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Video-Filmkritik : Dinner für Ganz oder Der neunzigste Geburtstag

Bild: X-Verleih

Mit dem Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ gewann Eugen Ruge den Deutschen Buchpreis. Was taugt die Umsetzung von Regisseur Matti Geschonneck fürs Kino?

          Sechs Jahre ist es her, dass „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis gewann. Es war das Werk eines späten Romandebütanten, des 1954 in Russland als Sohn eines deutschen Historikers geborenen Eugen Ruge, der in der DDR aufgewachsen war und ihr 1988 den Rücken gekehrt hatte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Gemeinsam mit Uwe Tellkamps „Der Turm““ (2008) und Lutz Seilers „Kruso“ (2014) bildet sein Buch die Trias der stark autobiographisch geprägten Wenderomanbuchpreisgewinner. Ruges Alter Ego ist der im gleichen Jahr wie sein Autor geborene, aber erst ein Jahr später, nämlich kurz vor dem Mauerfall, geflohene Sascha Umnitzer. Dessen Leben wird im Roman weit über den Tag der Flucht hinaus verfolgt. Ein gutes Fünftel der Handlung spielt 2001, als Sascha an Krebs erkrankt ist und noch einmal flieht, diesmal vor dem Tod, nach Mexiko.

          Dieser Aspekt, der originellste von Ruges Buch, fehlt in der Verfilmung, die jetzt ins Kino kommt. Es ist nicht die einzige Streichung, die Wolfgang Kohlhaase, der prominenteste deutsche Drehbuchautor, im Vergleich zum Ausgangstext vorgenommen hat. Der Roman deckt in ständigen Zeitsprüngen ein halbes Jahrhundert ab, die Nachkriegsgeschichte der Familie Umnitzer. Während Alexanders Großmutter Charlotte mit ihrem zweiten Mann die Rückkehr aus dem mexikanischen Exil, in dem sich die beiden als Kommunisten vor Hitler in Sicherheit gebracht hatten, antritt, sitzen ihre beiden Söhne aus erster Ehe als angebliche Konterrevolutionäre in einem sowjetischen Arbeitslager. Der eine wird diese Haft nicht überleben, der andere eine russische Frau finden, mit der er eine Familie gründet und schließlich auch in die deutsche Heimat zurückkehrt – natürlich in die DDR. Die Familie macht dort Karriere. Doch all das wird im Film leider nur erwähnt, nicht gezeigt.

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          Der Regisseur Matti Geschonneck, nur unwesentlich älter als Ruge und gleichfalls in der DDR aufgewachsen, lässt die Handlung im Wesentlichen auf einen einzigen Tag zusammenschnurren: den 1. Oktober 1989, an dem Saschas Stiefgroßvater, der überzeugte Kommunist Wilhelm Powileit, neunzigsten Geburtstag feiert.

          Es gibt das erwartbare Trara der Partei mit Ordensverleihung, Festreden und Pionierständchen, doch an diesem Tag passiert auch etwas Unerwartetes: Die Nachricht von der Flucht des Enkels Sascha trifft in der Familie ein. Zur Motivation seines Schritts begnügt sich der Film mit einer kurzen Szenenfolge, die zwei Tage zuvor spielt und Sascha im Gespräch mit seinem Vater Kurt Umnitzer zeigt, der zum prominenten staatstreuen Historiker geworden ist. Das sind die einzigen fünf Minuten, die Alexander Fehling für seine Rolle als Sascha hat. Was man angesichts der Tatsache, dass diese Figur Dreh- und Angelpunkt des Romans ist, als Hauptrolle hätte erwarten dürfen, erweist sich in der Verfilmung als Leerstelle. Dramaturgisch mag das gewollt sein, aus dramatischer Sicht ist es fatal.

          Stattdessen steht Wilhelm Powileit im Mittelpunkt, den Bruno Ganz mit der Virtuosität eines Schauspielers gibt, der nicht mehr braucht als gelegentliche minimale Variation in Mienenspiel und Tonhöhe, um diesen verbissenen alten Mann zum Schrecken der ganzen Familie zu machen.Und zur Faszination des ganzen Kinosaals.

          Ganz gibt seinem Veteranen der Arbeiterklasse eine Würde, die er im Roman nicht hat. Und ist doch zugleich dem Film auch eine Bürde, die das Buch nicht hat. Denn im eigenen Heim, wo Powileit gefeiert wird, spielt sein Akteur alle anderen notgedrungen an die Wand. Dadurch, dass der neunzigste Geburtstag statt des knappen Drittels, das er im Roman ausmacht, hier hundert von 105 Filmminuten einnimmt, muss sich alles auf den Patriarchen konzentrieren. Und seine Figur mag Wolfgang Kohlhaase, der selbst schon sechsundachtzig ist, auch näher gestanden haben als die insgesamt drei Umnitzer-Generationen danach, die noch durch Saschas zur Handlungszeit achtjährigen Sohn Markus abgerundet werden.

          Mit Hildegard Schmahl als Charlotte, Sylvester Groth als Kurt Umnitzer und Evgenia Dodina als dessen Frau Irina gibt es gerade einmal drei Schauspieler, die unter Ganz – nicht neben ihm! – noch einigermaßen Profil zeigen können, der Rest besteht aus zahlreichen Klischeerollen. Und das will bei einer Besetzung, die neben Fehling etwa auch noch Angela Winkler umfasst, etwas heißen. Nichts Gutes.

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          Kohlhaases ironischer Blick auf die DDR, den er einmal mehr mit lakonischen Dialogen statt aufwendigen Szenen anschaulich macht, ist gewohnt präzise, und er hat Ruges Buch sehr genau gelesen, wie man einigen aus der Vorlage herauspolierten Details anmerkt (Wladimir Wysotzkis Lieder, die Frage nach Charlottes erstem Mann, der Ablauf von Saschas Flucht), aber um den Film ungewöhnlich zu machen, hätte es auch der Vielschichtigkeit von Ruges Vorlage bedurft, dem personellen und zeitlichen Reichtum des Romans, auch dessen Welthaltigkeit dadurch, dass er Mexiko einbezieht und mit dem Leben in der DDR kontrastiert.

          Selbst aus dem gewitztesten Gespräch dieses Films wird keine derart existentielle Erfahrung, wie wir sie als Leser machen, wenn der Sascha des Buchs sich in Mexiko als Fremdling erlebt und damit plötzlich neues Licht auf die Exilerfahrungen seiner Vorfahren fällt. Das, was an Ruges Roman literarisch genannt werden kann, hat die Filmadaption ihm ausgetrieben. Zurück bleibt ein Kammer- und Jammerspiel, das nichts Irritierendes mehr hat. „Haben wir alles verdorben?“, lautet der letzte Satz des Films. Nicht alles, aber zu viel.

          Quelle: F.A.Z.

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