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Video-Filmkritik: „Your Name“ : Es war nicht nur ein Traum

Bild: Universum Film

Nur für zwei Tage kommt einer der schönsten Trickfilme aus Japan in die hiesigen Kinos, im Mai erscheint er dann hierzulande als DVD: „Your Name“ von Makoto Shinkai.

          Die feine Linie des mädchenhaften Profils geht ins Fenstermorgenleuchten über, wenn sich Mitsuha im Erwachen auf den Rücken dreht. Lieber würde sie weiterschlafen, weiterträumen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Schülerin lebt in einem Kaff, in dem nur alle zwei Stunden ein Zug vorbeikommt und der einzige Supermarkt abends um neun schließt. Es gibt hier keine Buchhandlung, keinen Zahnarzt, vor allem aber: keine Aussichten auf ein Leben mit irgendwelchen Überraschungen.

          Alte Dialekte und alte Rituale haben an diesem Ort die ganze bisherige Neuzeit überdauert, man muss allerdings weit gehen bis zu den heiligen Stätten, wo man den besonderen Reiswein den alten Gottheiten als Opfergabe darbringt, denn die nähergelegenen Kulteinrichtungen sind in einem Feuer verbrannt, von dem Lebende nur aus vagen Geschichten längst Verstorbener wissen, die das alles aber auch schon nicht mehr selbst gesehen hatten. Mitsuha will in dieser zeitlosen Provinz nicht stecken bleiben. Wenn es sich irgend machen ließe, wäre sie gern nicht nur diese Umgebung, sondern auch gleich noch sich selbst los – eine Wiedergeburt ist ihr Herzenswunsch, vielleicht als Junge in Tokio.

          Just so ein Junge ist Taki, Teenager wie Mitsuha. Wenn er sich in die Mitte seiner Millionenstadt stellt, sieht er da zwar nicht die bunten Herbstblätter, den tiefblauen glitzernden See und die grünen Wälder, die Mitsuhas Welt begrenzen, aber dafür mehr Sorten von Reflexen auf Glas und Metall, als es auf allen Farbpaletten Töne gibt – einen Millionenspiegel von Menschenschicksalen, einen ins virtuell Unendliche erweiterten Raum, wo jede Seele werden kann, wovon sie träumt.

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          Mitsuha und Taki lernen sich lange vor ihrer ersten Begegnung kennen, lange vor dem ersten Gespräch. Sie sind eine ganze Weile, einen halben Film lang, ein ungeheuer abstraktes Liebespaar – nicht einmal ein kleines Zwiegespräch oder einen Blickwechsel gönnt ihnen, bevor alles zu allem kommt, das Kunstwerk „Kimi no Na wa“, das in der deutschen Fassung: „Your Name – Gestern, heute und für immer“ heißt. Um dieses abstrakte, nach allen bekannten Regeln der gattungskonformen Kinosentimentalität viel zu unanschauliche Liebespaar aber haben mehr Menschen im Kino gebangt als je um irgendwelche anderen Trickfilmfiguren: Der Film ist mit seinem bisherigen Welt-Einspielergebnis von rund dreihundertfünfzig Millionen Dollar die kommerziell erfolgreichste Anime-Produktion – und das gilt selbst auf dem für Japanisches nicht allzu offenen chinesischen Markt – und überdies ein gänzlich verdienter Erfolg bei der Kritik.

          Es geht in „Kimi no Na wa“ vordergründig um Körpertausch (oder andersherum, gleichsam drehsymmetrisch: um Seelentausch), in Wahrheit aber um einen sehr anspruchsvollen Begriff von Identität. Was und wer jemand ist, wird hier als ein unauflösliches Geflecht von Sehnsüchten, Meinungen, Gedanken, Taten und schließlich sowohl Anregungen als auch Reaktionen anderer Menschen gezeichnet. Das Kulissenmedium, in dem dies geschieht, verbildlicht wie die traditionellen Knüpfarbeiten, bei denen Mitsuhas Großmutter ihr die religiöse Kosmologie der Ahnen erklärt, die Idee einer fortwährenden Selbstdurchdringung der Raumzeit und zugleich die Tatsache, dass Gedächtnis Vorschau und Rückschau gleichermaßen ermöglicht.

          Wir wollen uns an dem Ort treffen, der am weitesten von jedem Abschied entfernt ist: Taki (links) und Mitsuha im grenzenlosen Tokio der Träume.

          Ist „Your Name“ magischer Realismus, Fantasy, ist das Slipstream oder Science-Fiction? Ein Schulfreund von Mitsuha schlägt nach den ersten Absonderlichkeiten, die ihm an seiner Bekannten auffallen, einen ganzen Strauß möglicher, aber nicht ästhetischer, sondern metaphysischer Interpretationsansätze fürs Erzählte vor, von der buddhistischen Reinkarnationslehre bis zur Vielweltentheorie der Everett-Version moderner Quantenmechanik. Man kann in dieser kleinen Fußnote eine Art Selbstzitat des Regisseurs erkennen, der sich in seinem bisherigen Werk von der hochzerebralen Science-Fiction-Grenzüberschreitungsparabel „The Place Promised in Our Early Days“ (2004) bis zum urbanen Gefühlsrealismus von „The Garden of Words“ (2013) alle Genregister angeeignet hat, die er für die Eroberung des jetzt erreichten werkbiographischen Hochplateaus brauchte. Mitsuha jedenfalls beißt bei den wilden Spekulationen des Schulfreunds nicht an, denn sie folgt ihrem Abenteuer nicht so, wie man einem Argument folgt, sondern so, wie man Musik macht und hört.

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