Ronan in der Hauptrolle, der man alles glauben kann – die Wut, das Selbstbewusstsein, die Neugierde, die Liebe zur wie die Verzweiflung an der Mutter, das Unterkriechen beim Vater, den Sozialneid, den Künstlerstolz, das Kind wie die Frau –, hätte das alles ein wie am Schnürchen sich abspulendes Filmchen werden können. Saoirse Ronan aber spielt ihre Figur im Futur – als junge Frau, die noch nicht genau weiß, was sie will, der wir aber zutrauen, sie wird es herausfinden, auch wenn sie im Augenblick driftet und keine Ahnung hat, wohin sie sich eigentlich auf den Weg machen soll.

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