14.03.2007 · Idi Amin war ein Monster, das annähernd vierhunderttausend Menschen auf dem Gewissen hat. Im Film „Der letzte König von Schottland“ spielt Forest Whitaker Ugandas Diktator als Horrorfigur und Clown - und gewann zu Recht den Oscar.
Von Verena LuekenFür einen jungen Schotten in den siebziger Jahren, der mehr vom Leben wollte als kleinbürgerliche Ordnung am Esstisch und auf dem Sofa, gab es offenbar zwei Sehnsuchtsorte: Kanada und Uganda. Die Erwähnung des Ersteren löste bei der Premiere des „Letzten Königs von Schottland“ auf dem Filmfestival in Toronto im vergangenen Herbst ungläubige Heiterkeit aus. Dass der junge Schotte, um den es in diesem Film geht, sich für Uganda entschied, ließ das Publikum dann zustimmend johlen. So schöne Frauen, so pralles Leben, so bunte Gewänder, Sonne und ein so charismatischer Diktator - wer wollte dem gerade approbierten Arzt Nicholas Garrigan da seine Wahl verdenken?
Nicholas ist ein naiver Mann. Von Afrika weiß er nicht viel, von Uganda nahezu nichts. Sein Interesse gilt ausschließlich den Möglichkeiten, die das Land bietet, seinen Erfahrungsschatz zu mehren und eine Menge Spaß zu haben - erst mit der Frau des weißen Arztes auf dem Land, für den er arbeitet, und mit reichlich Alkohol, später in deutlich weniger berechenbarer Gesellschaft. Idi Amin hat sich gerade gegen Milton Obote an die Spitze des Landes geputscht, und Nicholas wird sein Leibarzt, zieht aus den ärmlichen Verhältnissen auf dem Land ins prächtige Anwesen des Diktators in Kampala, genießt die Nähe zur Macht und die Insignien, die ihm von Amin verliehen werden, und irgendwann, als er längst die Gefahren der eigenen Korrumpierbarkeit hätte erkennen müssen, längst Zeuge brutaler Willkür geworden war und das Weite hätten suchen sollen, schwängert er Idi Amins dritte Frau. Mit erwartbar katastrophalen Konsequenzen für sie beide.
Vom Mitläufer zum Opfer
Die Sensation im „Letzten König von Schottland“ ist nicht dieser weiße Einfaltspinsel, der unsere anfängliche Sympathie verspielt, weil er so lange nichts begreift und ein Denunziant wird, als könne er dadurch seine Haut retten. Nicholas führt uns zwar durch die Geschichte, und James McAvoy spielt ihn gut dosiert erst als charmanten Unwissenden, dann als charmanten Mitläufer, schließlich als verzweifeltes Opfer. Aber der Film gehört Idi Amin. Beziehungsweise Forest Whitaker, der für diese Rolle kürzlich den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen hat.
Whitaker sieht nicht aus wie Idi Amin, aber er ist ein körperlich mächtiger Mann, wie auch Amin, ein ehemaliger Boxchampion, es war. Wie dieser kann er schmeicheln, dass die Nacht leuchtet, und so unerwartet in brutalste Aggressivität ausbrechen, dass die Leinwand bebt. Seine unverschämten Reden zwingen Völkerscharen in die Knie, vor Bewunderung, Heiterkeit und Angst, seine vollkommene Hemmungslosigkeit, die in den Massenmord mündet, kommt gepaart mit einem scharfen Verstand, der von den Engländern geschult worden war.
Ohne jeden Skrupel
Amin, wie Whitaker ihn spielt, ist ein Instinktwesen mit großartigem Public-Relations-Talent und ohne jeden Skrupel, das nicht nur sehr genau weiß, was die Massen fürchten, sondern auch, was sie lieben: Witze nämlich, Frechheiten gegen die ehemaligen Kolonialherren aus England, und Brot und Spiele natürlich. Wahrscheinlich wird es uns, wenn „Der letzte König von Schottland“ auch nur im Ansatz so erfolgreich laufen wird wie „The Queen“, mit Whitaker so gehen wie mit Helen Mirren, die wir nun immer vor uns sehen werden, wenn von der Königin die Rede ist, auch wenn sie gar nicht so aussieht: Niemals mehr wird Idi Amin andere Züge tragen als die des Schwarzen aus Hollywood.
Idi Amin war ein Monster. Annähernd vierhunderttausend Menschen hat er auf dem Gewissen, und dass er vor einigen Jahren im Exil in Saudi-Arabien eines natürlichen Todes starb, hat einige Verbitterung ausgelöst. Der Regisseur Kevin Macdonald hat den Mut, diesem Schlächter menschliche Züge zu geben, aber trotz der blutigen Grausamkeiten, die er uns ebenfalls nicht erspart, bleibt sein Idi Amin dann doch eine Fiktion, nämlich ein horrorfilmisch einzufangendes Geschöpf. In gewisser Weise ein Clown. Und Uganda erweist sich als prächtiger Ort fürs Unterhaltungskino.
Gefilmt ist das alles mit ziemlicher Geschwindigkeit, rasant geschnitten und orchestriert, mit einem genregerechten Schluss zu großem Geigenstreichen. Die Vorlage war ein Buch gleichen Titels von Giles Foden, eine erfundene Geschichte. Die Idee, einen Schotten nach Uganda zu schicken, wo ein Diktator wütet, der die Schotten liebte, um die Engländer zu ärgern, ist eine hübsche Idee. Aber wozu ist sie gut? Nicholas lernt, sieht und erfährt, was jeder halbwegs informierte Zeitgenosse auch ohne diesen Film weiß und was auch hier zu nichts weiter taugt als einem indignierten Kopfschütteln im Kinosessel. Wir sehen brillante Darsteller und Bilder aus einem Land, das die meisten von uns nicht kennen (der Film wurde in Uganda gedreht), und wir langweilen uns nicht im „Letzten König von Schottland“. Angesichts des historischen Hintergrunds scheint das ein bisschen wenig, und ganz wohl ist uns auch nicht dabei.