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Veröffentlicht: 11.07.2014, 09:10 Uhr

Video-Filmkritik Endlich ein echter Kinderfilm!

Täuschungsmanöver mit einem sehr bekannten Stoff: Andreas Steinhöfels Kinderbucherfolg „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ kommt ins Kino. Und macht sogar Anke Engelke sprachlos.

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© ".F.A.Z., 20th Century Fox", F.A.Z. Video-Filmkritik: „Rico, Oskar und die Tieferschatten“

Irgendwann stehen die beiden auf dem Dach. Rico, der sich selbst als „tiefbegabtes Kind“ vorstellt, und der oft allzu kluge Oskar, der aus Sorge um seine Gesundheit einen Helm trägt. Rico will Oskar den Blick vom Dach des Mietshauses über Kreuzberg zeigen, sein neuer Freund aber hat Angst. Schließlich geht er dann doch bis ans Geländer, das den Dachgarten begrenzt, umklammert die Stangen, atmet tief durch. Eine Mutprobe, man kennt das aus einer ganzen Reihe von Kinderfilmen und nimmt es hier als Hinweis darauf, dass sich die beiden ziemlich unterschiedlichen Jungen aufeinander zubewegen werden: Oskar ist vielleicht doch nicht so ängstlich, wie es Rico und der Zuschauer vermutet hatten. Doch das ist allenfalls die halbe Wahrheit, stellt sich heraus - der Film „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ täuscht uns auf diese Weise fortwährend aufs Allerschönste.

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Das ist bei einem derart bekannten Stoff ein mittleres Wunder. Denn Andreas Steinhöfels Romantrilogie um die beiden ungleichen Freunde, die einem Kindesentführer auf die Schliche kommen und dabei selbst in Gefahr geraten, gehört zu den großen Kinderbucherfolgen der letzten Jahre. Und sie ist nicht zuletzt durch die vielen suggestiven Illustrationen von Peter Schössow, so scheint es, in den Vorstellungen der Leser auch optisch bestens präsent. Natürlich ist da die filmische Umsetzung eine reizvolle Sache, und natürlich liegt das Scheitern nahe - was, wenn die jungen Leser ins Kino strömen und ihre Helden dort nicht wiederfinden?

Kluge Entscheidungen

Dass es ganz anders kommt, wurzelt in drei klugen Entscheidungen. Zum einen borgt sich die Regisseurin Neele Leana Vollmar Schössows Bilder für den animierten Vorspann und diverse Auftritte im Film, knüpft also mit leichter Hand an die Ästhetik des Buchs an. Zweitens entfernt sie sich von der Vorlage gerade weit genug, um eigene Akzente zu setzen, widmet sich liebevoll Ricos Welt, schmückt aus, schlägt Volten. Hin und wieder nimmt sie den Dingen auch ihren Schrecken, und dass man deshalb unbesorgt mit Sechsjährigen ins Kino gehen kann, ist auch das Verdienst dieser Bearbeitung der Vorlage.

Vor allem aber hat ein Besetzungsgenie in Anton Petzold (als Rico) und Juri Winkler (Oskar) zwei Hauptdarsteller gefunden, die diesen Film mühelos tragen und dafür den Zeichnungen Schössows gar nicht ähneln müssen. Sie lullen uns ein, um uns permanent zu überraschen. Winklers harmlose Mimik kann jederzeit in scharfzüngigen Zorn umschlagen, wo er sich nicht genügend respektiert fühlt (was eine Eisverkäuferin, gespielt von Anke Engelke, rasch zu spüren bekommt), und dass diese Ausbrüche in der Regel mit dem völligen rhetorischen Sieg des Kindes enden, entlarvt auch seine scheinbare Hilflosigkeit in einer feindlichen Welt als Legende - der Junge kommt bestens klar, zumal mit Rico an seiner Seite. Und sein Freund, dessen Orientierungsschwäche sehr anständig filmisch umgesetzt wird, weiß sich ebenso zu helfen. Schließlich hat er gelernt, dem Chaos in seinem Kopf durch Erinnerungsstützen und Konzentration zu begegnen, und wie er das macht, versetzt ihn schließlich in die Lage, Oskar aus großer Not zu befreien.

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Erwachsene haben da ganz schlechte Karten. Als Filmfiguren sowieso - Ricos Mutter etwa, gespielt von der etwas arg berlinernden Karoline Herfurth, die Oskar dazu nötigen will, seinen Helm abzunehmen, hat seinem beharrlichen Starren nichts entgegenzusetzen. Der Schlüsseldienst-Mitarbeiter Marrak, gespielt von Axel Prahl, geht der harmlosen Raffinesse der Jungen ebenso auf den Leim wie der geschniegelte Nachbar Kiesling. Und auch Simon Westbühl (Ronald Zehrfeld), der eines Tages mit Blumen vor der Tür von Ricos Mutter steht, unterschätzt den Jungen gründlich.

Ein „echter“ Kinderfilm

Entstanden ist so ein Kinderfilm, der den Namen auch verdient: Im Mittelpunkt stehen die Jungen, die Erwachsenen an der Peripherie. Trotzdem sind sie präsent, als Bezugspersonen und vor allem als auffallende Leerstelle.

Denn Oskar wie Rico fehlt der Vater - Oskars ist zwar irgendwie da, nimmt aber die Entführung seines Sohnes derart gelassen, dass nicht nur Oskar an dessen Liebe zweifelt. Ricos Vater ist beim Fischen über Bord gefallen. Seitdem, sagt der Junge, bestellt er beim Italiener immer Pizza mit Meeresfrüchten - „aus Rache“.

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