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Video-Filmkritik : Kommt die Liebe auch ohne Gott aus?

Bild: Frisbeefilms GmbH & Co.KG/Martin

Der Roman von A.L. Kennedy steht noch Jahre nach der Lektüre quer im Gedächtnis. Jetzt wurde ein Film aus ihm: „Gleißendes Glück“, unter der Regie von Sven Taddicken.

          Einer geht hinaus in die Fremde, kommt zurück und erzählt. Oder: Eine Frau trifft einen Mann. Das sind die beiden Geschichten, aus denen sich fast alle anderen ableiten. Manchmal verbinden sie sich. In A.L. Kennedys Roman „Gleißendes Glück“ trifft eine Frau einen Mann. Sie geht, um zu ihm zu gelangen, innerlich sehr weit hinaus. Aber sie kommt nicht zurück.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Helen Brindl ist eine Hausfrau in Glasgow, die damit kämpft, Gott verloren zu haben, Gott, dessen Schöpfung sie in allem sah, das ihr begegnete. Jetzt nicht mehr. Sie leidet, wird apathisch. Ihr Mann misshandelt sie. Sie schläft nicht mehr. Bis sie Edward G. Gluck kennenlernt, einen Kybernetiker und Selbsthilfeguru, der im Radio und Fernsehen von der Umprogrammierbarkeit des menschlichen Gehirns und den Regeln für die richtige Masturbation faselt. Sie fährt zu einer Tagung, bei der er auftritt. Er findet sie interessant. Überrascht sie aber dann mit dem Geständnis, sich an Gewaltpornographie aufzugeilen, an äußerst brutalen Erniedrigungsszenarien, zu denen er viele Male täglich onaniert. Sie hilft ihm, davon loszukommen. Ihr Mann schlägt sie halbtot dafür.

          Auch Jahre nach der Lektüre steht das Buch quer in der Erinnerung, ein Stolperstein, an dem man sich immer wieder stößt, auch, weil ein Rätsel zurückgeblieben ist, ein großes: Wohnt Gott in der Liebe, oder kommt sie auch ohne ihn aus?

          Diesen Roman, der bereits 1997 erschienen ist und im Original „Original Bliss“ heißt (was auf die „Original Sin“, die Erbsünde, zurückverweist), hat Sven Taddicken nun verfilmt. Er hat die Handlung nach Deutschland verlegt und in acht Kapitel mit Überschriften aufgeteilt. Aus der Hauptfigur Helen wurde Helene, und aus Beschreibungen von Situationen wurden Bilder. Wie das so ist.

          Die Sprache des Romans ist von großer Musikalität. Im Film gewinnt man den Eindruck, der gedämpfte Bar-Jazz, der die Hintergrundmusik zum Geschehen abgibt, sei möglicherweise ein Übersetzungsversuch dieser Sprachmelodie, in der die verstörende Geschichte von Helen Brindl und Edward G. Gluck erzählt wird. Aber er wirkt ein wenig zu unverbindlich angesichts der erschütternden Dinge, die geschehen. Der überzeugendste Akt der Übersetzung gelingt am Anfang, noch bevor die beiden sich kennenlernen. Helene hört im Radio eine Sendung mit Gluck. Er berichtet darüber, wie er überhaupt auf den Gedanken kam, sich mit Kybernetik zu befassen und damit, wie das Denken die Wirklichkeit beeinflussen könne. Sein Kinderzimmer habe an einem Bahndamm gelegen, und er sei vom Lärm der Züge immer wieder aufgewacht. Doch seine Mutter habe ihm eines Nachts, als er wieder einmal weinend zu ihr gegangen sei, gesagt: „Hör mal genau hin! Die Züge, die flüstern doch deinen Namen, Edward G. Gluck, Edward G. Gluck.“ Von da an habe er schlafen können. Und wir hören tatsächlich, wie aus dem Rattern von Zügen „Edward G. Gluck“ wird.

          Doch die Beziehung zwischen diesem Mann und der Frau, die am Anfang ihrerseits schlaflos im Bett liegt, aufsteht, Orangen auspresst, Butterbrote für die Lunchbox ihres Mannes zubereitet und schließlich vor dem laufenden Fernsehgerät auf dem Fußboden endlich einschläft, wird im Film nicht wirklich plausibel. Und auch dass Helene zu ihrem Mann zurückkehrt, nachdem sie zu Edward geflüchtet war, erscheint willkürlich und unverständlich. Die beiden, Helene und ihr Mann, sind offenbar sadomasochistisch verbunden, Helene ein Opfer, das immer wieder zu ihrem Peiniger zurückgezogen wird. Aber wir spüren nicht, was sie davon hat, warum sie das tun muss. Gottesfurcht in der Ehe? Unwahrscheinlich, da sie ihren Glauben doch verloren hat. Trotzdem hängt die Kamera gern ganz weit oben am Kran und filmt in Aufsicht, was Helene tut. Wacht Gott also doch über ihr?

          Im Buch bleibt die Möglichkeit Gottes präsent. Und damit das Sakrament der Ehe. Im Film verschwimmt das in Unbestimmtheit, Unschlüssigkeit auch, nicht der Figuren, sondern des Regisseurs.

          „Gleißendes Glück“, der Film, wäre mit anderen Darstellern vermutlich unerträglich. Mit Martina Gedeck aber und Ulrich Tukur gewinnt er eine Intensität, die aus dem Material hinübergerettet wurde, obwohl die Bilder, die Außenaufnahmen, die Interieurs aussehen wie aus jedem beliebigen Fernsehfilm. Grau mit Vorgarten. Doch im Spiel dieser beiden Darsteller sehen wir Qual und Eros und Erstaunen und ein Zögern davor, sich loszureißen, sich zu befreien von den peinigenden Zwängen des bisherigen Lebens.

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          Martina Gedeck blinzelt und lässt ihren Blick unruhig flackern, während sie erstaunliche Dinge sagt, etwa: „Wenn ich ein Film wäre, hättest du dir das bestimmt angeguckt.“ Da hat ihr Mann sie gerade zusammengeschlagen, und Edward nimmt die blauen Flecken wahr. Sie fragt auch: „Wie geht es mit dem Wichsen?“, als Edward es mit Enthaltsamkeit versucht, ein Satz, den man nicht vielen deutschen Schauspielerinnen zutraut. Sie nuschelt ihn ein wenig weg, was schade ist, denn die Szene könnte zum Schießen sein.

          Was Edward sich da eigentlich anschaut, darf ein Kinofilm nicht zeigen. Ulrich Tukur erzählt uns davon, nüchtern, ohne Erregung, von doppelt penetrierten Frauen und wie ihn das anmacht. Aber die Abgründe dieser Figur, ihre Lust wie ihre Pein, die lässt uns der Film auch nicht spüren. Das liegt nicht nur daran, dass uns die Sprache von A.L. Kennedy an Orte führt, von denen sich ein Bild zu machen eine Todsünde wäre. Es liegt daran, dass Taddicken sich nicht traut, sie zu übersetzen.

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