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„Fack ju Göhte 2“ : Sätze ohne Subjektiv sind krass unvollständig

Klassenfahrt nach Thailand: Der Lehrer ist ohnmächtig, die Party kann beginnen Bild: Constantin Film

Wie heißt der Typ, der „Faust“ geschrieben hat? Na, Reclam. „Fack ju Göhte 2“ ist genau so ein Blödsinn wie der erste Teil, aber viel lustiger – dank dem Film seinem Personal.

          Der erste Teil von „Fack ju Göhte“ war ein riesiger Publikumserfolg und ein Schmarren sondergleichen. Kleinkrimineller mit Migrationsvordergrund stapelt sich zum Lehrer hoch, um vergrabene Beute nächtens unterm Turnhallenanbau der Gesamtschule herauszubuddeln. Muss tagsüber die hochunbegabte, rauchende, fluchende, prügelnde Problemklasse unterrichten, was bis dahin keiner Lehrkraft gelang. Ihm auch nicht, aber er flucht, lügt, prügelt und kiezdeutscht so lange zurück, bis die Schüler nachgeben wie Hunde, die ihren Herrn gefunden haben und nicht mehr beißen, sondern süß sind. Alte Grenzphantasie der Erziehung im Übergang zur Sozialarbeit: Man muss ihre Sprache sprechen, dann gehorchen sie, entwickeln Achtung, ja Verehrung gar. Schule, heißt das, muss mancherorts Resozialisierung sein.

          Die Komik war bei diesem Plot überwiegend hämisch und unterleibslastig. Die verklemmte Lehramtskandidatin im Praxisschock, die hysterische Ausgetrocknete, die Schüler und Kollegen nur noch hasst, der verquast an allen vorbeibramarbasierende Leiter der Theater-AG, die Schüler, die keinen geraden Satz hinbekommen, dafür einander mit „Opfer“, „Nutte“ und noch viel weiter abwärts traktieren. Zugleich war der Plot erbärmlich kitschig. Der harte Hund mit weichem Kern. Die Gosse voller Perlen. Prostituierte und Schläger sind eigentlich gute Kumpels. Die verlorenen Seelen dürsten nach Zuwendung, die Prüde nur nach einem durchtrainierten Gegenüber. Nahm man beides, den Hohn und den Kitsch, zusammen, kam heraus: Das Herz der Dummheit ist voll krass mit Marmelade gefüllt.

          Und so der Witz des Films. Man könnte es sich mit seinem Erfolg insofern leichtmachen und darauf verweisen, dass sich die Leute ja auch zu Hundertausenden mit Käse überbackene Laugenstangen reinschieben und das würzig finden.

          Aber. Aber die Schauspieler. Sie taten in „Fack ju Göhte“, was sie oft tun, wenn die Komödien unfassbar schlecht sind. Sie spielten fassbar gut, manche von ihnen unfassbar besser. Und wenn wir jetzt ein paar aufzählen, dann ist das schon der Übergang zu „Fack ju Göhte 2“, der am Donnerstag in die Kinos kommt. Denn die meisten von ihnen spielen wieder mit und, das ist die wichtigste Nachricht, dürfen noch viel mehr spielen als im ersten Teil. Den konnten sie nicht retten, den zweiten machen sie sehr unterhaltsam. Ob das eine Empfehlung für alle ist, die den ersten lustig fanden? Aber keine Sorge: Witze wie „Ich hab’ Chili ins Kondom gefüllt“ gibt es nach wie vor.

          Leider, das ist die schlechte Nachricht, hat die beste Akteurin von allen weniger Szenen: Karoline Herfurth, die ein Kulturereignis zu nennen stark untertrieben wäre. Als ex-verklemmte Lehrerin Schnabelstedt verpasst sie eines Schülerstreichs halber den Flug zur Exkursion nach Thailand, die dem schwererziehbaren Haufen verordnet wird, um für die Schule irgendeine Nachhaltigkeitskonkurrenz zu gewinnen und dem Film prima Strandbilder. Also bleiben für Frau Herfurth nur wenige Auftritte, die aber ihres Witzes und ihrer wachen Spielfreude halber alle anbetungswürdig sind.

          Großartig auch Volker Bruch, der ekelhaft schleimig den pädagogischen Strahlemann vom Schiller-Gymnasium der Besserverdiener gibt. Von ihm stellt sich natürlich - ersparen Sie dem Berichterstatter bitte ein Referat der Handlung: etwas mit armen Waisenkindern auf Jetskis, Perlentauchen und Haschisch - heraus, dass der gutgelaunte Streber, surprise, surprise, ein ganz ein Böser ist. Sehr eindrucksvoll spielt Lucas Reiber den - was für ein Wort in diesem Kontext! - verhaltensgestörten Schüler. Der muss aus Inklusionsgründen mit, weil es sonst keine Zuschüsse gibt. Ironischerweise ist der Asperger-Fall dann der Einzige mit Verstand und folgerichtig in Frau Schnabelstedt verliebt. Mikrovirtuos auch Katja Riemann in der Rolle der Schuldirektorin: So lustvoll dürfte lange niemand mehr hinter einem Schreibtisch gesessen haben. Wer immer auf die Idee gekommen ist, sie zu Beginn der Personalgespräche blitzschnell und ebenso süchtig wie verlegen an ihrem Prittstift schnüffeln zu lassen, sei für diese Geste, die alles sagt, bedankt. Und schließlich der geheime Star des ersten Teils, den das Drehbuch jetzt noch höher gezogen hat: Jella Haase als Chantal Ackermann - sollte das etwa ein Namenswitz unter Filmkollegen sein? -, deren T-Shirt „Chantal No.5“ die ganze Figur umreißt. Sie ist die Sprach- und also Weltunbildung in Person. Müsste sie tatsächlich für jedes „Isch“, für jeden Dativ, den sie sagt, obwohl der gehört da gar nicht hin, und für jede Pointe fünf Euro zahlen, der ihre Gage wäre voll weg. Aber Chantal - „isch bin eh überqualifizdingsbums“ - , die aufschreit, wenn sie erfährt, dass Schminke aus Erdöl hergestellt wird, ist vor allem die gute Wilde, das Herz des Ganzen oder, wie im Film über sie gesagt wird: „Du bist sooo Arzt!“ Nur dass sie sich eben nicht, wie niemand, selbst heilen kann.

          Elyas M’Barek gibt mit Hingabe den Posterboy. Die strenge Diät im Vorfeld soll sich ja gelohnt haben. Bilderstrecke

          Und was ist mit dem „Ist der süß“-Star von Teil eins: Elyas M’Barek als falscher Aushilfslehrer Zeki Müller? Über seinen Körper gibt es nur Gutes zu sagen, weshalb er auch gar nicht als Schauspieler engagiert wurde, sondern als Mannequin. Wenn das nämlich ein ehemaliger Krimineller aus dem Fackju-Milieu sein soll und kein Unterwäschemodel im Nebenverdienst, dann ist Frau Schnabelstedt in Wahrheit eine üble Schlampe und Direktorin Gerster eigentlich Mutter Teresa. Will man uns wirklich weismachen, dass jemand, der „Praktikums“ für den „Plural von Praktika“(!) hält, kurz danach Worte wie „instruktiv“ oder „Verantwortung“ verwendet? Filmemacher, ihr seid so wenig Drehbuch. Aber wenn man vom Model einmal absieht, das extra für kreischende Girls ab Donnerstag den seinen zeigt, haben die Schauspieler echt euren Arsch gerettet.

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