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Filmkritik : Welt ohne Kinder: „Children of Men“

Film-Kritik: Clive Owen in „Children of Men” Bild: united international pictures

Düstere Zukunftsvisionen aus dem Jahr 2027: Alfonso Cuaróns gespenstischer Science-fiction-Film „Children of Men“ macht Ernst mit dem tendenziellen Fall der Geburtenrate.

          Auch die Zukunft ist nicht mehr das, was sie mal war. Sie hat schon längst angefangen, und das hat auch den Begriff der Utopie in den Konkurs getrieben. Wer auf den absterbenden Wortstamm nicht verzichten mag, dem bleiben nur noch Dystopien. Dem Kino kann diese Insolvenz wenig anhaben, weil es sich ohnehin nur selten schöne neue Welten ausgemalt hat, in denen man morgens Jäger, nachmittags Fischer und abends kritischer Kritiker sein darf.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Science-fiction-Filme haben immer die offenen und die versteckten Ängste der Gegenwart als Rohmaterial verarbeitet und mit Imaginationskraft hochgerechnet, was in der Gegenwart an ungelösten Gleichungen steckt. Armageddon lag im Kino immer näher als Arkadien, von der „Invasion der Körperfresser“ bis zum „Blade Runner“, von „Escape from New York“ bis zum „Terminator“, von der „Matrix“ bis zum „Minority Report“. Und seit die Demographie zum beherrschenden Thema geworden ist, seit Ausstellungen und Kongresse von schrumpfenden Städten handeln und der Fall der Geburtenrate im Kapitalismus mehr Schrecken auslöst als Marx' tendenzieller Fall der Profitrate, hat man eigentlich nur auf den Film gewartet, der aus den Prognosen einen Plot macht.

          Genetische Experimenten und Epidemien

          „Children of Men“ erzählt von einer Welt ohne Kinder. Das sagt sich so lapidar, weil seit Jahrtausenden nichts selbstverständlicher ist als die Reproduktion der Gattung und kaum etwas schwerer vorzustellen, als daß sie einfach aufhört. In dieser Welt ist die staatliche Ordnung fast überall kollabiert, und wenn der Film einem auch nicht einmal andeutet, wie es zum Weltbürgerkriegschaos kam, so hat er doch, wie in einem Laborversuch, all die Themen und Schlagworte versammelt, die dem Fernsehzuschauer von heute mehr oder minder unverbunden durch den Kopf wirbeln, wenn er von Krisen und Katastrophen hört: Einwanderung und globaler Terrorismus, Überwachungsstaat und religiöser Fanatismus und, vor allem, der Fall der Geburtenrate auf Null. Im Jahr 2027, in dem „Children of Men“ beginnt, ist der jüngste Erdbewohner achtzehn Jahre alt. Auf einem Fernsehschirm in einem Imbiß ist zu sehen, wie ein vermeintlicher Autogrammjäger diesen Diego Ricardo umbringt. Warum seit 2009 kein Kind mehr zur Welt gekommen ist, bleibt wolkig: Von Luftverschmutzung, genetischen Experimenten oder Epidemien ist kursorisch die Rede.

          Das Vereinigte Königreich ist die letzte Bastion, wo die Staatsmacht die Lage noch einigermaßen unter Kontrolle hat. „The World has collapsed; only Britain soldiers on“, tönt es martialisch aus dem Fernsehen, wobei „soldiers on“ nichts weiter heißt, als daß England unbeirrt weitermacht mit den Mitteln des Polizeistaats. Paramilitärische Einheiten deportieren Einwanderer und andere Mißliebige in stacheldrahtumzäunte Lager außerhalb der Städte, und als sei das Aussterben der Menschheit nicht ohnehin unausweichlich, wird mit dem Slogan „You decide when!“ für Suizid-Pillen geworben, die „Quietus“ heißen. Da hilft es natürlich wenig, daß niemand sich den regelmäßigen Fruchtbarkeitstests entziehen darf.

          Zynisch, müde und doch tough

          Kurz nach dem Tod des jüngsten Weltbewohners fliegt der Imbiß an der Londoner Fleet Street in die Luft, und der Held des Films entkommt dem Terroranschlag nur knapp. So, wie Clive Owen im dunklen Mantel und mit grämlichem Gesicht durch die Welt geht, hat man nicht den Eindruck, er sei erleichtert, davongekommen zu sein. Theo ist ein Held, wie ihn nur das Kino hervorbringt: Zynisch, müde und doch tough läßt der ehemalige Aktivist, der inzwischen als kleiner Bürokrat für die Regierung arbeitet, sich widerwillig dazu bewegen, eine Mission zur Rettung der Welt zu übernehmen.

          Er wird von einer Rebellengruppe entführt, die gleiche Rechte für Immigranten fordert und deren Anführerin (Julianne Moore) Theos ehemalige Lebensgefährtin ist - beider Kind ist vor Jahren bei einer Grippeepidemie gestorben. Er soll Passierscheine besorgen, um eine im achten Monat schwangere Frau (Clare-Hope Ashitey) in Sicherheit zu bringen, an die Südküste Englands, in die Obhut der Organisation „Human Project“, und weil er dringend Geld braucht, nimmt er an. Die einzige Hilfe, auf die er rechnen kann, wirkt wie ein Gruß aus dem Jurassikum: Michael Caine spielt Theos Freund Jasper, einen alten, langhaarigen Cartoonisten, der mit seiner gelähmten Frau im Wald haust und selbstangebautes Marihuana raucht - der letzte Hippie.

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