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Video-Filmkritik: „Anomalisa“ : Sex ist verpuppte Liebe

Bild: Paramount

Charlie Kaufmans zugleich zarter wie sensationeller Trickfilm „Anomalisa“ erzählt von der Liebe zweier Marionetten ohne Fäden, die nicht von Dauer sein darf, aber eine ganze Welt verändert.

          Alle Leute hören sich für Michael Stone absolut gleich an und sehen auch komplett identisch aus, weil sie ihm nichts bedeuten. Oder sie bedeuten ihm nichts, weil sie sich absolut gleich anhören und auch komplett identisch aussehen. Ist ihm doch egal. Der Mann hat die besten Jahre hinter sich, das Haar ist aschgrau, die Finger sind leicht nikotingelb, der Bauch hängt durch. Sein Geld verdient Michael als reisende und schreibende Motivationslabertasche im Kundenservicebereich. Zu Hause hat er Frau und Kind, als Mitbringsel für den Kleinen von unterwegs fällt ihm nichts Besseres ein als eine (allerdings feinmechanisch zauberhaft komplexe) japanische Sex-Automatin.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Alles eins, alles gleich, alles nichts, einerlei Leben, bis er auf dem Hotelflur eine Stimme hört, dann ein Gesicht sieht und endlich einen Namen erfährt: Lisa. Die Frau ist unscheinbar und nicht makellos, aber für Michael wird sie buchstäblich über Nacht die einzige Markierung in der wüsten Leere, in der er planlos umherirrt. Lisa, die leibhaftige Bedeutung, die schönste Metapher für Liebe, soll, so bittet er sie, einfach nur bei ihm sein, zu ihm sprechen, mit ihm atmen, für ihn singen. Sie sitzt also in seinem Zimmer, befangen, aber neugierig, und singt zaghaft, aber tapfer „Girls just wanna have fun“.

          Beiträge zu seiner Gesamtverwirrung

          Der Hauch von Hoffnung im Vers „I wanna be the one to walk in the sun“ wird aus diesem Mund in diesem Moment zur Chiffre der nicht nur von Michael lang ersehnten Möglichkeit, das arme ewige Ego-Tier Mensch könnte seine angeborene Einsamkeit vielleicht doch hin und wieder für kostbare Augenblicke überwinden. Lisa: Bedeutung mit Herzschlag, die man küssen kann.

          Alle Personen in diesem Film von Charlie Kaufman und Duke Johnson sind Puppen, Däumlinge und Däumelinchen, keine Schauspielerinnen und Schauspieler, keine Computersimulationen.

          War das nötig? Was bedeutet das? „Bedeutung“ ist das Gegenteil von „alles gleich, alles eins“. Bedeutung ist ein rekursiver Unterschied, nämlich der Unterschied zwischen etwas, das einen Unterschied ausmacht, und etwas anderem, das egal ist, also den Hintergrund abgibt fürs Bedeutsame. Bedeutung führt, wenn sie lebhaft wird, sofort einen Zwei-Fronten-Krieg: einerseits gegen das Gleichgültige, andererseits gegen Verwechslungen, Missverständnisse und Verwirrung. Die gibt es nicht nur im Sprachlichen, sondern auch im nichtsprachlichen Erleben: Es ist fast egal, was der Typ quatscht, der Michael Stone im Flugzeug belästigt, oder was der Taxifahrer von ihm will, der ihm irgendeinen lokalen Mampf als das leckerste Gericht der Welt anpreist, und es tut nichts zur Sache, welche überflüssigen Informationen der Hotelpage ihm aufdrängt oder mit welchen Worten die ehemalige Geliebte ihr Befremden am Telefon artikuliert, als Michael sie anruft und ihr gesteht, dass er sie vermisst hat. Entscheidend dafür, dass Michael sein Leben als leer erlebt, sind nicht die Inhalte der Kommunikationsversuche, die scheitern, sondern dass das alles nur Beiträge sind zu seiner Gesamtverwirrung: Diese Leere ist einfach zu voll.

          Mit Mikroerschütterungen gespickt

          Die grandiose Grundidee des Films, die Metapher der Umzingelung des Einzelherzens durch die Gleichgesichter und den Monostimmenchor, hätte man auch als braven Realfilm mit Computer-Oberflächenpolituren inszenieren können. Warum mussten es Puppen sein? Charlie Kaufman darf man im Licht seiner bisherigen Arbeiten seit „Being John Malkovich“ (1999) extrem viel filmhistorisches Wissen zutrauen; die Idee liegt nahe, er habe einfach ausprobieren wollen, was er mit den Animationsmitteln erzählen kann, die von den Quay-Brüdern, von Jan Śvankmajer oder Tim Burton entwickelt und perfektioniert wurden.

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