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Filmkritik In der Hölle der Modewelt: „Der Teufel trägt Prada“

 ·  Ein Zwiebelbagel, das bedeutet Krieg: Als Chefredakteurin eines Modemagazins, die ihre Mitarbeiter quält, ist Meryl Streep eine Sensation. Doch der Film „Der Teufel trägt Prada“ zeigt sich feige vor seinem Feind.

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Niemand wird nach diesem Film mehr behaupten, die Modewelt sei eine schillernde Branche. Glitzernd und glamourös, natürlich, aber was „schillernd“ eigentlich meint, nämlich moralische Ambivalenz, wird man vergeblich suchen. Das Universum der Mode und der Zeitschriften, die sie verbreiten, ist durch und durch verdorben. Das macht zumindest dem Beobachter deutlich mehr Spaß als alles, soweit es ins Bild kommt, was jenseits seiner Grenzen liegt. Wobei das Universum der Mode und ihrer Magazine nur einen Namen kennt und dann für lange keinen mehr: „Vogue“ in der Wirklichkeit, „Runway“ im Buch (wo alles noch viel böser ist) und nun im Film.

„The Devil Wears Prada“ war 2003 ein Bestseller, geschrieben von Laura Weisberger, die einmal zehn Monate als Assistentin von Ann Wintour, der Chefin der amerikanischen „Vogue“, gearbeitet und sich für erlittenene Qualen mit diesem nur schütter fiktionalisierten Porträt der mächtigen Chefredakteurin gerächt hatte. Ann Wintour, klein, zierlich, mit einem dunklen Pagenkopf aus Beton und Brillengläsern wie schwarze Untertassen, soll nicht amüsiert gewesen sein. Bei der Filmpremiere hingegen schüttelte sie Meryl Streep die Hand. Kein Wunder. Streep ist die Sensation dieses Films, und es gelingt ihr sogar, in einer kurzen Szene ihre Rolle mit einem Hauch Menschlichkeit zu überziehen.

Hungrige Schönheit in Chanel

Meryl Streep spielt Miranda Priestly, den Teufel, der keineswegs ausschließlich Prada, sondern gern auch Hermès oder Gucci trägt. Sie kommandiert eine Heerschar von Mitarbeitern in den Redaktionsräumen des Hochglanzmagazins mit Sitz am Times Square. Die unscheinbare Andy (Ann Hathaway spielt sie hübsch, aber auch sehr brav), die tatsächlich vom Land und frisch vom College kommt, bewirbt sich um die Stelle der zweiten Miranda-Assistentin, bekommt sie verblüffenderweise auch und verwandelt sich im Zuge etwa einer Stunde vom blaustrümpfig nachlässigen Vielfraß mit Kleidergröße 38 in eine hungrige Schönheit in Chanel eine Größe kleiner. Daß das ein Fortschritt sei, bezweifeln mit ihrem Liebhaber einige Freunde, und auch der Zuschauer könnte sich in der moralisch einwandfreien Position zurücklehnen, von der aus eine solche Entwicklung verurteilt wird. Da wir es mit einer Komödie zu tun haben, kommt es jedoch anders. Denn was wir im Ernst vielleicht einer begabten jungen Frau nicht wünschen würden, ist hier deutlich interessanter als die höherstehende Moral.

In der Welt der Stilettos ist der Genuß eines Zwiebelbagels eine Kriegserklärung und ein Pullover aus der vergangenen Saison ein sehr unvornehmes Relikt der Vorzeit. Worauf es, neben einer winzigkleinen Kleidergröße, den möglichst allerneuesten Klamotten und absolutem Gehorsam in dieser Welt ankommt, ist Geschwindigkeit - der Umschlag der Stile geschieht schnell wie der Wind, die Konkurrenz schläft nicht, und so viele Dinge sind gleichzeitig zu bedenken, daß niemals Ruhe einkehrt. Kaffeeholen, Fotos hin- und hertragen, telefonieren, Flüge buchen, Schuhe abholen, zur Reinigung gehen, die Kinder mit dem noch streng geheimen neuesten Harry-Potter-Roman versorgen, Verabredungen absagen, Designer beleidigen, neue Kollektionen betrachten und verwerfen, alles das will an einem Tag erledigt sein.

Der unvermeidliche gute Schwule

Daß all dies im einzelnen nicht immer spannend ist und sich täglich wiederholt, wird nur vom Tempo kaschiert, und so sehen wir in einer urkomischen Schnittsequenz, wie Miranda vielfach hintereinander immer neue Mäntel und Taschen auf den beladenen Schreibtisch ihrer zweiten Assistentin schleudert, bei jedem Auftritt erneut, täglich manchmal mehrere Male. Die Kamera von Florian Ballhaus scheint das Tempo noch beschleunigen zu wollen, sie fegt geschmeidig über die glatten Böden und durch die fabulösen Schrankräume des Magazins, in denen Andy bald ein neues Erscheinungsbild verpaßt wird. Und zwar von Stanley Tucci, der einen engen Mitarbeiter Mirandas spielt, einen dieser gutmütigen Schwulen, die offenbar in einer Komödie aus der Welt schillernder Oberflächen nicht fehlen dürfen.

„Der Teufel trägt Prada“ ist ein für eine Weile sehr bild- und wortwitziger Film. Regisseur David Frankel konnte für dieses Thema, das Lebensgefühl, um das es geht, und natürlich New York, wo das Ganze spielt, durch die Arbeit an der Fernsehserie „Sex and the City“ üben, die Kostümbilderin Patricia Field muß Tausende von Outfits entworfen haben - es heißt, die großen Modehäuser wollten mit diesem Film nicht in Verbindung gebracht werden -, die teilweise umwerfend aussehen. Und Meryl Streep, die trotz ihrer harschen Rolle leuchtet, spielt mit einer präzisen Boshaftigkeit, daß es eine Freude ist.

Doch so durfte es offenbar nicht enden. Da Arbeit im Kino ein unbeliebtes Sujet ist, mag es noch angehen, daß wir von ihr außer der Geschwindigkeit, in der Hilfsdienste erledigt werden, eigentlich nichts sehen. Dabei hat Miranda Priestly ihre Karriere in einer Branche, deren Zentrum düsterer ist als ein S/M-Club, wohl kaum allein damit vorangetrieben, ihre Mitarbeiter zu quälen. Aber daß wir am Ende mit Andy diese Miranda und die ganze Branche verlassen, um in ethisch weniger verwerfliche, aber deutlich weniger gut gekleidete Kreise einzutauchen, ist schon eine Feigheit vor dem Bösen, und enttäuschend ist es auch.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite 35
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Jahrgang 1955, Redakteurin im Feuilleton.

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